
Menschen mit einer Gürtelrose-Impfung entwickeln seltener eine Demenz oder kognitive Störungen. Forscher liefern neue Belege für einen langfristigen Schutz des Gehirns – besonders bei bestimmten Personen.
Im Kampf gegen Alzheimer und andere Demenz-Erkrankungen setzen einige Forscher auf Impfungen gegen Viren. So können Impfungen gegen Gürtelrose einer Studie zufolge den Verlauf einer Demenz verzögern – zumindest bei Frauen. Zudem reduzieren sie bei ihnen das Risiko für eine Vorstufe der Erkrankung, wie ein Team um Pascal Geldsetzer von der Stanford University in Kalifornien im Fachblatt „Cell“ berichtet.
Die Arbeit reiht sich ein in eine zunehmende Anzahl von Studien, denen zufolge diese und andere Impfungen mit einem geringeren Demenzrisiko bei Frauen und oft auch bei Männern einhergehen. Bereits im April 2025 hatte eine Gruppe um Geldsetzer eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Impfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) das Risiko bei Frauen vermindert, Demenz überhaupt zu bekommen.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine Lebendimpfung mit abgeschwächten Herpes-Zoster-Viren leichte kognitive Beeinträchtigungen und Demenz verhindert oder verzögert und den Krankheitsverlauf bei bereits Demenzkranken verlangsamt“, schließt das Team in der neuen Studie.
Beide Untersuchungen von Geldsetzer seien sehr bedeutend und hätten dazu beigetragen, „dass in dem ganzen Gebiet der Alzheimerforschung jetzt noch mal neu nachgedacht worden ist“, sagt Joachim Schultze vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn. Bislang habe sich die Forschung sehr stark auf krank machende Mechanismen konzentriert, die im Gehirn selbst lokalisiert seien. „Das hat dazu geführt, dass man solche Dinge wie die Umwelt, virale Infektionen und so weiter nicht so stark im Fokus hatte.“
Warum es bei Frauen besser wirkt
Die Ergebnisse von Geldsetzer gelten bisher im Wesentlichen nur für Frauen. Dafür nennt das Team mehrere Gründe: Es könne am unterschiedlichen Immunsystem liegen, zudem trete Gürtelrose bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Nach Einschätzung von Schultze war die Zahl der betroffenen Männer in der Studie schlicht zu klein, um signifikante Ergebnisse zu erzielen. Und: An den Studien hätten nicht nur mehr Frauen teilgenommen, sie seien auch generell stärker von Demenz betroffen. Daher könne man hier noch nichts über Männer aussagen.
Die Impfung richtet sich gegen das Varizella-Zoster-Virus, das beim Menschen Windpocken hervorrufen und dann lebenslang im Körper schlummern kann. Bei älteren Menschen oder solchen mit geschwächtem Immunsystem kann dieses Virus reaktiviert werden und Gürtelrose verursachen einen oft sehr schmerzhaften Hautausschlag.
Den Verdacht, dass die Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko verringert, gab es schon lange. Als Einschränkung früherer Studien wurde oft aufgeführt, dass geimpfte Menschen zugleich dazu neigen, insgesamt gesundheitsbewusster zu leben, was ebenfalls die Demenzrate reduziert.
Geldsetzer nutzte für seine Studien jedoch eine günstige Begebenheit in Wales: Dort waren im Rahmen eines Impfprogramms nur Menschen, die ab dem 2. September 1933 geboren wurden, ab 1. September 2013 mindestens ein Jahr lang berechtigt, den Impfstoff zu erhalten. Kurzum: Die Forscher verglichen Menschen, die nicht impfberechtigt waren, weil sie eine gewisse Zeit vor dem Programmstart 80 Jahre alt wurden, mit solchen, die einige Zeit danach 80 Jahre alt wurden und somit impfberechtigt waren. Die Zuweisung zur Impfgruppe erfolgte also quasi-zufällig durch das Geburtsdatum. „Das war sehr clever“, kommentiert Schultze.
Für die Studie, in der die Impfung bei Frauen das Risiko für eine leichte kognitive Störung verminderte, hatte das Team Daten von 282.557 Menschen in Wales genutzt, die zunächst keine dokumentierte kognitive Beeinträchtigung hatten. 46 Prozent der Berechtigten ließen sich impfen. 7,3 Prozent aller Probanden bekamen während des neunjährigen Studienzeitraums die Diagnose leichte kognitive Störung. Die ermittelte Risikoreduktion entspreche rund 25 Prozent, erläutert Mitautor Min Xie von der Universität Heidelberg auf Anfrage der dpa.
Für die Untersuchung des Demenzverlaufs nutzten die Forscher Daten von über 14.000 Menschen, die vor dem 1. September 2013 bereits eine Demenzdiagnose erhalten hatten. Knapp 29 Prozent der Berechtigten erhielten eine Impfung. Im Zeitraum von neun Jahren war das Risiko, an Demenz zu sterben, nach Ermittlungen der Forscher bei geimpften Frauen deutlich vermindert.
„Starkes Schutzsignal für Demenz“
„Es ist noch zu früh, diese Ergebnisse in die medizinische Praxis umzusetzen, da die zugrunde liegenden Mechanismen bislang nicht umfassend untersucht wurden“, betont Xie jedoch. Es gibt allerdings bereits mehrere ähnliche Analysen in Australien, Kanada und weiteren Ländern. Einzeln veröffentlicht sind bislang nicht alle Ergebnisse, aber: „Wir sehen einfach immer wieder dieses starke Schutzsignal für Demenz in einem Datensatz nach dem anderen“, so Geldsetzer.
Schultze sieht zwei mögliche Wirkweisen der Gürtelrose-Impfung: Einerseits reduziere sie die Reaktivierung der Viren und verhindere so eine damit einhergehende entzündliche Reaktion. Entzündungen spielen laut Schultze eine Rolle bei Demenz, indem sie Nervenzellen schädigen oder gar zerstören können. Zudem schädige eine Entzündung den geregelten Abbau des sogenannten Amyloid-Proteins, das insbesondere bei Alzheimer eine Rolle spielt. So könne die Impfung schlicht dadurch wirken, weil man Gürtelrose als möglichen Demenztreiber dadurch gar nicht erst bekomme.
Andererseits könne die Impfung einen positiven Effekt auf das angeborene Immunsystem haben: „Wir haben im Alter das Problem, dass das angeborene Immunsystem mitaltert und dann in seiner Funktion immer schlechter wird“, sagt Schultze. Mit dem Trainieren durch Impfungen lasse es sich in einen jüngeren Funktionszustand zurückversetzen.
„Das Immunsystem spielt eine viel, viel größere Rolle bei den neurodegenerativen Erkrankungen, als das bisher gedacht wurde“, betont Schultze. „Und da müssen die Immunologie und die Neurowissenschaften zusammenkommen und das Problem lösen.“
Die Studie von Geldsetzer erfolgte mit dem Lebendimpfstoff, der in Deutschland nicht mehr genutzt wird. Hier empfiehlt die Ständige Impfkommission den neuen Herpes-Zoster-Totimpfstoff (Handelsname Shingrix) – und zwar für jene Menschen ab 18 Jahren, die besonders gefährdet für eine Gürtelrose sind, und für alle Menschen ab 60 Jahren.
Es gibt Hinweise darauf, dass dieser Impfstoff sogar noch besser vor Demenz schützt. Eine Studie von 2024 mit Menschen ab 65 Jahren wertete Daten vor und nach der Einführung des Impfstoffs Shingrix in den USA aus. Ergebnis: Dieser war über sechs Jahre mit einer um 17 Prozent längeren diagnosefreien Zeit verbunden als der alte – was bei denjenigen Betroffenen, die den neuen Impfstoff erhalten hatten, 164 zusätzliche Tage ohne Demenzdiagnose bedeutet. Die Ergebnisse galten für Frauen und im geringeren Umfang auch für Männer.
Infektionskrankheiten beeinflussen wohl Demenzrisiko
Als Nebenwirkungen der Shingrix-Impfung kann es laut Robert Koch-Institut bei einigen Menschen zu Reaktionen wie etwa Schmerzen an der Injektionsstelle, Fieber, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Kopfschmerzen kommen. Diese Symptome klängen in der Regel nach zwei bis drei Tagen vollständig ab.
Weitere Studien lieferten Anzeichen dafür, dass auch andere Impfungen das Demenzrisiko reduzieren können, etwa jene gegen Grippe, Pneumokokken und RSV. Es gebe auch Hinweise auf einen Zusammenhang der Zahl der durchgemachten Infektionskrankheiten und dem Demenzrisiko, sagt Schultze. „Da machen wir jetzt ein ganz neues Feld der Vorsorge auf.“ Das beinhalte, noch stärker schwere Infektionskrankheiten zu vermeiden, um das Risiko von Demenzerkrankungen zu reduzieren.
Schultze verweist auf die „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ der Bundesregierung, die ab diesem Jahr läuft. „Das ist eben nicht nur Long-Covid. Ein noch größeres Thema sind eigentlich Demenzen, weil wahrscheinlich ein ganz großer Teil dieser Erkrankungen postinfektiös ist.“ Ziel sei es nun, Impfprophylaxen zu entwickeln, die vielleicht sehr viele Patienten vor der Demenz schützen könnten. Derzeit lasse sich nicht sagen, ob eine Gürtelrose-Impfung oder Alzheimer-Mittel wie der kürzlich in der EU zugelassene Wirkstoff Lecanemab besser wirken.
Die Gürtelrose-Impfung könne wahrscheinlich nicht nur gegen Demenz, sondern auch generell gegen das biologische Altern helfen, schreibt ein Team in den „Journals of Gerontology Series A“. Dessen Studie zeigte ebenfalls positive Auswirkungen auf Entzündungswerte und Immunsystem, zudem aber auch eine langsamere Alterung der Genaktivität. Entzündungen seien auch an vielen altersbedingten Erkrankungen beteiligt, darunter Herz-Kreislauf-Leiden. Daher „kann der Impfstoff eine Rolle bei der Unterstützung eines gesünderen Alterns spielen“, sagt Mitautorin Jung Ki Kim von der University of Southern California.
Weitere Risikofaktoren für Demenz, gegen die man häufig etwas tun könne, sind laut Schultze Hör- und Sehverlust, was die Kontakte reduziere, sowie schlechte Ausbildung in der Kindheit, zu viel trinken, rauchen und Übergewicht. „Aber ganz wichtig ist: Das Gehirn muss trainiert werden, so wie ein Muskel auch“, sagt Schultze. Dabei solle man immer wieder neue Dinge machen. „Also immer die gleiche Hirnleistung ist gut, aber noch besser ist, wenn man sich immer wieder traut, was Neues anzufangen.“
Simone Humml, dpa/vem
