Fußball nach dem Krieg: Eine „Stunde Null“ gab es nicht

Mythos "Stunde Null": Der deutsche Fußball nach 1945

Stand: 20.01.2026 08:47 Uhr

Vor achtzig Jahren kehrte der deutsche Fußball nach dem Zweiten Weltkrieg recht schnell in den Alltag zurück. Doch dabei gingen die vier Besatzungszonen unterschiedlich vor.

Auf vielen Fußballplätzen ist an Fußball nicht mehr zu denken. Im Sommer 1945 werden Holztribünen abgetragen und für Brennholz genutzt. Auf einigen Sportplätzen übernachten Menschen in Zelten, die keine Wohnung mehr haben. Auf anderen Rasenflächen werden Gemüsegärten angebaut. Kurz nach dem Krieg liegt auch der Fußball in Trümmern. Viele Vereinsmitglieder sind tot oder in Kriegsgefangenschaft.

Aber: Schon am 9. Juni 1945, einen Monat nach der Kapitulation der Nationalsozialisten, findet in Hamburg ein Freundschaftsspiel statt. Zwischen dem Hamburger SV und Eintracht Harvestehude. Der Organisator ist Erwin Seeler, Vater der späteren Fußballikone Uwe Seeler.

„Der Fußball hatte eine Doppelrolle“, sagt Hardy Grüne, Mitherausgeber des fußballhistorischen Magazins „Zeitspiel“. „Es mangelte an allem, also war Fußball unwichtig. Aber er vermittelte eben auch Freude und Lockerheit, daher war Fußball extrem wichtig.“

Der Vorsitzende des FC Bayern wird festgenommen

Spiele wie jene in Hamburg durfte es damals eigentlich nicht geben. Die Alliierten hatten alle Organisationen, die der NSDAP nahestanden, aufgelöst, auch den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen, dem alle Sportvereine angehören mussten.

Die Alliierten setzten dieses Verbot zunächst durch, denn sie vermuteten, dass in den männlich geprägten Fußballklubs Widerstand gegen die Besatzung entstehen könnte. Ende Juni 1945 nahm die amerikanische Militärbehörde in München Xaver Heilmannseder in Haft, den provisorischen Vorsitzenden des FC Bayern. Er hatte in München mehrere Freundschaftsspiele organisiert.

Doch in den vier Besatzungszonen wurde das Verbot unterschiedlich ausgelegt. In der amerikanischen Zone, im Süden Deutschlands, galt Fußball bald als moralische Stütze einer leidgeprüften Gesellschaft, die man auf keinen Fall an den Kommunismus verlieren wollte.

Die neue Spitzenliga ist eine Sensation

Ende September 1945 gründeten 16 Fußballvereine aus zehn süddeutschen Städten in Fellbach bei Stuttgart eine Oberliga. Eine Sensation, denn zuvor hatte es im Nationalsozialismus 16 „Gauligen“ mit jeweils zehn Mannschaften gegeben. Aus dieser zersplitterten Struktur sollte nun eine Spitzenliga im Süden entstehen, die fast die Hälfte der späteren Bundesrepublik abdecken sollte. Der Spielbetrieb startete am 4. November 1945.

Das Magazin „Zeitspiel“ hat dieser Aufbruchsstimmung eine beeindruckende Titelgeschichte gewidmet. „Viele Menschen wussten nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen“, sagt Autor Hardy Gründe. „Es gab auch wenig Bälle und Fußballschuhe. Umso erstaunlicher war es, dass die Oberliga Süd ein großer Erfolg wurde.“

Tausende Zuschauer besuchen die Spiele des FC Bayern, des Karlsruher FV oder von 1860 München. Etliche Spieler, die als Amateure galten, verkaufen Stadiontickets ihrer Klubs, um ihr Einkommen aufzubessern. Das Saisonfinale in Stuttgart im Juni 1946 zwischen dem heimischen VfB und dem 1. FC Nürnberg verfolgen 50.000 Zuschauer. Stuttgart gewann den ersten Titel.

Bald darauf wurden auch in der britischen und französischen Besatzungszone die alten Vereinsstrukturen zugelassen, oft in der Obhut von deutschen Arbeitersportlern, die politisch als unbelastet galten. Und auch das „Fraternisierungsverbot“ weichte auf. Daher spielten deutsche Freizeitteams mitunter gegen Militärteams der Alliierten

Helmut Schön legt sich im Osten mit der Führung an

Anders sah es in der sowjetischen Besatzungszone aus. Dort durften sich Fußballer anfangs nur in jenen Stadtteilen zu „Sportgemeinschaften“ zusammenschließen, in denen sie auch lebten. Zum Beispiel im weitgehend zerstörten Dresden. Dort übernahm der ehemalige Nationalspieler Helmut Schön ab 1945 eine zentrale Rolle. Als Spieler, Organisator und später als Trainer.

Schön, der 1974 die bundesdeutsche Auswahl zum WM-Titel führen sollte, bliebt unmittelbar nach dem Krieg ein Wanderer zwischen den Welten. Immer wieder besuchte er damals in Hamburg seinen alten Dresdener Kollegen Karl Miller und spielte mit ihm gemeinsam für den FC St. Pauli. Doch Schön kehrte nach Dresden zurück, baute Fußballstrukturen auf und wurde auch von der lokalen Sportführung als Trainer eingesetzt.

„Helmut Schön ist mit der Sportführung in der sowjetischen Zone immer wieder in Konflikt geraten“, sagt der Publizist Bernd Beyer, der über Helmut Schön eine Biografie verfasst hat. Im Mai 1950 setzte sich Schön nach Westberlin ab. Es war eine Zeit, in der die junge DDR den Sport zunehmend an staatliche Strukturen und Betriebe angliederte. Schön wollte sich offenbar nicht allzu stark von der Politik einspannen lassen.

Ein Soldat kickt einen Totenkopf

Und im Westen? Im Oktober 1948 fanden in München, Stuttgart und Karlsruhe „internationale Städtespiele“ statt. Dabei standen sich Auswahlteams aus Süddeutschland und der Schweiz gegenüber. Organisator war der aus Dänemark stammende Sportoffizier Axel Nielsen. „Im Ausland war die Empörung zum Teil groß“, sagt der Historiker Henry Wahlig, der den Sport im Nationalsozialismus erforscht. „Für viele kam es zu früh, dass andere Nationen wieder gegen deutsche Teams spielen.“ Eine Prager Zeitung veröffentlichte eine Karikatur, auf der ein deutscher Soldat einen Totenkopf wie einen Fußball tritt.

Auch formal wurden diese Spiele kritisch gesehen, denn noch gab es keinen nationalen Fußballverband. Das wollte Peco Bauwens ändern. Der Kölner Bauunternehmer, dessen Firma im Nationalsozialismus Zwangsarbeiter eingesetzt hatte, war einst Schiedsrichter gewesen. Ab 1925 vertrat er den DFB in der Fifa.

Nach dem Krieg reiste Peco Bauwens zur Fifa nach Zürich und forderte eine schnelle Rückkehr des DFB in den Weltverband. „Das hat bei vielen Funktionären in anderen Ländern für Missstimmung gesorgt“, sagt Henry Wahlig. „Für sie kam eine Zusammenarbeit mit den einstigen Kriegsgegnern viel zu früh.“

In den späten 1940er Jahren übernahm Ivo Schricker eine moderierende Rolle. Der deutsche Jurist lebte seit langem in der Schweiz und war seit 1932 der erste hauptamtliche Generalsekretär der Fifa. Schricker mahnte den deutschen Fußball zur Zurückhaltung, erinnert Henry Wahlig: „Zugleich äußerte er in einem Brief an Peco Bauwens deutliche Kritik. Schricker wollte es nicht akzeptieren, dass früher einflussreiche Nationalsozialisten nach dem Krieg im deutschen Fußball das Sagen haben.“

Der Aufstieg von NS-Profiteuren

Im Januar 1950 wurde der DFB in Stuttgart neu gegründet. Im September folgte die Rückkehr in die Fifa, im November das erste offizielle Länderspiel gegen die Schweiz. Im Vorstand des DFB saßen nicht nur Alt-Nazis. Mit dabei war – zumindest kurzzeitig – auch Martin Stock, ein jüdischer Überlebender des Holocaust. Und Arthur Weber, ein verfolgter Kommunist.

Als erster Präsident trat 1950 Peco Bauwens an die Spitze des DFB. Sein Nachfolger wurde 1962 Hermann Gösmann. Der Jurist Gösmann war 1937 in die NSDAP eingetreten, zeitweise war er dort als Blockwart aktiv. Es existieren Fotos, die Gösmann mit Parteiabzeichen zeigen. Zu jener Zeit war er auch Präsident des VfL Osnabrück.

Der Aufstieg von solchen NS-Profiteuren nach dem Krieg gehört heute nicht zum Allgemeinwissen im Fußball. Was allerdings bekannt ist, sind die sportlichen Erfolge, vor allem der deutsche WM-Titel 1954. Das „Wunder von Bern“ überstrahlt alles, bis heute.

Sendung: „Mythos „Stunde Null“: Der deutsche Fußball nach 1945″, Sport inside Podcast, 20.01.2026, 04:30 Uhr