Fußball-Länderspiel: Deniz Undav erlöst das DFB-Team gegen Ghana

Als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, war der Vibe im Stadion in Stuttgart anders als damals. Die Fans der deutschen Fußballnationalmannschaft standen wieder – dieses Mal nicht unter Schock, weil ihre Mannschaft im Viertelfinale der Europameisterschaft gegen Spanien ausgeschieden war, sondern auf den Beinen, weil ein Stürmer aus der Stadt in der 88. Minute das Siegtor geschossen hatte.

Trotz Deniz Undavs Treffer konnte man weniger als drei Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft dann aber schon auch unter dem Eindruck stehen, dass da eine deutsche Nationalmannschaft gespielt hat, die gegenüber Spanien nicht entscheidend aufgeholt zu haben scheint.

Mit 2:1 hat Deutschland am Montagabend gegen Ghana gewonnen, gegen die Mannschaft, die am Freitag mit 1:5 gegen Österreich verloren hat. Und wenn das zweite Tor nicht gefallen wäre, dann hätte vielleicht auch keiner darüber lachen können, dass das erste Tor von Kai Havertz dank eines Handelfmeters gefallen war: verhängt vom Schiedsrichter Stuart Attwell, dem Mann, der damals als VAR Dienst hatte, als Musiala den Ball an die Hand Cucurellas schoss.

2:1 gegen Ghana, 4:3 gegen die Schweiz – das sind die Ergebnisse und Erfolgsergebnisse, die der Bundestrainer wollte. Aber die Art und Weise, wie diese in den letzten Länderspielen vor der Verkündung des WM-Kaders (12. Mai) zustande gekommen sind, lassen daran zweifeln, ob man von einem Vibeshift sprechen kann.

Am Tag vor dem Spiel war Julian Nagelsmann jedenfalls darum bemüht, keine schlechten Vibes zu verbreiten. Als er darauf angesprochen wurde, dass er Leroy Sané nach dem Spiel gegen die Schweiz verteidigt hatte, sagte er, dass er nach einem schlechteren Spiel keinen Spieler „abmontieren“ werde. Dafür hat Nagelsmann am Montag dann seine Startelf an vier Stellen ummontiert. Im Tor spielte Alexander Nübel statt Oliver Baumann, in der Abwehr Nathaniel Brown statt David Raum, im Mittelfeld Pascal Groß statt Leon Goretzka und im Sturm Nick Woltemade statt Sané.

Die Antwort auf die Frage, wer neben Florian Wirtz – der nicht immer zwei Tore und zwei Torvorlagen liefern kann – für die Tore sorgen soll, lautete damit nicht Kai Havertz oder Nick Woltemade. Sondern Havertz und Woltemade.

Kai Havertz brachte die deutsche Mannschaft kurz vor der Pause per Elfmeter in Führung.
Kai Havertz brachte die deutsche Mannschaft kurz vor der Pause per Elfmeter in Führung.dpa

Schon in der vierten Minute sah man dann, wie das aussehen könnte. Da passte Wirtz den Ball perfekt nach vorne zu Havertz, der ihn fast perfekt nach hinten zu Woltemade passte. Und hätte Woltemade den Ball weder perfekt noch fast perfekt, sondern einfach nur gut getroffen, dann wäre der Ball auch ins Tor gegangen. So ging er knapp daneben.

Interessant war, dass Havertz nicht nur in dieser Szene auf der rechten Seite spielte. Interessant deswegen, weil das der nächste Hinweis darauf war, dass der Bundestrainer auf der Position des Spielmachers mit Serge Gnabry plant. Der spielte nicht so gut wie gegen die Schweiz, was auch daran lag, dass er dann am besten ist, wenn er mit Geschwindigkeit auf eine Abwehr zulaufen kann. Doch die Ghanaer standen so weit hinten, dass er selten mit Geschwindigkeit auf sie zulaufen konnte.

Was Goretzka Groß voraus hat – und umgekehrt

Auf der rechten Seite bekam Havertz dafür immer wieder Besuch von einem anderen Spieler. Pascal Groß, der in der Winterpause von Dortmund nach Brighton gewechselt ist und sich dort wieder in die Nationalmannschaft gespielt hat, sorgte mit seiner Ballsicherheit dafür, dass Deutschland das Spiel kontrollierte. Diese Ballsicherheit hat Groß Goretzka voraus. Was Goretzka wiederum Groß voraushat: die Torgefahr.

Als die Deutschen in 27. Minute trotz weiterer Chancen – Wirtz schoss einen Freistoß an den Außenpfosten (6. Minute) – immer noch nicht ins Tor getroffen hatte, fingen die Fans in Stuttgart an, den Namen von Deniz Undav zu singen, den Stürmer des VfB Stuttgart. Der kam dann sogar kurz unter dem Dach der Auswechselbank hervor, um den Fans zu applaudieren.

Havertz kam, sah und schoss

Als die Fans in der 44. Minute dann schon das dritte Mal den Undav-Gesang anstimmten, reagierte nicht Undav, sondern Wirtz, der zu Angelo Stiller, ebenfalls vom VfB Stuttgart passte, der aufs Tor schoss. Auf dem Weg dorthin blockte Jonas Adjetey ihn mit dem Arm. Der Schiedsrichter pfiff nicht, aber der VAR intervenierte. Dann: Strafstoß. Havertz kam, sah und schoss. 1:0 in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit.

Zum Start der zweiten Halbzeit war der Spieler des FC Arsenal dann nicht mehr auf dem Feld. So wie auch zwei Spieler des FC Bayern, Jonathan Tah und Serge Gnabry. Der Bundes- hörte auf die Klubtrainer. Und auf die Fans in Stuttgart. Neben Antonio Rüdiger und Lennart Karl wurde nämlich auch Undav eingewechselt.

In den ersten Minuten verpassten Groß mit einem Schuss (in die Arme des Torhüters, 51. Minute) und Woltemade mit einem Kopfball (an die Latte, 53. Minute) das 2:0. Das Spiel wurde aber immer schwerer zu bewerten, weil der Bundestrainer weiter wechselte. Führich für Stiller (gute Leistung), Raum für Brown (siehe Stiller), Goretzka für Groß (siehe Brown). Für Wirtz kam außerdem Vagnoman. Doch der Verteidiger, auch vom VfB Stuttgart, verteidigte in der 70. Minute zu ungestüm. Derrick Köhn spielte den Ball an Vagnoman vorbei und passte ihn in die Mitte, wo Abdul Fatawu ihn ins Tor schoss.

Es gab damit ein Gegentor, das man auch mit den Wechseln erklären konnte. Es gab damit aber auch ein Ergebnis, das schlecht für den Vibe war. So schlecht, dass Leroy Sané bei seiner Einwechslung in der 78. Minute von manchen Fans ausgepfiffen wurde. Doch dadurch wurde die Schlusspointe doppelt gut: weil der Energiespieler Undav den Ball in der 88. Minute nur deswegen so kunstvoll ins Tor spitzeln konnte, weil der Kunstspieler Sané ihn dank eines energischen Einsatzes zu ihm geköpft hatte.