
Englands Klubs sind zumindest in der Breite meilenweit enteilt, wie ein Blick auf die internationalen Wettbewerbe zeigt. Um den Status als „Best of the rest“ zu verteidigen, gibt es für die deutschen Vereine nur einen Weg.
Es gibt diesen alten Fernglas-Spruch von Uli Hoeneß, der auf einmal wieder aktuell ist. Nicht in der Bundesliga, wo der FC Bayern nach Ansicht des heutigen Aufsichtsrats-Mitgliedes im Jahr 2007 der Konkurrenz auf Fernglas-Entfernung enteilen werde – was auch eintrat. Sondern in Europa.
In den internationalen Wettbewerben sind die englischen Klubs meilenweit davongezogen. Aus Deutschland kann höchstens der FC Bayern mithalten. Und auch der verlor sein einziges Spiel in der Liga-Phase der Champions League gegen eine Mannschaft von der Insel: 1:3 im November beim FC Arsenal, dem Tabellenführer der Premier League.
Die Übermacht Englands im europäischen Fußball wird in der Königsklasse besonders deutlich. Sechs Klubs durften aus der Premier League starten. Vier (Liverpool, Arsenal, Manchester City, Chelsea) qualifizierten sich über die Platzierung in der Meisterschaft, einer von zwei Zusatz-Plätzen auf Basis der besten Ergebnisse der Vorsaison in allen internationalen Wettbewerben ging ebenfalls an die Briten (Newcastle) und einer an Tottenham, den Gewinner der Europa League 2025. Was den Vereinen der anderen Top-Ligen größten Respekt einflößt: alle sechs englischen Klubs erreichten das Achtelfinale.
In der Europa League sind Nottingham und Aston Villa weiterhin im Rennen, in der Conference League ist Crystal Palace im Achtelfinale dabei. Kein englischer Verein flog in der Liga-Phase oder den Play-offs raus. Einzigartig in Europa.
Die Abrechnung vor den Achtelfinals belegt eindrucksvoll, dass aus dem vielen Geld in der Premier League, der am besten vermarkteten Fußball-Liga der Welt, Tore und Punkte werden. Beim FC Bayern hat man die Zeichen des Marktes längst erkannt. Erst im vergangenen Sommer verlor der deutsche Rekordmeister die Transfer-Duelle um Florian Wirtz und Nick Woltemade gegen Liverpool und Newcastle.
Keine Angst vor Englands Macht
Die Machtdemonstration der englischen Vereine, gerade in der Champions League, sorgt zwar für große Anerkennung. Aber nicht für Angst. „Sechs englische Mannschaften im Achtelfinale, das ist schon gewaltig“, stellt Jan-Christian Dreesen, Vorstandschef des FC Bayern, fest. „Aber ich habe mir nach der Auslosung mal die Mühe gemacht zu schauen, wie es in den letzten Jahren war.“ Ergebnis: „In der Breite ist England total präsent, aber in der Spitze haben die Engländer in den letzten sechs Jahren lediglich zweimal die Champions League gewonnen. Sie waren auch nur dreimal im Finale.“
2021 war Chelsea mit dem ehemaligen Leverkusener Kai Havertz erfolgreich, 2023 holte Manchester City den Henkelpott. Der FC Bayern krönte sich in diesem Zeitraum einmal als König Europas (2020). Real Madrid war zweimal der Sieger (2022, 2024), Paris Saint-Germain einmal (2025).
Dreesen rechnet weiter vor: „In der Europa League haben sie nur einmal gewonnen.“ Sein Fazit: „Die Premier League ist in der Breite zurzeit sicher das Maß aller Dinge. Aber es gelingt anderen durch gute Arbeit immer noch, da Schritt zu halten und auch Titel zu gewinnen.“
Steht es gar nicht so schlecht um den deutschen Fußball? Immerhin gewann Eintracht Frankfurt 2022 die Europa League, Leverkusen erreichte 2024 das Finale (0:3 gegen Bergamo) und 2023 das Halbfinale. Dortmund stand 2024 im Endspiel der Champions League (0:2 gegen Real Madrid).
Simon Rolfes, Sportchef in Leverkusen, teilt Dreesens Ansicht. „Die Engländer haben die klare Vormachtstellung gegenüber allen anderen Ligen“, erklärt Rolfes, der die Bundesliga mit den anderen Spitzenligen aus Spanien, Italien, Portugal und Frankreich mindestens auf Augenhöhe sieht.
Das spiegelt der Kampf um einen der beiden zusätzlichen Champions-League-Startplätze wider, die anhand der Erfolge in der aktuellen Saison in allen internationalen Wettbewerben ermittelt werden. Im Uefa-Ranking liegt die Premier League vorne, holte bisher 22,291 Punkte in dieser Wertung. Es folgt Deutschland mit 17,571 Punkten vor Spanien (17,406) und Italien (17,357). Die Chancen auf den fünften Champions-League-Platz in der nächsten Saison stehen gut.
Nur Leverkusen ist im Achtelfinale Außenseiter
In der Königsklasse stehen der FC Bayern (gegen Bergamo) und Leverkusen (gegen den FC Arsenal) im Achtelfinale. In der Europa League sind Stuttgart (gegen FC Porto) und Freiburg (gegen Genk) weiterhin vertreten. Mainz trifft in der Runde der letzten 16 Mannschaften der Conference League auf Sigma Olmütz. Einzig Leverkusen ist Außenseiter. Für die Endabrechnung im Kampf um den Bonus-Startplatz ist aufgrund der verbliebenen Teams nur Spanien ein echter Konkurrent.
Die Bundesliga-Bosse können damit leben, „Best of the Rest“ hinter der Premier League zu sein. Zumindest so lange, wie ernsthafte Titel-Ambitionen gerechtfertigt sind. In der Champions League ist das beim FC Bayern der Fall. Die Münchner belegten nach der Liga-Phase Platz zwei. Leverkusen als zweitbestes deutsches Team landete auf Rang 16, setzte sich in den Play-offs gegen Olympiakos Piräus durch.
Dortmund scheiterte in der K.-o.-Runde trotz des 2:0 im Hinspiel an Atalanta Bergamo. Ohne den BVB-Rückschlag wären die Aussichten der Bundesliga noch viel besser. Das 1:4 im Rückspiel hat aber gezeigt: Auf allerhöchstem Niveau ist nur der FC Bayern in Europa konkurrenzfähig.
Damit die Bundesliga zumindest den zweiten Platz verteidigen kann, scheint es nur einen Weg zu geben. „Wir müssen unseren Fokus auf die Entwicklung von Spielern legen und sie ausbilden – weil du dann Qualität und Werte schaffst“, sagt Leverkusens Rolfes, der im vergangenen Sommer Stars für 300 Millionen Euro verkauft hat. „Auf diese Weise können wir (die deutschen Vereine, die Redaktion) das Niveau für alle Wettbewerbe verbessern.“
Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche teilt die Meinung: „England hat sich in den vergangenen Jahren finanziell deutlich abgesetzt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dort andere sind“, sagt er. „Unser Ansatz muss deshalb sein, diese Unterschiede über eine noch bessere Nachwuchsarbeit zu kompensieren. In diesem Bereich haben wir in Deutschland nicht immer optimal gearbeitet, aber wir sind dabei, Strukturen zu verbessern. Bis sich das nachhaltig auswirkt, wird allerdings noch einige Zeit vergehen.“
Engländer bilden mehr eigene Top-Talente aus
Für die Ausbildungs-Liga als Zukunfts-Vision gibt es ein weiteres Argument: Seit dem Brexit, dem Austritt Englands aus dem Binnenmarkt der EU zum 1. Januar 2021, dürfen englische Klubs keine minderjährigen Spieler mehr aus den EU-Ländern verpflichten. Die schwerreichen Manchester Citys und Chelseas können unsere Talente also nicht mehr vor ihrem 18. Geburtstag kaufen. Das stärkt die deutschen Vereine im Kampf um die eigenen Juwele wie Bayerns Lennart Karl.
Die Engländer bilden dafür mehr eigene Top-Talente aus. Das hilft ihrer Nationalmannschaft um den deutschen Trainer Thomas Tuchel und Kapitän Harry Kane vom FC Bayern. Frankfurts Krösche: „Perspektivisch wird es auch für die Nationalmannschaft anspruchsvoller, mit England mitzuhalten. Die Premier League vereint enorme finanzielle Möglichkeiten mit einer sehr konsequenten Talentförderung. Diese Kombination macht es schwierig, dauerhaft auf Augenhöhe zu bleiben.“
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In England wurde im Nachwuchs das klassische Ligen-System mit Tabellen überarbeitet. Es gibt mehr Turnierformen und Qualifikationsrunden für regionale und nationale Wettbewerbe, die in kürzeren Abständen ausgetragen werden. Zudem ist es üblich, dass ein Klub mit mehreren Leistungsmannschaften unterschiedlicher Altersklassen zu einem anderen fährt, und dort die Mannschaften gegeneinander spielen. Damit alle Spieler zum Einsatz kommen, variieren die Spielzeiten. Das können auch 4 x 30 Minuten sein.
Das System in Verbindung mit den großen Investitionen funktioniert. Die „Three Lions“ zählen bei der WM 2026 im Sommer in Mexiko, Kanada und den USA zum engsten Favoritenkreis. Fernglas-Alarm besteht für die DFB-Elf trotzdem nicht. Das beweist die Premier League. Florian Wirtz ist im Jahr 2026 im Trikot des FC Liverpool der auffälligste Spieler in der besten Liga der Welt.
Mitarbeit: Ulrika Sickenberger und Torsten Rumpf
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
