Gewollt schlampig: Der Trend zu menschlicher Unvollkommenheit in Mode und Design – Stil

„Das gehört so“ zählt zu den genialsten Sätzen überhaupt. Grammatikalisch eher fragwürdig, dafür absolut universell einsetzbar. Ästhetisch lässt sich damit alles rechtfertigen, egal, wie seltsam es erst mal aussehen mag, ganz gleich, ob es wirklich so gehört. In der Mode stimmt die Aussage allerdings gerade ziemlich oft. Dieser unordentliche Hemdkragen des Schauspielers Josh O’Connor auf dem Bild als neues Aushängeschild von Dior – der ist tatsächlich so gewollt. Eine Seite wurde korrekt abgewinkelt, die andere steht zu Berge. Auch die Prada-Bustiers in der aktuellen Frühlingskollektion schlabbern absichtlich nutzlos und wie viel zu groß geschnitten über der Brust herum. Dass der Hosenstall bei Versace zuletzt halb offen stand auf dem Laufsteg, war ebenfalls kein Unfall. Für all diese vermeintlichen Schlampigkeiten gibt es sogar eine Erklärung. Es ist gut, weil es nicht perfekt aussieht. Totale Perfektion ist nämlich out, das Unvollkommene in.

Das war schon in den Saisons zuvor ansatzweise zu beobachten. Die Haare bei Miu Miu und Prada wurden betont verwuschelt, in vielen Kollektionen rutschten Träger nicht ganz zufällig herunter oder Säume nach oben. Üblicherweise geht es Designern dann um mehr Lässigkeit und Nonchalance, aber derzeit kommt noch eine andere Komponente hinzu: Überall soll es betont menscheln. Schließlich ist niemand perfekt und das ist auch gut so und sowieso charmanter und so weiter. Voll das echte Leben!

Passt nicht, rutscht und labbert - soll aber genauso sein. Auch Prada feierte zuletzt die liebenswerte Unordnung.
Passt nicht, rutscht und labbert – soll aber genauso sein. Auch Prada feierte zuletzt die liebenswerte Unordnung. (Foto: Prada/Prada)

Woher diese nicht ganz bahnbrechende Erkenntnis plötzlich kommt? In Zeiten von KI, die vermeintlich immer besser und bedrohlicher wird, muss der Mensch ihr dringend etwas entgegensetzen. Also besinnt er sich auf seine Stärken beziehungsweise die liebenswerten Schwächen, die uns erst zu dem machen, was wir sind. Jeder Mensch ist einzigartig, deshalb ist auch das vom Menschen Gemachte irgendwie eigenartiger, individueller, wärmer, tiefgründiger und damit nicht zuletzt – das ist wichtig für die Verkaufe – luxuriöser. Entsprechend lautet einer der wichtigsten Trends in Mode und Design dieses Jahr „human“ beziehungsweise „humanmade“.

Nach Jahren der sogenannten „Clean Girl“-Ästhetik – also gestriegelter Glamour mit perfektem Glow, seidigen Haaren wie bei Emily-in-Paris und eiserner Disziplin – tauchen auf den Moodboards jetzt plötzlich wieder die Olsen Twins mit ihren strähnigen Mähnen und zerbeulten Birkin-Handtaschen auf. Die Sängerin Charli xcx wirkt heute endgültig cooler als Taylor Swift, gerade weil man ihr zutraut, gelegentlich so etwas wie Körpergeruch zu entwickeln. Bei der ersten Chanel-Kollektion von Matthieu Blazy war der Klassiker, die 2.55 Bag, nachträglich bearbeitet und mit einem Draht im Rahmen versehen worden, um sie von vornherein so wirken zu lassen, als sei sie „am Körper getragen und geliebt worden.“ Die Dinge sollen sichtbare Spuren von menschlichem Leben haben, um echt auszusehen. Alles allzu Glatte wirkt in seiner Teflonhaftigkeit dagegen schon beinahe aggressiv, „künstlich“ steht endgültig auf der schwarzen Liste, weil im Netz allmählich keiner mehr durchblickt, was real und was fake ist.

Zerknautscht und ausgleiert? Dabei ist diese Chanel-Tasche komplett neu und täuscht die liebevolle Abnutzung nur vor.
Zerknautscht und ausgleiert? Dabei ist diese Chanel-Tasche komplett neu und täuscht die liebevolle Abnutzung nur vor. (Foto: CHANEL/CHANEL)

„Absichtlich unvollkommen“ sei im Design der übergeordnete Megatrend 2026, vermeldete die Plattform Canva Ende vergangenen Jahres. In der App können Nutzer Grafiken und Layouts erstellen, Logos entwerfen und dabei auf viele Vorlagen zurückgreifen. Auffällig oft suchten sie zuletzt nach dem „unvollkommenen Charme handgemachter Kreativität“ heißt es. Oft kommt dabei ein nostalgischer „Lo-Fi“-Look mit wie von Hand gemachten Collagen und Scrapbooks heraus. KI als Hilfsmittel ist okay – aber nicht als Stilmittel.

Im Innendesign setzen Leute wie der bekannte Gestalter Axel Vervoordt seit Langem auf die Philosophie des Wabi-Sabi. Das japanische Ästhetikkonzept steht für die Lehre, Schönheit im Unperfekten zu entdecken, in rauen Stoffen, in Materialien mit sichtbaren Unregelmäßigkeiten, in asymmetrischen Formen. Am deutlichsten wird das Prinzip wahrscheinlich in der Reparaturkunst Kintsugi, bei der Scherben zusammengeklebt und die Bruchstellen dann aufwendig und deutlich sichtbar mit Gold- oder Silberstaub verziert werden. Der Riss wird so zu einem wichtigen Teil des Objekts. Wie Lebenslinien, die Geschichten erzählen. Oft sind die Gegenstände hinterher sogar teurer als vorher. Die französische Marke Astier de Villatte, ohnehin bekannt für ihre außergewöhnliche Porzellanmanufaktur mitten in Paris, verkauft in Kooperation mit der japanischen Designerin Chitose Abe und ihrem Label Sacai Designs, die von dieser Technik inspiriert sind. Teller und Schüssel in Scherben-Patchwork aus ganz unterschiedlichen Teilen. Preis für ein solch „unperfektes“ Werk: ab 290 Euro.

„Humanmade“ ist das neue „Handmade“

So wie als Reaktion auf die Industrialisierung „von Hand gemacht“ zum Distinktionsmerkmal avancierte, dürfte das neue Gütesiegel im Zuge von Robotik und künstlicher Intelligenz „menschengemacht“ lauten. Die Grenzen sind hier natürlich fließend, aber nach dem Handwerk-Porno der vergangenen Jahre musste ohnehin allmählich ein neues Label her. Vermutlich wird es in Zukunft einfach häufiger „humanmade“ statt „handmade“ lauten.

Ende vergangenen Jahres ging in Großbritannien das erste Start-up für ein derartiges Biosiegel für Bücher an den Start: Books By People will sich mit Verlagen zusammenschließen, um deren Werke mit dem „Organic Literature Stamp“ als Abgrenzung zur wachsenden KI-Literatur zu versehen. Auch Podcasts werben nur noch halbironisch mit dem Hinweis „100 percent human“, und ausgerechnet ein Tech-Konzern wie Apple flankierte seine Weihnachtskampagne für das iPhone 17 Pro mit reichlich Behind-the-Scenes-Videos, um zu zeigen, dass der Spot mit den singenden Tieren im Wald nicht computergeneriert war, sondern „von Hand“ mit echten Kulissen und echten Puppenspielern gedreht wurde. Je mehr die KI in den Alltag dringt, desto mehr wird der Mensch auf Selbstverteidigungsmodus schalten und im Marketing die komplette Klaviatur an Emotionen abspulen. Brot, das „mit Liebe gemacht“ wird (jetzt noch mehr!), Suppen, die noch von Hand versalzen werden, Telefonzentralen, wo man noch von echten Menschen (keine) Auskunft erhält.

In einigen Städten der USA fahren bereits autonome Fahrzeuge von Waybo durch die Gegend. Aktuell sind diese Roboter-Taxis sogar noch teurer. Aber in Zukunft dürften KI-Skeptiker oder Nostalgiker bereitwillig einen Aufschlag für einen human driver zahlen, selbst wenn die statistisch gesehen fehlbarer sind. Viele Dienstleister könnten in diesem Sinne das Vinyl der Zukunft werden – liebgewonnene Relikte einer vergangenen Zeit, die jedoch nie ganz verschwinden, weil sie mehr Atmosphäre vermitteln und mehr zu erzählen haben.

Feiert die Schönheit des Kaputten: Porzellanteller in japanischer Tradition von Astier de Villatte.
Feiert die Schönheit des Kaputten: Porzellanteller in japanischer Tradition von Astier de Villatte. (Foto: Astier de Villatte)

Storytelling ist schon lange ein großer Trend in der Luxusbranche. Die Geschichte hinter den Marken, die Geschichte hinter den Menschen, die für die Marke arbeiten, die Geschichte hinter den Produkten, die in stundenlanger Kleinstarbeit an einem märchenhaften Ort zusammengezimmert wurden. Demnächst dürften noch eine ganze Menge weiterer Erzählstränge ausgepackt werden. Wie schwierig etwas (von Menschen) umzusetzen war, wie viel dabei schiefging, wie einzigartig das Ergebnis ist. Vollautomatisierte und von der KI gesteuerte Prozesse produzieren nämlich höchstens gute Ergebnisse, Dividenden und Skaleneffekte, aber keine das Portemonnaie erwärmenden Anekdoten.

Die Menschen werden deshalb auch noch mehr Spuren auf von ihnen gemachten Produkten hinterlassen. So wie Künstler ihre Werke signieren, bekommt bei Astier de Villatte jedes Stück Keramik einen Stempel mit den Initialen des Handwerkers, der es gefertigt hat. Die aufwendigen Mosaiktaschen der italienischen Marke Serapian haben innen ein Label mit dem Namen des artigiano eingenäht. Designer richten in letzter Zeit auffällig oft handgeschriebene Briefe und Grußworte an ihr Publikum. Das Firmenlogo ist Massenware, der vermeintlich persönliche Touch macht den Unterschied.

Eine Ausnahme gibt es natürlich im neuen Streben nach charmanter Unperfektion: Das Styling darf ansatzweise schlampig oder betont nachlässig sein, aber Gesicht und Körper haben – mehr denn je – makellos auszusehen. Da kann noch so oft von Natürlichkeit, Authentizität und wertvollen Spuren die Rede sein, die Tendenz geht eher in Richtung noch weniger Falten, noch gestählterer Körper. Man muss es ja auch nicht gleich übertreiben mit der Menschlichkeit.