

Khadija Ahmadzada wusste, dass das, was sie tat, gefährlich war. Sie tat es trotzdem. Die leidenschaftliche Taekwondo-Kämpferin trainierte regelmäßig junge Mädchen in der westafghanischen Stadt Herat. „Ich habe so viel in den Kampfsport investiert, dass ich unter allen Umständen weitermachen will“, sagte die 22 Jahre alte Frau im vergangenen Juni bei einem Besuch der F.A.Z. in ihrer provisorischen Sporthalle.
Vor wenigen Tagen wurde Ahmadzada laut lokalen Medien gemeinsam mit ihrem Vater von den Taliban festgenommen. Die Islamisten haben Frauen jede Form der sportlichen Betätigung in der Öffentlichkeit verboten. Zu dem konkreten Fall haben die Taliban-Behörden sich bislang nicht geäußert. Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Afghanistan, Richard Bennett, zeigte sich „extrem beunruhigt“ über die Meldungen zu Ahmadzadas Inhaftierung sowie über die Inhaftierung der Journalistin Nazira Rashidi in der Provinz Kundus. Er verlangte die sofortige Freilassung der beiden Frauen.
Sportlerinnen galten als ein Symbol der Republik
Das Kampfsportteam in Herat war vor zwölf Jahren von einem koreanischen Trainer aufgebaut worden, als in Afghanistan noch die vom Westen unterstützte Republikregierung herrschte. Ahmadzada war eine seiner fähigsten Schülerinnen. Sie trägt wie andere in ihrem Team den schwarzen Gürtel. Damals gehörte Frauensport noch zu den Dingen, die von der internationalen Gemeinschaft besonders gefördert wurden. Boxerinnen und Fußballerinnen wurden zum Symbol einer neuen Zeit. Viele von ihnen leben heute im Ausland.
Ahmadzada blieb in Afghanistan. Sie übte nicht nur weiter ihren Sport aus und gab ihr Wissen an andere Mädchen weiter. Sie scheute sich auch nicht davor, westlichen Medien davon zu erzählen. „Es gibt den Mädchen Hoffnung, wenn andere ihre Fähigkeiten sehen“, sagte sie im Juni. In ihren Worten schwang jenes in Afghanistan unter Frauen verbreitete Gefühl mit, von der Welt vergessen worden zu sein.
Zuletzt hatte die resolute Kampfsportlerin sich für eine Dokumentationsserie des niederländischen Fernsehens filmen lassen. Der Sender nahm die Serie nach der Festnahme „im Interesse der Sicherheit der beteiligten Frauen“ aus dem Internet. Laut lokalen Medienberichten sollen auch Schülerinnen in der Halle gewesen sein, als die Sittenpolizei anrückte. Demnach konnten sie den Ort aber verlassen. Damals im Juni stießen sie ihre Kampfschreie so laut aus, dass man den Eindruck hatte, die ganze Nachbarschaft wisse davon.
Auch Journalistin festgenommen
Es gibt in Afghanistan viele Frauen wie Ahmadzada, die sich über die Verbote der Taliban hinwegsetzen. Obwohl zum Beispiel alle Fitnessstudios für Frauen schon im November 2022 geschlossen wurden, gibt es immer noch Frauen, die sich heimlich gemeinsam zum Sport treffen. Nicht jedes Dekret des Taliban-Führers Haibatullah Akhundzada wird lückenlos durchgesetzt. Unter den Taliban-Funktionären teilt nicht jeder seine Auslegung des Islams.
Doch die Festnahme Ahmadzadas zeigt, welche Risiken die Frauen in Kauf nehmen. Die Taliban verabschiedeten im August 2024 ein sogenanntes Tugendgesetz. Seither geht die Sittenpolizei noch rigoroser vor und hat auch das Recht, selbst Menschen festzunehmen. Auch der Besitzer des Gebäudes, in dem das Training stattfand, wurde festgenommen.
Die Journalistin Nazira Rashidi, auf deren Festnahme der UN-Sonderberichterstatter ebenfalls hinwies, soll für mehrere lokale Medien in Kundus gearbeitet haben. Ihre Schwester sagte dem Sender Radio Free Europe, Rashidi sei die Einzige in der Familie, die mit ihrer Arbeit Geld verdiene. Demnach hat sie keinen Vater, Ehemann oder volljährigen Bruder, der sie auf Reisen begleiten könnte, wie es die Gesetze der Taliban verlangen. Die Polizei in Kundus behauptet, ihre Festnahme habe nichts mit ihrer Tätigkeit als Journalistin zu tun. Details über ihr angebliches „Verbrechen“ wurden aber nicht genannt.
Nach Angaben der in Kopenhagen ansässigen Organisation International Media Support (IMS) waren 2024 fast 900 Frauen in Afghanistan als Journalistinnen tätig. Vor der Machtübernahme der Taliban seien es 1400 gewesen. Ihre Zahl sei aber von 2023 auf 2024 wieder deutlich gestiegen, unter anderem, weil es gelungen sei, die lokalen Behörden davon zu überzeugen, die Restriktionen gegenüber Journalistinnen zu lockern.
