Frankfurt am Main: Ob Bahnhofsgegend oder Bankenviertel, anscheinend regiert organisierte Kriminalität. „069, Koks und Prostitution“ – so will es der Reim aus „Welcome to Frankfurt“ der Lokalhelden Celo, Abdi und Ramo. Offenbach: Ausländeranteil rund 40 Prozent, schnelle Autos, Trabantenviertel und Messerstechereien. „Mandalagemälde ins Gesicht / 100 Prozent Straße“, dichtet der Rapper Mufasa069 über seine Heimatstadt.
Allen in Rhein-Main geht es ums Geld, um „Schnapp“ – egal wie. „Jeder Assi hier ist gegen den Strom“, sagt Vega, Rapgröße und Teil der Ultraszene von Eintracht Frankfurt. „Assi“, so werden hier vom 12-jährigen „Läufer“ (Straßenverkäufer) auf der Offenbacher Geleitstraße bis zum 62-jährigen Investmentbanker im Commerzbanktower alle bezeichnet.
Hauptsache Warenhandel. Ob Aktien, Sex oder Drogen. Alle hustlen rund um die Uhr und unter irrem Konkurrenzdruck. „Entweder du gehst mit der Zeit / Oder du gehst mit der Zeit“, warnt sil3a, Rapper aus dem Frankfurter Dschungel, der sein Gesicht konsequent mit Louis-Vuitton-Tuch verdeckt – aus Geschäftsgründen. Kein Wunder, dass sich „jeder Mann alleinestehend fühlt“ (Celo, Abdi, Ramo abermals im Frankfurter Willkommenslied).
An den Wolken kratzen
Konkurrenzdruck eben, deshalb versinken die Träume im Main. Wo die Häuser der Skyline an den Wolken kratzen, winken der schnelle Erfolg und das große Geld. „Alles dreht sich um Fleisch“, weiß Rapper Hanybal aus der Frankfurter Nordweststadt.
Hustlerrealitäten mit unterschiedlichen Ankerpunkten werden mit derselben Business-Mentalität bewältigt: Sky is the Limit in Mainhattan, Zeit ist Geld, schnelles Leben. „Flexculture“, so könnte man diesen US-inspirierten Lebensstil bezeichnen. Ob Chef des Chefs des Chefs des kleinen Offenbacher Pushers, Chefvolkswirt oder Topmanager, alle treffen sich beim Luxusshopping in der Goethestraße. Bei Burberry, in Praxen für plastische Chirurgie und Autohäusern für Edelkarossen, mit Luxus wird der Struggle belohnt, besser: befriedet.
Der eigene Lebensweg, die alltäglichen Entbehrungen versprechen plötzlich Sinn zu stiften. Aber: „Alles fällt, was mal oben ist“ (Ramo) und „Alle Träume platzen hier, auch wenn du dachtest, ist nicht so bei dir / Alle Träume platzen hier“ (Hanybal). Nicht erst die Haftbefehl-Doku auf Netflix hat das an einer Künstlerperson veranschaulicht. Der soziale Abgrund wartet gleich um die Ecke.
Für viele bleibt nur der Existenzkampf. Da schauen die elitären bürgerlichen Milieus anderer deutscher Großstädte doch gern zu. Zu sehen sind drei für Rhein-Main typische Kulturen, in welcher die steinigen Wege nach oben verarbeitet werden – inklusive der Abstiegsängste: körperkulturell durch Kampfsport, psychokulturell mit Drogenkonsum und sprachmusikalisch als Gangstarap.
Hochhaus-Härteniveau
Dient das Rhein-Main-Gebiet also als Folie für besonders krasse Mixed-Martial-Kämpfe, eine große Drogenszene und düsteren Gangstarap? An das Härteniveau von Rap aus den Offenbacher Hochhausvierteln kommt bundesweit wenig ran. Echt real, befindet auch das urbane bildungsbürgerliche Milieu. All Eyes on Frankfurt und Offenbach.
Moritz von Uslar schmiss sich schon 2015 unreflektiert an seinen Babo ran. Seit dem Netflix-Streaming-Erfolg gibt es kein Medium mehr, was nicht über jeden Atemzug von Haftbefehl geschrieben hätte. Ein Star aus der deutschen Bronx ward geboren: Aykut Anhan aka Haft, Hafti oder – für Leute von außerhalb – Haftbefehl. Ein tragischer, ambivalenter Held. Repräsentant einer ganzen Generation und scheinbar weit entfernter Milieus. Anhan, so der Tenor, hat die Straße in seinen Reimen nicht nur kreativ verarbeitet (hat er nicht), sondern verewigt (ja leider).
Glorifiziert wird Hafti zu einer für die Zuschauer:innen nützlichen Figur. Straße gut – proletarischen Subjekten ist man immer zugewandt. Bankenviertel schlecht – Manager und Finanzchefs eignen sich aus moralischen Gründen nicht als Starfiguren. Die Subjekte beider Sphären betreiben aber dieselbe Sportart: Geld scheffeln. Und alle stehen unter Strom.
Das Shitbürgertum – seit der Cannabisteillegalisierung auch mit zwei bis drei Pflanzen im Eigenheim ins Milieu eingestiegen –, zieht vor der Netflixdoku auf der Couch zufrieden an einer lustigen Zigarette Marke Eigenanbau. Hüstel. Lächerliche Hecke, würde der Offenbacher dazu sagen. Kritisch konsumierend – sowohl die Droge als auch die Doku – erkennt man, was für Schindluder die Musikindustrie da am Menschen betrieben hat. Die böse Kommerzialisierung und die Drogen haben den Straßenkünstler vergiftet.
Die Hybris der Upperclass
Vor allem hat das aber ein Produkt der Aufmerksamkeitsökonomie getan. Und zwar die eigene. „Das Produkt meiner Umwelt, ihr habt mich erschaffen, und jetzt guckt, wie euer Weltbild umfällt“, ist zwar vom Neumünchner Schickeriamacker Bushido und wurde bereits 2007 veröffentlicht, trifft es aber trotzdem immer noch. Das Produkt Hafti ist jedenfalls umgefallen. Ein Süchtiger ist übrig geblieben. Alles sehr tragisch, nur halt voyeuristisch spannend anzusehen. Während die Upperclass noch die männliche Kokahybris ihres gefallenen Sterns angewidert feiert, ist man im Rhein-Main-Gebiet inzwischen angeödet von dem Thema. Niemand kann es mehr hören.
Viele kennen Aykut Anhan ohnehin persönlich, Frankfurt und Offenbach sind überschaubar. Hier ist man enttäuscht darüber, wie Anhan seine Fans behandelt. Auch das Bahnhofsviertel findet man nicht mehr witzig, sondern schlimm. Man hat nicht vergessen, dass Anhan 2024 mit seinem SUV in einen Backwarenladen in Darmstadt gefahren ist und Fahrerflucht begangen hat. Kein Wort dazu in der Doku.
Dass Rap und seine Interpret:innen nicht nur Spiegel der Straße sind und die bittere Realität aufgreifen, sondern einen Überschuss an Straßenlogik produzieren, will man vor dem Fernseher lieber nicht wahrhaben. Wie abgefuckt vor Ort alles ist und wie Rap-Lifestyle Jugendliche auch verstört, wird ausgeblendet. Würden das zarte Seelen überhaupt aushalten? Projizieren ist jedenfalls angenehmer als verstehen. Von erleben kann sowieso keine Rede sein. Dabei müsste man sich nur mal in der eigenen Stadt umsehen.
Die Musikindustrie braucht jedenfalls nur eine Marke, ein Produkt, das „Krankfurt“ darstellt. Das für die Geschichten aus Frankfurt steht, für Berg, den Nordi, die Hauptwache, für die Biografien aus Offenbach und für die richtig krassen Dinger. In diesem Fall der hyperinszenierte 069-Babo. Das hält kein Mensch alleine aus. Offensichtlich auch nicht der Mensch Aykut Anhan.
Rhein-Main-Rap erschöpft sich nicht mit Haftbefehl und kulminiert auch nicht in seinem episch-genialischen Werk. Rhein-Main-Rap ist ein doppeltes Brennglas. Weil Rap eines ist und weil die Klassenverhältnisse hier so sind, wie sie sind. Also doppelter Fokus auf Schnapp durch die Brille der neoliberalen Ideologie. Die rund 20 bekannten und erfolgreichen Rapper:innen – von denen Haftbefehl nur eine Größe ist – reimen allesamt von ein und derselben Sache: Hustle.
Aggressiver Grundton
Selbst wenn der Offenbacher Rapper Soufian, unter Vertrag bei dem Label Azzlack, ein Liebeslied aufnehmen würde, würde dieses davon handeln, wie die „chaya“ (Frau) ihn vom Geldverdienen ablenkt. Krankfurt eben, wo der Grundton konsequent aggressiv, gewalttätig und ungeschönt bleibt. Die sozialarbeiterische Formulierung „Sprechgesang“ trifft es jedenfalls nicht.
Der Sound der ambitionierten Aufsteiger:innen ist laut, potent und überzeichnet. Bombastische Beats wie die von Bazzazian, düstere Synth-Klänge nach Azad Tradition, episch-depressive Stimmung bei Vega und der 1999-Reihe von Haftbefehl. Sind sie nicht depressiv, schreien sie. Mufasa069 beispielsweise in seinem Song „HILFE“. In Großbuchstaben.
Weiter oben auf der gesellschaftlichen Leiter muss man nicht rumschreien. Da sitzt ein subkulturelles Bürgertum, das mitsummt. Manchmal schaut es auch Theater vor dem Fernseher – die Babo-Doku – und findet die „sozialen Gegensätze“, die eigentlich Gegenstücke sind, sehr spannend. Es sind eben die Gegenstücke eines Stücks, in dem man selbst mitspielt. Und zwar nicht in Nebenrollen. Aber egal, lieber Spotlight auf das soziale und ökonomische Unten.
Sich an der Doku sehr reflektiert abarbeitend, hat man Frankfurt am Main und Offenbach und das migrantische Leben inzwischen auch anderswo verstanden. So war die Doku nicht nur für die Produzenten, sondern vor allem auch für die Zuschauer ein Schnapp. Puh, war das heftig! Einmal im Leben richtige Drogensucht im TV gesehen. Schnell den Heckejoint ausgedrückt.
