Gabor Steingart erklärt Podcastwerbung von Journalisten zur „Prostitution“ – Medien

An Manifesten zur Zukunft des Journalismus mangelt es nicht, aber selten sind sie mit so viel geradezu religiösem Pathos aufgeladen worden wie das von Gabor Steingart. „Aus Liebe zur Wahrheit und im Begehr, die Botschaft der Erneuerung zu verbreiten“, seien seine „zehn Thesen zum ästhetischen Journalismus“ entstanden, formulierte der Herausgeber des Newsletter- und Podcast-Mediums „The Pioneer“ in dieser Woche.

Es ist nicht ganz klar, ob Steingart Messias oder nur Prophet einer sektenähnlichen publizistischen Gruppe ist, aber er verkauft eine Art Heilsversprechen: „Der ästhetische Journalismus setzt Hingabe voraus, Liebe zum Wort, Ehrfurcht vor der Wahrheit, Zuneigung zu jenen, die anders denken, fühlen, leben und wählen. Dieser Satz gehört in die Unterzeile jedes Zeitungstitels: Liebe den Andersdenkenden wie dich selbst.“ Der ästhetische Journalismus, dem sich „The Pioneer“ verpflichtet fühle, reagiere „auf das Hässliche mit Schönheit, auf das Laute mit Eleganz und auf den Wahnsinn mit Stolz“.

Auch auf die „Lust an der Nuance“ komme es an, formuliert Steingart, was in einem gewissen Widerspruch dazu steht, dass er Kollegen, die ihre Arbeit dadurch finanzieren, dass sie in ihren Podcasts Reklametexte vorlesen, ganz unfiligran vorwirft, ihr Geschäft sei weniger die Publizistik als die „Prostitution“.

„Qualitätsjournalismus braucht ein Bezahlmodell.“

Nun kann man durchaus darüber streiten, ob es gut ist, dass viele Journalistinnen und Journalisten ihre Stimmen und damit auch ihre persönliche Glaubwürdigkeit in den Dienst von Werbepartnern stellen. Aber man kann das schlecht auf der Grundlage von Steingarts Mission tun, die die Beschimpfung der Konkurrenz in den Dienst der eigenen Abo-Gewinnung stellt.

Angesprochen von Steingarts Herabwürdigung fühlte sich – wohl nicht zu Unrecht – auch Dagmar Rosenfeld, die sich mit ihrem erfolgreichen Podcast „Machtwechsel“ mit Robin Alexander vor Kurzem selbständig gemacht hat. Sie war bislang Kolumnistin bei „The Pioneer“, hat diese Tätigkeit aber jetzt beendet, wie sie auf der Plattform X ankündigte und der SZ bestätigte.

„Qualitätsjournalismus braucht ein Bezahlmodell, unser Podcast ‚Machtwechsel‘ ist kostenfrei hörbar, weil wir ihn auch über Werbung finanzieren“, sagte sie der SZ. „In angelsächsischen Qualitätsmedien sind Host-read Ads längst Standard. Werbekunden haben natürlich keinerlei Einfluss auf unsere journalistischen Inhalte, und wir können Werbekunden auch ablehnen. Werbung ist in unserem Produkt klar gekennzeichnet und vom redaktionellen Inhalt klar abgegrenzt. So wie unsere Hörerinnen und Hörer mündige Bürger sind, die journalistisch kein betreutes Denken brauchen, sind sie auch mündige Konsumenten, die ihre Kaufentscheidungen selbstbestimmt treffen.“

Steingart seinerseits zeigte sich öffentlich unbeeindruckt und räumte nicht einmal ein, sich vielleicht zu drastisch geäußert zu haben. Stattdessen forderte er von seinen Kritikern: „Entpört Euch!“

In einem weiteren Newsletter verwies er auf den Pressekodex, der die Trennung von Werbung und Redaktion fordert. „Der Presserat beschäftigte sich bereits mit den Host-read Ads“, behauptete Steingart, was für den Presserat eine Neuigkeit war. Auf Anfrage der SZ konnte man dort in den eigenen Unterlagen keine Hinweise auf eine solche Beschäftigung finden. „Wir hatten zahlreiche Fälle, in denen es um den Themenbereich Prostitution geht“, sagte eine Sprecherin des Presserates. „An einen Fall zu Host-read Ads kann sich die Geschäftsstelle nicht erinnern.“

Gabor Steingart wollte auf Nachfrage nicht sagen, auf welchen vermeintlichen Fall er sich bezieht. „Recherchieren müssen Sie selbst“, schrieb er anstelle einer Antwort. Das ist eine interessante Interpretation dessen, was er in seinen zehn Thesen schreibt: „Verstehen funktioniert nicht im automatisierten Faktencheck, sondern im dialogischen Verfahren, das den Zweifel nicht nur aushalten, sondern kennenlernen will.“

Übrigens hat Steingarts „The Pioneer“ anders als viele der von ihm beschimpften Konkurrenten keine Selbstverpflichtungserklärung gegenüber dem Presserat abgegeben. Damit erklären Medien, dass sie dessen Selbstkontrollverfahren und ethische Standards anerkennen. Die Frage, warum „The Pioneer“ das nicht tut, ignorierte Steingart.