Der Bauarbeiter
Noch immer wird diskutiert, ob es Kalkül war oder einfach unbedarftes Geplapper, als Julian Nagelsmann kürzlich dem Kicker seine Gedanken zur Nationalmannschaft mitteilte. Wobei man dem Bundestrainer schon zugestehen darf, dass er sehr genau wusste, was er da warum zum Besten gab. Seither also: heiße Diskussionen, auch bei den Angesprochenen. Der Angesprochenste der Angesprochenen ist Deniz Undav, obwohl ihn Nagelsmann nicht einmal namentlich erwähnte. Der Angriff sei eine „Baustelle“, klagte der Bundestrainer, was umgehend den Vorarbeiter Undav (um im Bild zu bleiben) auf den Plan rief. Wer bitteschön eigne sich denn mehr als er, um die Misere zu beheben? In der Tat, der Stuttgarter ist der mit Abstand beste deutsche Torschütze (die Einbürgerung eines gewissen Harry Kane hat Nagelsmann übrigens nicht ins Spiel gebracht) in der Bundesliga, ist das denn nicht genug Beleg für die Erfüllung des Anforderungsprofils? Den Stürmer jedenfalls, den viele nicht als solchen sehen, nerven die Diskussionen, ob er eine falsche Neun oder eine richtige Zehn ist. Sowie die aus seiner Sicht penetrante Nichtnennung durch Nagelsmann, denn er sieht sich sehr wohl als den richtigen Arbeiter auf der Baustelle. Und er tut das, was er in seiner Situation machen kann: Undav schießt weiter Tore, wie das 2:1 beim Remis in Mainz.
Schwaben-Märchen

Kann man einer Niederlage etwas Positives entnehmen? Schwerlich, in diesem Fall könnte es funktionieren: Es war einmal ein Verein, dessen Umfeld den internationalen Fußball als Sehnsuchtsziel auserkoren hat. Und plötzlich kam Sandro Wagner, ein großer, charismatischer Prinz, den alle liebten. Aber der Heilsbringer war so gar nicht erfolgreich und der Verein fand sich plötzlich im Abstiegskampf wieder. Das war so gar nicht im Sinne der Fans, plötzlich hatten ihn nicht mehr alle lieb und er wurde gefeuert. Der neue ist Manuel Baum, kein großer, charismatischer Edelmann, sondern ein seriöser und analytischer Arbeiter, der alles etwas einfacher gestaltete, die Anforderungen an die Spieler herunterschraubte und die Aufgaben schlichter und klarer verteilte. Und siehe da, aus dem Abstiegs-Aschenputtel ist plötzlich eine Prinzessin geworden, die wieder mit der weiten Welt des internationalen Geschäfts kokettieren darf. Da bricht trotz des 1:2 beim schwerreichen Champions-League-Anwärter Leipzig kein Zacken aus dem Krönchen. Zumal die Prinzessin ebenbürtig war.
Geliebte Verlierer

War da nicht ein Tränchen im Auge von Frank Schmidt? Man hätte es wohl laufen sehen, weil der Trainer des 1. FC Heidenheim sein Haupt immer auf die Seite legt. Grund genug hätte er gehabt, denn seine Mannschaft gab beim 2:4 im Heimspiel gegen keineswegs übermächtige Hoffenheimer einen weiteren Beleg, dass sie in der Beletage des deutschen Fußballs in dieser Spielzeit überfordert ist. Was in manch anderen Stadien, siehe Wolfsburg, unschöne Reaktionen hervorruft; nicht so an der Brenz. Dort wurde der Verlierer und vermeintliche Absteiger von den Anhängern mitnichten ausgepfiffen, kein Abgesang war zu hören, kein Groll der Enttäuschten zu spüren. Das Gegenteil war der Fall, Spieler und Trainer wurden mit Applaus bedacht, ihnen wurde Mut zugesprochen. Das kann einen Trainer schon mal wehmütig machen, zumal er sich nicht nur der Unterstützung der Fans sicher sein kann. An Schmidt ist nicht zu rütteln, er genießt das Vertrauen der Vereinsführung. Aus gutem Grund, Schmidt hat seit nunmehr fast 20 Jahren als dienstältester Trainer den kleinen Klub aus der fünften Liga in den Kreis der Elite gecoacht, er ist der richtige Mann am richtigen Ort, diese Symbiose ist einmalig. Und wer weiß: Zumindest zwischenzeitlich wehrten sich die Heidenheimer erfolgreich, waren nahe am 2:3, geht da doch noch was?
Nummer zwei

Bis zu seiner ersten roten Karte hat Leroy Sané ein bisschen länger gebraucht, 402 Profifußballspiele, um genau zu sein. Dann aber verdiente er sie sich richtig: Beim 0:2 der DFB-Elf gegen Österreich in Wien erwischte er Phillipp Mwene erst von hinten und stieß ihn dann, als dieser sich beschweren wollte, mit dem Unterarm gegen den Kopf. Er bereute die Szene später und entschuldigte sich. Am Samstag beim Istanbuler Stadtderby hat Sané nun zum zweiten Mal Rot gesehen, fast zweieinhalb Jahre nach seiner Premiere, und diesmal nannte er den Platzverweis „unglücklich“ – was man aber nicht zwingend so sehen musste. Erst der Videobeweis hatte zwar gezeigt, dass der 30-Jährige seinen Gegenspieler Ridvan Yilmaz an der Achillessehne getroffen hatte (oben), allerdings waren die Verantwortlichen von Besiktas der Überzeugung, dass Sané schon beim Stand von 0:0 Rot hätte sehen müssen für ein Foul mit offener Sohle an Kristjan Asllani. Es gab nur Gelb, und noch vor der Pause erzielte Victor Osimhen das spätere Siegtor für Galatasaray – nach Sanés Flanke.
Neue Liebe

„Timo Werner erobert Amerika“, so lautet nur eine jener Schlagzeilen, die man nun lesen, aber natürlich nicht ganz wörtlich nehmen darf. Ebenso wenig wohl jene, dass San José „schockverliebt“ sei. Was allerdings stimmt: dass Werner, 30-jähriger Ex-Nationalspieler, der von RB Leipzig in die Major League Soccer gewechselt ist, dort recht gut ankommt. Am ersten Sieg seiner Earthquakes hatte er mangels Visum noch nicht teilnehmen können, zum zweiten und dritten steuerte er jeweils nach Einwechslung eine Vorlage bei, zuletzt einen Steckpass zum 1:0-Siegtreffer bei Philadelphia Union für Angreifer Ousseni Bouda. Trainer Bruce Arena lobte: „Er ist in kurzer Zeit ein Führungsspieler für unser Team geworden.“ Und er versprach, Werner werde mit zunehmender Fitness nicht nur Vorlagen liefern, sondern auch Tore erzielen. Werner selbst hatte sein Debüt vor Wochenfrist so zusammengefasst: „Es war ein besonderes Gefühl, weil ich in den letzten Wochen oder Monaten nicht die Liebe erfahren habe. Alle Menschen hier haben mir diese Liebe gegeben.“
Ticket zur WM

Ein Schelm könnte meinen, Paul Wanner, 20, habe sich für eine Zukunft in Österreichs Nationalmannschaft entschieden, nachdem er in der Vorwoche das jetzt schon legendäre Interview von Julian Nagelsmann im Kicker gelesen hatte. Schließlich wurde Wanner vom deutschen Bundestrainer – anders als die Perspektivspieler Lennart Karl und Said El Mala – nicht einmal erwähnt. Wanner jedoch dürfte sich über seine Nichterwähnung eher gefreut haben, schließlich wurden alle Genannten (mit Ausnahme von Leon Goretzka) von Nagelsmann eher, sagen wir, rund gemacht …
Wanners am Freitag verkündete Entscheidung, zukünftig für das Land seiner Mutter zu spielen und nicht jenes seines Vaters, ist in Wahrheit schlau überlegt. Sie ist eine Entscheidung gegen einen Konkurrenzkampf mit Jamal Musiala und Florian Wirtz. Mag der DFB-Coach zu Recht darüber klagen, auf manch einer Position nicht über Spieler von Weltrang zu verfügen, so gilt dies für Wanners Position garantiert nicht: die der Zehn. Ein Schlaufuchs wie Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick dürfte dieses Argument genutzt haben, um Wanner bis zum Ende seiner Karriere an die ÖFV-Auswahl zu binden. In drei Monaten beginnt die WM in Nordamerika. Rangnick wird ihm ein Flugticket versprochen haben.
