Gladbach-Ultra Körber: Vom Capo in die Kirche

Sven Körber war der erste Ultra-Vorsänger im Gladbacher Borussia-Park. Sein Name ist in der Szene bis heute bekannt. Jetzt hält er Gottesdienste und Trauungen ab. Für die Rettung vor dem Abstieg will er aber nicht beten.

Als es Sven Körber im Gladbacher Auswärtsblock beim Spiel in Rostock zu leise wird, ergreift er die Initiative. Er marschiert durch die Reihen, animiert die anderen Anhänger erst einzeln und besteigt schließlich den Wellenbrecher, um laut brüllend Borussias Fanszene einzupeitschen. Im legendären Bökelbergstadion wiederholt sich diese Szene mehrfach. „Ich habe mich an dem Zaun zwischen zwei Blöcken festgehalten, irgendwann kam dann das Megafon zum Einsatz“, erinnert er sich.

Vor rund 25 Jahren stieg Körber so zum festen Capo der Ultra-Szene auf. Er war nach dem Umzug 2004 der erste Vorsänger im Borussia-Park. Sein Name ist in der Szene bis heute bekannt, wenn nicht sogar berüchtigt.

Inzwischen ist seine Welt auf den ersten Blick eine vollkommen andere. Bei besinnlicher Stille zündet Körber drei Kerzen in der Kirche an, wirft sich seinen Talar über und breitet mit der Bibel im Arm die Hände aus. „Heute Morgen habe ich Jugendlichen eine Geschichte vorgelesen, in der Jesus 5000 Menschen sättigt – mit nur fünf Broten und zwei Fischen“, erzählt der 45-Jährige beim Besuch.

„Fußball ist eine Brücke, um ins Gespräch zu kommen“

Gladbachs ehemaliger Capo ist heute Pastor der evangelischen Gemeinde Balve im Sauerland. Genauer gesagt ist Körber Gemeindepädagoge mit pastoralem Auftrag. Jeden Sonntagmorgen leitet er einen Gottesdienst, führt Trauungen, Beerdigungen und Jugendprojekte durch. Sein Credo: „Ich möchte Brücken bauen in dieser Gesellschaft. Und der Fußball ist eine Brücke, um ins Gespräch zu kommen.“

Sein ungewöhnlicher Weg: 1995 hat er erstmals eine Dauerkarte und bekommt zur Konfirmation Tickets fürs Pokalfinale zwischen Gladbach und Wolfsburg (3:0) geschenkt. Er tritt der aktiven Fanszene (FPMG Supporters Club) bei, steigt später in den Vorstand auf und fährt zu immer mehr Auswärtsspielen. Rund zehn Jahre lang ist er Capo, in seiner Nähe auf dem Zaun war oft auch der legendäre Trommler „Manolo“ zu sehen.

Das Theologiestudium, das er parallel begonnen hat, fährt er nach eigener Aussage „gegen die Wand. Weil ich bei so vielen Spielen war und so viel in der Gemeinde gearbeitet habe.“ 2008 zieht er sich zurück, um sich auf seine berufliche Karriere zu konzentrieren. Etwa zeitgleich müssen sich die Ultras Mönchengladbach (UMG) durch einen Zaunfahnen-Klau durch die Köln-Ultras auflösen. Über die Evangelistenschule Johanneum in Wuppertal schafft er letztlich den Aufstieg bis zum Gemeinde-Verantwortlichen in Balve.

Seinen Konfirmationsspruch („Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun“) hat er sich in Gladbach-Grün in seinen Talar sticken lassen. Im Sauerland hat er einen eigenen Fanklub („Felsenmeer Fohlen“) gegründet, fährt pro Saison zu rund 25 Spielen. Seine Dauerkarte hat er in Block 17A oberhalb der Gladbacher Fanszene, auswärts fiebert er gern auch mal im Stehbereich mit.

Körber sagt: „Die Rolle der Ultras hat sich in den Jahren natürlich verändert. Heute ist es teilweise auch erlebnisorientierte Jugendkultur. Zu ein paar Älteren habe ich noch freundschaftlichen Kontakt. Ich wurde auch schon dreimal für Trauungen von Fans angefragt, weil sie meinen Namen kannten.“

Welche Meinung hat Körber zu den aktuell umstrittenen Themen rund um die Ultras? Bei der geforderten Abschaffung des Videobeweises geht er mit: „Der VAR beeinträchtigt die Emotionen im Stadion, das ist doof. Man sollte den Schiedsrichtern wieder mehr Verantwortung übertragen.“ Auch er ist ein Verfechter der 50+1-Regel, meint: „Da hat die Liga ein gutes System ohne zu viele Investoren.“ Zum Thema Pyrotechnik sagt Körber: „Pyrotechnik ist Geschmackssache, aber ich persönlich mag lieber Fahnen als Pyro.“

2001 verließ Körber beim wackeligen Stand von 2:2 beim Spiel in Fürth mal kurzzeitig den Block, betete für den Aufstieg. Gladbach brachte das Unentschieden über die Zeit und stieg auf. Betet Körber jetzt auch für die Rettung? Gladbach hat nach dem 1:4 beim FC Bayern nur noch einen Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz. „Nein“, sagt er: „Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Fußball und der Klassenerhalt. Ich hoffe aber, dass wir drin bleiben.“ Das hat auch einen praktischen Grund: „Bis zum Anstoß in der 2. Liga sonntags um 13.30 Uhr würde ich es nach dem Gottesdienst nicht mehr rechtzeitig ins Stadion schaffen.“