Ratternd rollt ein Supermarkt-Mitarbeiter einen Warencontainer über den Fliesenboden, aus den Lautsprechern an der Decke dudelt Popmusik, die Kassen piepsen beim Abscannen der Einkäufe: Vieltönend klingt das geschäftige Treiben im „Rewe Tekin“ in Heusenstamm am Mittwochnachmittag. Doch um 15 Uhr legt sich ein Schalter um: Die Deckenbeleuchtung wird abgedunkelt, die Musik geht aus, das Piepsen an den Kassen wird leiser, kein Container wird mehr herumgerollt. So wird es nun für zwei Stunden bleiben, wie jeden Mittwoch zur „Stillen Stunde“ in dem Einkaufsmarkt in der Kleinstadt bei Offenbach.
Die Welt ist oft laut und grell, geprägt von einem Grundrauschen: Musik berieselt Einkaufsmärkte und Restaurants, Videos flimmern auf Bildschirmen, Busse geben beim Schließen der Türen an jeder Station Warntöne von sich, und irgendjemand redet oder telefoniert immer, ständig wird irgendwas gesendet. Herunterfahren, Ruhe und Stille zulassen – danach scheinen sich immer mehr Menschen zu sehnen, als Gegenpol zur Reizüberflutung heutiger Realität und teils auch zur Gesundung der Seele.
„Weniger Reiz, mehr Inklusion, entspannteres Einkaufen“ lautet der Slogan der „Stillen Stunde“, deren deutschlandweite Etablierung vom Verein „gemeinsam zusammen“ vorangetrieben wird. „Es geht darum, dass wir unsichtbare Barrieren abbauen“, erklärt Initiatorin und Projektplanerin Rebecca Lefèvre. Das Engagement der Werbefachfrau hat auch ganz persönliche Gründe: Sie ist Autistin. Die Idee komme aus Neuseeland, sagt sie. Dort habe ein Supermarktmitarbeiter mit autistischem Kind eine „Quiet Hour“ initiiert, die bereits flächendeckend praktiziert werde. „Ich selbst habe es in der Schweiz erlebt“, erzählt Lefèvre. „Und es war eine Offenbarung.“
Immer mehr Geschäfte bieten „Stille Stunde“ an
In Deutschland setzt sie sich seit zwei Jahren für eine „Stille Stunde“ ein. Angefangen habe es mit einem Internet-Post im Juli 2023, daraufhin hätten sich circa 300 teilnehmende Geschäfte auf der Homepage des Vereins registriert. „Und es nimmt stetig zu“, sagt Lefèvre. Inzwischen seien sie mit 200 Kommunen in Kontakt, mit Behindertenbeauftragten und Politikern. Dabei geht es ihnen vor allem um Aufklärung und Inklusion. Derzeit werde davon ausgegangen, dass etwa jeder Fünfte unter einer chronischen Krankheit leidet, sagt Lefèvre. Darunter seien etwa ein bis drei Prozent Autisten und fünf bis sieben Prozent Betroffene mit ADHS, also einer Aufmerksamkeitsdefizit- beziehungsweise Hyperaktivitätsstörung. Zudem gebe es eine große Dunkelziffer an Menschen, die unter der Reizüberflutung des Alltags leiden. „Wir wollen, dass man das als Zielgruppe wahrnimmt.“
Der Rewe in Heusenstamm ist an diesem Nachmittag wie in Watte gepackt. Dadurch schieben sich andere Geräusche in den Vordergrund, die man sonst leicht überhört: das Brummen der meterlangen Kühlschrankreihen, das Klirren von Sektflaschen beim Stellen in den Einkaufswagen, das Rascheln von Toastbrot- oder Chipstüten beim Legen aufs Warenband, das Klimpern des Kleingelds in der Kasse. Man hört, dass der Laden trotz „Stiller Stunde“ brummt. Aber anders, leiser. Wie ein Einkaufshörspiel mit Schalldämpfer.

„Es ist angenehmer zu arbeiten, relaxter“, findet Ilona Menke, die hinter der Fleisch- und Wursttheke steht. „Man kann sich besser mit den Kunden unterhalten.“ Was sie gerade unter Beweis gestellt hat im Gespräch mit einem Mann: Sie hat ihm Tipps für die Zubereitung von Fleisch im Salzmantel gegeben. „Für uns als Mitarbeiter ist es auch schön, wenn mal mehr Ruhe ist“, bestätigt auch Marktleiter Süleyman Alasal, entschleunigt zwischen den Gängen unterwegs. „Das tut der Seele gut.“
Sie seien vor zwei Jahren mit die Ersten in Hessen gewesen, die bei der „Stillen Stunde“ mitgemacht haben. Der Geschäftsführer des Rewe-Marktes in Heusenstamm, Sedat Tekin, habe eine Anfrage von einem Behindertenverband bekommen, erzählt Alasal. „Und er hat sich gewagt.“ Befürchtungen, dass der heruntergedimmte Betrieb zu Umsatzeinbußen führen könnte, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: „Ich habe das Gefühl, dass mittwochs immer mehr Menschen kommen.“
In Stille einkaufen ist „eine Wohltat“
Dass die „Stille Stunde“ gut ankommt, bestätigen auch die Kunden. „Ich find’s super“, sagt Nicole Keles. „Für mich ist das eine Wohltat hier.“ Sie arbeite selbst im Einzelhandel und leide infolge eines bewaffneten Überfalls unter einer Angststörung. Laute Geräusche und Hektik könnten bei ihr Panikattacken mit Atemnot und Herzrasen auslösen, erzählt sie. Sie habe Supermärkte deswegen schon „panisch“ verlassen müssen. Aber hier könne sie entspannt einkaufen. „Ich komme gezielt her.“
Eine Ruheinsel ist der Rewe auch für Sevil Kuzkaya. Sie ist mit ihrem sechsjährigen Sohn da, er hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Bei ihm kann man den Effekt der „Stillen Stunde“ im Markt unmittelbar beobachten: Ruhig sitzt er in einem Buggy, doch als seine Mutter den Ausgang erreicht, springt er hektisch auf, rennt umher und ist kaum in Zaum zu halten. „Drinnen ist es viel entspannter für ihn“, sagt seine Mutter. So geht es auch sämtlichen befragten Kunden: Alle empfanden das Reizgedämmte als angenehm.

„Ich habe das Gefühl, dass wir die Stille wieder mehr ins Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion rücken“, sagt Eric Pfeifer. Der Psychotherapeut und Professor für Ästhetik und Kommunikation an der Katholischen Hochschule Freiburg forscht seit 2015 zur therapeutischen Wirkung von Stille, wobei Stille nicht gleich Stille sei. „Es gibt verschiedene Formen von Stille, die immer stark kontextabhängig sind“, sagt der Experte. Ob allein zu Hause oder mit mehreren in Gesellschaft, in einem Stadtpark oder im Wald. Schon wenige Minuten Stille können sich positiv auf Stress und Erregtheit auswirken, sagt Pfeifer. Untersuchungen zeigten, dass Stille Stresshormone reduzieren und Puls oder Herzfrequenz senken könne.
In seinen Studien setzt der Professor meist eine Einheit von 6,5 Minuten Stille in einem Raum oder einer Naturumgebung ein, angelehnt an Grundlagen aus der Musiktherapie. Und die Ergebnisse sind bemerkenswert universell. „Die Teilnehmenden haben sich danach durchgehend signifikant entspannter gefühlt und waren in einer besseren Stimmung“, so Pfeifer. Das Gedankenkreisen habe deutlich abgenommen, und sie hätten weniger Fokus auf die Vergangenheit und Zukunft empfunden. „Das ist therapeutisch hochrelevant, weil die Gegenwart die einzige Form ist, an der wir etwas ändern können.“ Interessant sei auch, dass die Teilnehmenden kaum oder keine Langeweile dabei empfunden hätten.
Viele Restaurants verzichten auf Musik
Mittagstisch im „City Braustüb’l“ in der Darmstädter Innenstadt, in der Traditionsgaststätte geht es gemütlich zu: An rustikalen Holztischen sitzen Paare, große und kleine Gruppen und einzelne Gäste. Das holzvertäfelte Lokal erfüllt geselliges, aber unaufdringliches Geplauder. Der Dielenboden knarzt unter den Schuhen vorbeigehender Kellner, von der Küche dringt vereinzelt das Rasseln von Besteck oder ein „Ping“, wenn ein Gericht zum Servieren bereitsteht. Doch insgesamt ist die Atmosphäre auffallend ruhig. Und das hat einen Grund: In dem Wirtshaus läuft keine Musik. „Die Leute sollen hier sitzen und sich unterhalten und nicht durch irgendein Gedudel abgelenkt werden“, sagt Inhaber Christos Droukas.
„Lautsprecher AUS!“ heißt die Initiative, die sich seit 25 Jahren dafür einsetzt. „Menschen sollten grundsätzlich selbst bestimmen dürfen, ob, wann und wo sie welche Musik hören wollen“, formuliert der Verein mit 200 Mitgliedern in ganz Deutschland das zentrale Ansinnen auf seiner Homepage. „Wir wollen uns gegen die lästige Zwangsbeschallung im öffentlichen Raum schützen.“ Das sei eine Belastung des Nervensystems, eine Behinderung der Verständigung, führe zu Unwohlsein und Gereiztheit. Auf der Internetseite findet sich eine von Vereinsmitgliedern zusammengetragene Liste mit Restaurants, wo man „beschallungsfrei speisen kann“. Sie führt in ganz Deutschland mehr als 100 Gaststätten auf, wie das „City Braustüb’l“ in Darmstadt und etwa zehn weitere Lokale im Rhein-Main-Gebiet. Unabhängig davon wird unterstrichen, dass die meisten Betreiber inzwischen der Bitte von Gästen nachkommen, die Musik leiser oder ganz auszustellen.

Zu einer anderen Art von Sendepause greift unterdessen nicht weit davon der Wirt der Darmstädter Cocktailbar „Los Santos“. Er schreibt in seiner Haus-Etikette vor, dass Gäste bei ihm nicht mit dem Handy telefonieren dürfen. Übrigens sollen sie auch von Lärm und Fluchen absehen. „Wir sind ein kleines Refugium, um abzuschalten“, begründet das der Betreiber. „Ich finde es nervig, wenn jemand neben mir anfängt zu telefonieren.“ Allerdings ist fraglich, ob man das überhaupt mitbekommen würde: Denn der Discosoul und das Geplauder in der belebten Bar an diesem Abend sind sehr laut.
Leise hingegen wird es dank der Engagierten der „Stillen Stunde“ in Wiesbaden: In der hessischen Landeshauptstadt fahren seit Juli 2025 als konzertierte Aktion jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr zahlreiche Geschäfte die Beschallung und Beleuchtung herunter. „Die Akzeptanz und das Interesse an dem Thema sind riesig“, sagt Jens Ackermann, Leiter des städtischen Citymanagements, das die „Stille Stunde“ in Kooperation mit dem Verein „gemeinsam zusammen“ und dem Hessischen Sozial- und Arbeitsministerium anbietet. Begonnen habe es mit 25 Geschäften, mittlerweile seien es 40 bis 50, sagt Ackermann. Mit im Boot sei auch das Einkaufszentrum Luisenforum. „Der Kreis wächst.“ Auch der Großsupermarkt „Globus“ im Stadtteil Nordenstadt mache seit Kurzem mit, wenn auch jeweils mittwochs. Und das sei nicht nur mit Blick auf Menschen mit sensorischer Empfindlichkeit sinnvoll. „Auch die Beschäftigten finden das richtig toll.“ Für den Citymanager ist es zudem „ein weicher Standortfaktor, der die Einkaufsstadt aufwertet, auch emotional“.
Wenn das so viele angenehm finden, warum lässt man dann nicht gleich die Musik aus? Ackermann grübelt kurz und erzählt dann eine Anekdote von einem Pop-up-Laden zur Weihnachtszeit in der Innenstadt. Da hätten sie zunächst auf Musik verzichtet – und schnell gefunden, es fehlt etwas. „Ein bisschen Musik trägt auch zu einer Atmosphäre bei“, gibt er zu bedenken. Das findet auch Marktleiter Alasal im Rewe Heusenstamm. „Viele Kunden empfinden das als angenehm.“ Es seien eben nicht alle gleich.
„Es ist ein Leichtes, sich der Stille zu entziehen“, merkt Professor Eric Pfeifer an. Für manche Menschen sei sie schwer auszuhalten. „Darin steckt auch die Gefahr, dass Unliebsames hochkommen könnte.“ Zudem seien Reize für unsere Gehirne grundsätzlich interessant. Doch heutzutage sei es oft eine Flut an Sinneseindrücken, denen wir ausgesetzt seien, auch digital. Das Gehirn aber brauche auch Pausen, wie ein Leistungssportler.
„Und es scheint sich ein Sehnen nach Stille gesellschaftlich wieder mehr bemerkbar zu machen“, sagt Pfeifer. Das zeige sich nicht nur in Initiativen wie der „Stillen Stunde“, die er als wertvollen Beitrag in der Gemengelage sieht. So nennt er das Beispiel eines stillen Tee-Cafés in Basel, stilles Yoga oder Buch-Bestseller zum Thema. „Achtsamkeit ist ausgeschlachtet, und die Gesundheitswirtschaft braucht etwas Neues zum Vermarkten“, merkt der Wissenschaftler an. Er sieht diese Entwicklung mit einem wachenden und lachenden Auge. „Das birgt Potential, aber auch die Gefahr der Verwässerung.“
