Getrennte Eltern: Wie geht es Kindern, die pendeln? – Gesellschaft

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Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich ein Teenager war, war ich eine Zeit lang auf meinen Freund S. neidisch. Warum? Seine Eltern waren geschieden.

Nun habe ich mir nicht etwa eine Trennung gewünscht, weil bei uns zu Hause ständig gestritten wurde und mich das so belastet hätte. Ich war aus einem anderen Motiv neidisch. Als sein Vater auszog, bekam S. in dessen neuer Wohnung ein zweites Jugendzimmer. Mit Kabelfernsehen. Und einem Gameboy. Bei uns daheim gab es eine alte Glotze mit fünf Programmen und einen Plattenspieler, auf dem man sich „Mozart für Kinder“ oder „Beethoven für Kinder“ anhören konnte. Das war alles, was es an Berieselung gab.

Meine Kollegin Nathalie Klüver hat nun vor Kurzem mit drei Jugendlichen gesprochen, die zwischen ihren Eltern pendeln (SZ plus). Über manche Aspekte – etwa die Logistik, immer das Schulzeug am richtigen Ort zu haben – hat man als Nicht-Trennungskind vielleicht mal nachgedacht. Damals zum Beispiel, wenn S. neben einem im Klassenzimmer geflucht hat, weil das Englischbuch schon wieder in der falschen Wohnung lag. Über andere Dinge aber nicht – bedrückend fand ich in Klüvers Protokollen etwa, dass die Jugendlichen oft das Gefühl haben, ein Elternteil zu enttäuschen, wenn sie in der Zeit bei ihm auch mal was mit ihren Freunden machen wollten.

Auch S. war damals ziemlichem Druck seitens seines Vaters ausgesetzt. Und auch die Sache mit dem Gameboy war auf gewisse Art und Weise emotional kontaminiert. Er durfte ihn nicht aus der Wohnung des Vaters mitnehmen, sondern nur dort benutzen. Natürlich ein Trick: So wollte der Vater erreichen, dass der Sohn lieber bei ihm als bei der Mutter Zeit verbringt.

Bestechung durch Screentime würde man dazu heute sagen – die bei einigen Scheidungsfamilien heute aber gar nicht mehr nötig wäre: Beim sogenannten Nestmodell sind es die Kinder, die in der Wohnung bleiben und es sind die beiden Elternteile, die wechselweise mit einer Reisetasche anrücken. Hat doch eigentlich nur Vorteile, oder? Der Meinung ist meine Kollegin Carolin Fries – dass es aber auch Gründe gibt, die gegen das Modell sprechen, entgegnet ihr Karin Janker in einem „Pro und Contra“ (SZ plus).

Ein gutes Wochenende, mit oder ohne Gameboy, aber auf jeden Fall mit Ihrer Familie, wünscht

Moritz Baumstieger