
In Leipzig ist schon viel deutsche Fußballgeschichte geschrieben worden. Dabei ging es nicht immer so optimistisch zu wie im Jahr 1900, bei der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes, oder 2009, zur Gründung von Rasenballsport Leipzig, der eine Erfolgsgeschichte folgte, wie sie, egal, wie man dazu steht, vielleicht nur im Osten geschrieben werden konnte.
Leipzig war auch die Stadt, in der die Gewalteruptionen in der Wende- und Nachwendezeit auf grausame Weise kulminierten, als am 3. November 1990, ein Jahr nach der friedlichen Revolution, beim Polizeieinsatz rund um das Spiel des FC Sachsen gegen den FC Berlin 58 Schüsse fielen, von denen einer den 18 Jahre alten Berliner Fan Mike Polley tödlich traf. Es ist heute ebenso wenig im kollektiven Bewusstsein wie die Absage des Vereinigungsspiels zwischen Ost- und Westdeutschland, das in Leipzig hätte stattfinden sollen, aus Sorge vor weiterer Gewalt.
Hätte die Geschichte eine andere werden können?
In diese aufgewühlte Epoche tauchen zwei Bücher ein, die sich auf ganz unterschiedliche Art mit dem Fußball im Osten und den Auswirkungen jener Zeit bis heute befassen und die man nun, anlässlich der Leipziger Buchmesse, am besten im Doppelpack liest. Jedenfalls wenn man ein bisschen besser verstehen will, was manchmal so schwer zu verstehen scheint, wenn man nur aus der Distanz auf das Thema schaut. So ist es zum Beispiel ein Teil dieser Geschichte, dass an vielen Orten die Fans die Vereine überhaupt am Leben hielten, halten mussten, weil sich alle Gewissheiten und Strukturen aufgelöst hatten. Das macht manche Exzesse nicht besser, hilft aber zu erklären, warum sich Klubführungen heute mitunter schwertun, der Lage im eigenen Haus Herr zu werden.

Jan Mohnhaupts Buch „Der geteilte Rasen. Fußball in den Wendejahren“ beginnt aber mit einem Gedankenspiel. Was wäre gewesen, wenn am 15. November 1989, sechs Tage nach dem Mauerfall, Thomas Häßler in Köln nicht das Siegtor für die Bundesrepublik gegen Wales erzielt hätte? Und wenn am selben Abend in Wien statt Toni Polster, dem dreifachen Torschützen, Heimo Pfeifenberger für Österreich gegen die DDR zum Einsatz gekommen wäre, wie von Fans und Medien gefordert? Oder wenn der Noch-Karl-Marx-Städter Rico Steinmann beim Stand von 0:1 seinen Elfmeter verwandelt hätte? Mit einem Unentschieden in Wien wäre die ostdeutsche Auswahl nach Italien gefahren, bei einem Unentschieden in Köln die westdeutsche, der spätere Weltmeister, zu Hause geblieben.
Hätte damit auch die ganze Geschichte des deutschen Fußballs eine andere werden können? Weil das Konzept vom historischen Sieger auf dem Fußballplatz quer zum Rest der Geschichte verlaufen wäre?
„Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“
Möglich, dass dann weniger Arroganz vonseiten des Westens im Spiel gewesen wäre, aber der Zersetzungsprozess des ostdeutschen Fußballs war da schon in vollem Gange. Mohnhaupt, 1983 im Ruhrgebiet geboren und heute in Magdeburg zu Hause, zeichnet ihn im Stile eines Spieltags-Chronisten mit fast nüchterner Brutalität nach. Hier fallen die Realitäten auseinander, dass es beim Lesen wehtut: einerseits das teilweise hochspannende Geschehen auf den Spielfeldern, bei dem es noch um etwas geht, letzte Titel, Qualifikationen, das andererseits aber doch belanglos wird vor dem Hintergrund des großen Ganzen, dem Desinteresse des Publikums insgesamt, den Hooligan- und Neonazi-Kräften, die den Raum besetzen, den Fliehkräften, die das Geld aus dem Westen mit sich bringt. Und einem DFB, der mit kalter Ignoranz die Kräfte walten ließ.

„Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“, das ist das auf den ersten Blick bestens passende Motto eines anderen Buches, das in diesen Tagen in Leipzig vorgestellt wird. Der Titel ist noch plakativer: „Plattgemacht“, illustriert von zwei (Manager-)Beinen in Nadelstreifen und einem Lederschuh auf einem luftleeren Ball. Man darf es für eine späte Ironie der Geschichte halten, dass ein westdeutscher Verlag damit einem ostdeutschen Publikum seine eigene Verlustgeschichte verkaufen will. Aber dieses durchsichtige Spiel macht der Autor Mathias Liebing zum Glück nicht mit.
Liebing, wie Mohnhaupt Journalist, war neun Jahre alt und im Mansfelder Land zu Hause, als die Mauer fiel. Sein sehr persönliches Buch ist eine nachgeholte Erinnerung an jene Zeit, in der der ostdeutsche Fußball dem ostdeutschen Publikum fremd war, aber auch der Versuch, selbst zu verstehen, was in jener Zeit passierte, wo die Fehler lagen und wo die Verantwortung. Das tut er aber längst nicht so platt wie im Titel suggeriert.
Die Chance, eine neue Geschichte zu schreiben
Erzählerisch verfolgt Liebing einen ganz anderen Ansatz als Mohnhaupt, er hat mit vielen gesprochen, die dabei waren, auf der einen oder auf der anderen Seite, mit Reiner Calmund oder Ralf Minge, daraus entsteht viel (manchmal zu viel) Anekdotisches. Und auch er stellt die Frage, ob die Geschichte anders hätte verlaufen können. Wenn zum Beispiel die Zeit schon reif gewesen wäre für den Film- und Rechtehändler Michael Kölmel, der Mitte der 1990er als Investor drauf und dran war, eine frühe Version des Multi-Club-Ownership im Osten zu installieren.
Auch das bleibt ein Gedankenspiel, manche seiner Thesen lässt Liebing selbst von seinen Gesprächspartnern wieder einkassieren. Aber es führt unmittelbar zum zweiten und ihm fast noch wichtigeren Teil seines Vorhabens: ein Licht darauf zu werfen, wo trotz widriger Bedingungen etwas gewachsen ist und vielleicht gerade auch erst wächst. Ob Union Berlin mit seiner Kombination aus maximalidentifikatorischem Ansatz und unternehmerischer Risikobereitschaft zum Modell taugt oder doch eher als Glücks- und Sonderfall der Geschichte steht, bleibt offen.
Liebing sieht in Leipzig, wo er auch lebt, die Chance, über RB hinaus eine neue Geschichte zu schreiben. Als „Innovationshub“ des deutschen Fußballs, der seine volle Kraft erst noch entfalten könnte, falls eines Tages Lok in der zweiten Liga und Chemie in der dritten spielt und alle die Chance begreifen, die darin steckt. Das allerdings klingt schon angesichts der komplizierten Historie nach einer Utopie.
In der Gegenwart wirft es ein Schlaglicht auf ein hochaktuelles Thema. Dass der Meister der Regionalliga Nordost – dort ist Lok Tabellenführer – durch das Nadelöhr einer Qualifikationsrunde muss, um in die dritte Liga aufzusteigen, ist eine strukturelle Ungerechtigkeit, die im Jahr 36 nach der Wende viele, aber längst nicht alle im DFB erkannt haben.
