
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken
(CDU) hat das geplante Primärarztsystem bei einem Auftaktgespräch mit Vertretern von Ärzteverbänden und Krankenkassen verteidigt. Sie erhoffe sich davon eine bessere
und schnellere Versorgung sowie Einsparungen in Milliardenhöhe. Das neue System sieht vor, dass Patientinnen und Patienten zuerst (also primär) zu ihrer Hausärztin gehen, bevor sie einen Facharzt aufsuchen.
Bei Bedarf kann die Hausarztpraxis die Patienten dann mit einem festen Terminzeitraum an Fachärzte überweisen. Laut Warken soll es außerdem möglich sein, telefonisch oder digital eine Ersteinschätzung zu erhalten. Ausnahmen
soll es für Besuche beim Augenarzt, Gynäkologen, Zahnarzt und Kinderarzt
geben sowie für chronisch Erkrankte.
Aktuell würden die Patientinnen und Patienten selbst entscheiden, zu welchem Arzt sie gehen, sagte Warken. Dies führe zu „einer ineffizienten Nutzung unserer begrenzten Ressourcen“ und teilweise langen Wartezeiten in den Praxen. „Das wollen und werden wir ändern“, kündigte die Ministerin an. Union und SPD hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag auf die Einrichtung des sogenannten Primärarztsystems geeinigt.
Viele überflüssige Facharztbesuche
In Deutschland können Patienten bislang weitgehend selbst festlegen, zu
welchem Arzt sie gehen. Das führt nach Angaben von Ärzteverbänden zu vielen überflüssigen Praxisbesuchen. Im
internationalen Vergleich gehen die Bundesbürger überdurchschnittlich
häufig zum Arzt, manchmal auch zu mehreren Haus- und Fachärzten pro
Quartal.
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagte, es solle kein „Flaschenhalssystem“ werden, das Menschen von der Versorgung fernhalte. Die stellvertretende Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, Stefanie Stoff-Ahnis, sagte, der eigentliche Durchbruch werde durch eine Kopplung der digitalen Ersteinschätzung mit einer E-Überweisung und einer einheitlichen digitalen Terminbörse entstehen.
Freiwilliges Modell zeigt Wirkung
Schon jetzt gibt es ein Hausarztmodell auf
freiwilliger Basis. Die gesetzlichen Krankenkassen sind bereits dazu verpflichtet, eine hausarztzentrierte Versorgung (HzV) anzubieten.
Mehr als zehn Millionen Menschen machen freiwillig mit.
Patientinnen und Patienten verpflichten sich dabei gegenüber ihrer
Krankenkasse, immer zunächst die Hausärztin oder den Hausarzt
aufzusuchen. Wer sich beteiligt, kann von günstigeren Tarifen
profitieren. Laut einer AOK-Studie gehen die Teilnehmer an dem Modell deutlich seltener ohne Überweisung zum Facharzt oder suchen Notaufnahmen auf.
Manche Ärzte warnen vor einer Überlastung der
Hausärzte. Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sagte allerdings,
das Primärarztsystem könne ein kleiner Baustein sein, um für mehr
Effizienz im System zu sorgen. „Dass sich jeder auf Kosten der
Allgemeinheit aussucht, was ihm am besten passt, das ist weltweit
einzigartig, aber nicht fair und definitiv nicht mehr länger leistbar
und bezahlbar“, sagte Reinhardt.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken
sagte, ein erster Gesetzentwurf solle bis zum Sommer erarbeitet werden.
Greifen solle das neue System voraussichtlich 2028.
