

Gerhart Wissel ist mit 94 Jahren immer noch fit und aktiv. Schwierigkeiten beim Gehen hinderten ihn aber daran, seiner Leidenschaft, dem Bergwandern, nachzugehen. Mit 86 Jahren erlitt er einen Unfall, eine Verschraubung in seinem Rücken wurde beschädigt. Von diesem Zeitpunkt an konnte er kaum mehr über längere Zeit stehen, geschweige denn wandern.
Kurzerhand entscheidet sich der Maschinenbauer im stolzen Alter von 90 Jahren, selbst einen Rollator zu konstruieren, um weiterhin seinem geliebten Hobby nachgehen zu können. „Ich habe einen Rollator entworfen, der vollständig geländegängig ist und durch einen eingebauten Elektromotor hohe Mobilität ermöglicht.“ Er probierte seine Entwicklungen selbst aus, um sie zu verbessern.
„Beispielsweise habe ich einen Hüftgurt eingebaut, mit dem man beim Bergsteigen an den Hüften hochgezogen werden kann, anstatt den ganzen Druck auf den Armen zu haben.“ So entstand der Wissel Alpin E-Hiker. Der Rollator weist auch eine patentierte Lenksperre auf, mit der Hindernisse wie Bordsteine und Treppenstufen besser überwunden werden können. Es gibt Handgriffe, die die Arme beim Hinabfahren entlasten. Optional kann man Schneeketten bekommen, die man laut Wissel auch auf Beton nutzen kann.
Ein Preis zwischen 5000 und 6000 Euro
„Im jugendlichen Alter begann ich eine Ausbildung als Autoschlosser“, erzählt Wissel. „Anschließend studierte ich Betriebswirtschaft und Maschinenbau.“ Von 1958 an arbeitete er in einem Unternehmen, das Baumaschinen, Schaufelgabler und Traktoren herstellt.
Der Kundenkreis seines hoch spezialisierten Rollators sei begrenzt, räumt Wissel ein. Es seien „Senioren, die hohe Mobilität und vielfältige Einsatzmöglichkeiten wünschen“. Je nach Ausstattung zahlen sie 5000 bis 6000 Euro. Der Preis sei so hoch, weil viele Teile aus der Herstellung von Mountainbikes stammten, beispielsweise die Motoren, Bremsen und Reifen. „Der Alpin E-Hiker ist der Rolls-Royce der Rollatoren“, sagt Wissel schmunzelnd.
Im vergangenen Jahr hat die Wissel Alpin GmbH aus Überlingen am Bodensee rund zwanzig Rollatoren verkauft. Gegründet hat Wissel sein Unternehmen 2020, die Rollatoren verkauft er seit 2023. Der Umsatz betrug 2025 rund 120.000 Euro. Mit dem Alpin E-Hiker bediene er eine Marktlücke: „Es gibt keine Rollatoren auf dem Markt, die sowohl einen Elektroantrieb haben als auch auf sämtlichen Untergründen fahren können.“ Die Geländegängigkeit basiere auf den besonderen Reifen, sie seien Fahrradreifen sehr ähnlich, hätten aber 12 Zoll Durchmesser.
Dieses Jahr will er 100 E-Hiker herstellen
Bisher produzierte er den Alpin E-Hiker in der Scheune eines befreundeten Fahrradmechanikers. Nun steigt er mit Unterstützung von zwei Gesellschaftern auf Serienproduktion um. Ein Gesellschafter besitzt einen 28-Personen-Betrieb, in dem größere Stückzahlen des Rollators produziert werden können. Wissels Ziel ist, 2026 rund 100 E-Hiker herzustellen.
Sein Unternehmen gründete er ohne externe Geldgeber oder Fremdkapital. „Man kann ordentlicher, gewissenhafter und seriöser in den Markt einsteigen, wenn man nicht den Druck von irgendeiner Bank im Rücken hat“, sagt Wissel. Auch wenn sein Unternehmen wächst, hat er noch niemanden eingestellt. „Für Angestellte ist die Firma noch zu klein, das schmälert den Gewinn erheblich.“ Lieber habe er zwei Gesellschafter am Unternehmen beteiligt. Sie übernähmen auch operative Aufgaben wie Marketing.
Seine Kunden beschreiben den Alpin E-Hiker als vielseitig einsetzbar. Ein Käufer nutzt ihn auch als Golf-Trolley: Man kann eine kleine Golftasche an der Rückenlehne befestigen, die beiden E-Motoren sind für hohes Gras ausreichend kräftig. Die Materialien bezieht er wegen der hohen Qualität möglichst aus Deutschland. „Nur passende Bremsen und Motoren gibt es in Deutschland nicht zu kaufen, weshalb ich diese aus Japan und China beziehe.“
Der Artikel stammt aus „Jugend und Wirtschaft“ – ein Schulprojekt der FAZIT-Stiftung mit Unterstützung der Brost-Stiftung.
