Fünf Fakten über das Stofftaschentuch – Stil

1. Das Prestigeobjekt

Auch wenn die ersten schriftlich festgehaltenen Ermahnungen, man möge bitte nicht in die Tischdecke oder in den Ärmel rotzen, auf Erasmus von Rotterdam und damit bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, hat es seine Zeit gebraucht, bis die ersten Nasen mit dem Taschentuch in Kontakt kamen. Bis ins 18. Jahrhundert war es an den europäischen Höfen üblich, zwischen Daumen und Zeigefinger in die Luft zu schnäuzen. Das Taschentuch, aus feinster Seide, mit Gold- und Silberfäden durchzogen oder aus hauchdünnem, in Spitze verwebtem Batist wurde stattdessen grazil als Zier- und Statusobjekt in der Hand gehalten. Keine Dame und kein Mann von Welt wollte sich ohne das feine Wohlstandsattribut porträtieren lassen.

Diego Velázquez malte um 1651 bis 1661 Königin Maria Anna Tochter d. Ferdinand III. von Habsburg.
Diego Velázquez malte um 1651 bis 1661 Königin Maria Anna Tochter d. Ferdinand III. von Habsburg. (Foto: Kunsthistorisches Museum Österreich)

Die Tücher galten als so kostbar, dass sie Teil einer Mitgift waren und in Testamenten vererbt wurden. Die heutige, quadratische Form des Taschentuchs geht der Legende nach auf Marie Antoinette zurück. Die Königin Frankreichs soll unter dem Chaos aus runden und rechteckigen Taschentüchern schlicht die quadratischen bevorzugt und ihren Gemahl, König Ludwig XVI., davon überzeugt haben, diese Form 1785 gesetzlich vorzuschreiben. Eine alternative, anekdotische Deutung besagt, dass der Erlass weniger aus Liebe zur Königin entstand als aus königlicher Eitelkeit: Ludwig XVI. wollte dem Wettstreit der Aristokraten um immer größer werdende Taschentücher ein Ende bereiten. Keiner durfte im Königreich ein größeres Taschentuch als der König selbst haben.

2. Das Liebespfand

Chromolithografierte Werbung für Royal-Sunbeam-Fahrräder, 1897
Chromolithografierte Werbung für Royal-Sunbeam-Fahrräder, 1897 (Foto: Alamy Stock Photos/Amoret Tanner/mauritius images)

Wer sein Taschentuch weitergeben will, sollte sich das gut überlegen – lehrte William Shakespeare schon in seinem Stück „Othello“. Die gesamte Tragödie dreht sich um dieses eine Taschentuch, das gestohlen oder missverstanden, sich vom Liebespfand in einen Verrat verwandelt. Wer im viktorianischen England (Liebes-)Geständnisse über ein Taschentuch machen wollte, schaute besser im „The Handkerchief Telegraph“ nach. Dort waren die gängigsten Botschaften, die man mithilfe eines Taschentuchs zeigen konnte, aufgelistet. Zum Beispiel die Warnung, dass man seine Turteleien besser an einem anderen Ort fortsetzen sollte, weil man – Achtung – beobachtet wurde! Dafür genügte es, sich einmal das Taschentuch über die Stirn zu streifen. Offenes Flirten war im England des 19. Jahrhunderts nämlich noch tabu. Ein in der rechten Hand gewundenes Taschentuch verriet: „Ich liebe einen anderen.“ Die Botschaft, nach der sich wohl aber die meisten Menschen damals wie heute verzehrten, war ein schlichtes „Ich liebe dich“, ein sanft über die Wange gestrichenes Taschentuch.

In einem Sammelband aus dem Deutschen Reich zur Briefmarkensprache der Liebenden wurden ergänzend auch die Codes des Taschentuchs aufgeschlüsselt:

Auch im Deutschland der 1920er-Jahre beschäftigte man sich mit den vielen Formen der Liebessprache. Im Sammelband „Neue Briefmarkensprache“ wurden unter anderem die Codes des Taschentuchs thematisiert.
Auch im Deutschland der 1920er-Jahre beschäftigte man sich mit den vielen Formen der Liebessprache. Im Sammelband „Neue Briefmarkensprache“ wurden unter anderem die Codes des Taschentuchs thematisiert. (Foto: Museum für Kommunikation Berlin)
Wer suggestiv das Taschentuch über seine Schulter flattern ließ, erklärte: „Ich möchte mit Ihnen sprechen“ - das erklärt der Sammelband „Neue Briefmarkensprache. Ein Verständigungsmittel für Liebende“ aus dem Enßlin & Laiblin Verlag.
Wer suggestiv das Taschentuch über seine Schulter flattern ließ, erklärte: „Ich möchte mit Ihnen sprechen“ – das erklärt der Sammelband „Neue Briefmarkensprache. Ein Verständigungsmittel für Liebende“ aus dem Enßlin & Laiblin Verlag. (Foto: Museum für Kommunikation Berlin)

3. Die Requisite

In den entscheidenden Momenten ihres Lebens hatte Scarlett O’Hara nie ein Taschentuch dabei, dafür aber ihr Verehrer, Rhett Butler.
In den entscheidenden Momenten ihres Lebens hatte Scarlett O’Hara nie ein Taschentuch dabei, dafür aber ihr Verehrer, Rhett Butler. (Foto: imago stock&people/imago/United Archives)

Für Ben Whittaker aus dem Film „Man lernt nie aus“ ist es klar: Ohne ein Taschentuch wird kein Mann zum Gentleman. „Der beste Grund, eines bei sich zu tragen, ist, um es zu verleihen. Frauen weinen, Davis. Wir tragen es für sie“, sagt Whittaker, gespielt von Robert De Niro. Vorgemacht hat ihm die rettende Geste auf ikonische Weise schon Clark Gable als Rhett Butler in „Vom Winde verweht“, als er Scarlett O’Hara auf der Leinwand Rotz und Tränen aus dem Gesicht wegtupfte: „Hier, nimm ein Taschentuch. In den entscheidenden Stunden deines Lebens warst du immer ohne Taschentuch.“ Und wenn man schon über das Taschentuch spricht, sollte seine Verwandlung in ein Einstecktuch, ohne welches Fred Astaires Outfit in „Top Hat“ niemals komplett gewesen wäre, auch noch Erwähnung finden. Symbolischer geht es in der Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ zu, wenn Elizabeth Bennets von überschäumender Lebenslust getriebene Schwester ihr feines, schneeweißes Taschentuch einer Schar Soldaten zuwirft. Es landet aber auf dem ausgestampften Boden. Ein böses Omen. Wenig später brennt das Mädchen auch schon mit einem der Soldaten durch.

4. Die Erinnerung

Viele Taschentücher sind nicht nur schön, sondern wertvolle Erinnerungsstücke.
Viele Taschentücher sind nicht nur schön, sondern wertvolle Erinnerungsstücke. (Foto: Alamy Stock Photos / MET/BOT/mauritius images)

Vermutlich wird in vielen Haushalten diese eine gut versteckte, eingestaubte Schachtel zu finden sein, in der teils vergilbte und fragile, aber sorgfältig gebügelte Schnupftücher der eigenen Eltern, Großeltern oder sogar noch Urgroßeltern unangetastet lagern. Und, ach wie schrecklich ist die Vorstellung, diesen Inhalt ausleeren oder weggeben zu müssen. Schließlich haftet den Tüchern nicht nur ein Rest Nasensekret, sondern auch sentimentale Erinnerung an! Hier ein Taschentuch, das mal zur Taufe verschenkt wurde. Da sogar eins mit Erinnerungsknoten! Und dort, das Taschentuch, an dem noch das Parfüm der eigenen Mutter haftet. Sigmund Freud bezeichnete das Taschentuch als Symbol für sämtliche „Urbedürfnisse“ des Menschen. Einerseits erfüllt es das Offensichtliche. Andererseits stillt es tieferliegende Bedürfnisse des Unterbewusstseins: den Wunsch nach Aufmerksamkeit, Fürsorge und Anteilnahme.

5. Der Massenartikel

Praktisch, aber nicht sehr nachhaltig: Vor knapp hundert Jahren meldete ein Unternehmen in Nürnberg ein Patent für Papiertaschentücher an.
Praktisch, aber nicht sehr nachhaltig: Vor knapp hundert Jahren meldete ein Unternehmen in Nürnberg ein Patent für Papiertaschentücher an. (Foto: Alamy Stock Photos/Stephen French/mauritius images)

Dem Niedergang des Stofftaschentuchs klingt ein leicht daherzusagender Satz nach: „Hast du mal ein Tempo?“ Klassischer Fall generischer Verselbständigung, bei der aus einem Markennamen sogleich eine ganze Gattungsbezeichnung wurde. Denn wer ein Tempo will, möchte eigentlich ein Taschentuch – aber eines aus Papier, bitte. Dass sich im Ringen um das Naseputzen schließlich Papier gegen Batist durchsetzte, ist dem Nürnberger Innovationsgeist, einem neuen Hygieneverständnis und einem rohstoffreichen Zeitalter geschuldet, in das sich ein Wegwerfartikel perfekt einfügte: dem 20. Jahrhundert. Im Jahr 1929 meldete die Vereinigten Papierwerke AG Nürnberg ihr aus reinem Zellstoff gefertigtes Papierschnäuztüchlein beim damaligen Reichspatentamt in Berlin an. „Kein Waschen mehr“, war einer ihrer Werbeslogans. Ende der 1930er-Jahre wurden 400 Millionen Tempos auf den Markt gebracht – ungefähr die gleiche Zahl an Tonnen Holz, die heutzutage pro Jahr weltweit für die Papierproduktion benötigt werden. Mit etwa 200 Kilogramm Papier pro Person ist der Verbrauch in Deutschland dabei besonders hoch. Doch, mit immer knapper werdenden Ressourcen und einem größeren Nachhaltigkeitsbewusstsein, feiert das Baumwolltaschentuch, das mehr als 200 Waschgänge überstehen und während seiner Lebensdauer mehrere Hundert Papiertaschentücher ersetzen kann, ein längst überfälliges Comeback.