

Ein Hauch von Weimarer Republik liegt über Frankreich. In Lyon haben sich links- und rechtsextreme Schlägertrupps eine Straßenschlacht geliefert, die für einen 23 Jahre alten Rechtsextremen tödlich ausging. Unter den des vorsätzlichen Totschlags Verdächtigen ist der parlamentarische Mitarbeiter eines Abgeordneten der Linkspartei La France Insoumise (LFI).
Premierminister Sébastien Lecornu rief die Linkspartei auf, „in ihren Reihen aufzuräumen“ und die Verbindungen zu gewalttätigen, vorgeblich antifaschistischen Gruppen zu kappen.
Linkspartei-Gründer Jean-Luc Mélenchon wies die Vorwürfe zurück und beklagte eine „Instrumentalisierung“. Zugleich bekräftigte er die Unterstützung für die Organisation Junge Garde, deren Auflösung vom Innenminister im vergangenen Juli angeordnet wurde. „Wir befürworten ihren Widerstand, wir befürworten ihre Organisation“, sagte Mélenchon am Dienstagabend bei einer Kundgebung in Paris.
Mélenchon hatte wiederholt an Sommerlagern der Jungen Garde teilgenommen, die sich als kämpferische Vorhut gegen den Faschismus sieht. Die Linkspartei hat beim Staatsrat, dem höchsten Verwaltungsgericht, eine Beschwerde gegen die Auflösung eingereicht, die noch anhängig ist.
Anlass für die Straßenkämpfe war der Auftritt einer israelfeindlichen EU-Abgeordneten der Linkspartei, Rima Hassan, an der Sciences Po Lyon – eine Hochschule, die für ihr linkes Milieu bekannt ist.
Rechtspopulisten sehen das Opfer als Märtyrer
Die Rechtspopulisten um Marine Le Pen und ihren Verbündeten Eric Ciotti, den abtrünnigen Republikaner-Chef, beantragten indes eine Schweigeminute für den getöteten Rechtsextremen in der Nationalversammlung. Dem wurde zur Überraschung vieler Beobachter vom Regierungslager stattgegeben.
Am Dienstagnachmittag gedachten die Abgeordneten des jungen Mannes. Daran schloss sich eine hitzige Debatte an. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen vorsätzlichen Totschlags laufen noch. Neun Verdächtige der Jungen Garde wurden inzwischen festgenommen.
Für die Rechtspopulisten ist das Opfer, Quentin Deranque, ein Märtyrer „ähnlich wie Charlie Kirk“ in den Vereinigten Staaten. Der junge Mann war zum Katholizismus konvertiert und hatte sich der traditionalistischen Bewegung Academia Christiana in Lyon angenähert.
Le Pen beklagte, der junge Mann sei regelrecht „gelyncht“ worden. Ihre Nichte, die EU-Abgeordnete Marion Maréchal, forderte den Rücktritt des LFI-Abgeordneten, dessen parlamentarischer Mitarbeiter verdächtigt wird.
Sowohl Le Pen als auch Maréchal stehen der rechtsextremen Feministengruppe Nemenis nahe, zu deren informeller Leibgarde Deranque gehörte. Die Gruppe Nemenis macht regelmäßig mit spontanen Protestaktionen auf sich aufmerksam.
Nemenis wurde nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Bahnhof von Köln gegründet. Sie zielt darauf ab, Masseneinwanderung als Ursache für verstärkte Frauengewalt anzuprangern. Eine solche Aktion fand in Lyon statt.
Deranque gehörte auch der identitären Gruppe Allobroges Bourgoin an und nahm an der jährlichen Neonazi-Parade in Paris im vergangenen Mai teil. Laut Aussagen des Staatsanwaltes wurde Deranque durch Tritte und Schläge im Schädelbereich so schwer verletzt, dass die Schäden irreversibel waren. Mindestens sechs Personen hätten auf den am Boden liegenden jungen Mann eingeschlagen.
Bombendrohung gegen Parteizentrale in Paris
„Die extreme Linke hat Blut an den Händen”, sagte der Fraktionsvorsitzende der Republikaner (LR), Laurent Wauquiez. „Die Junge Garde tötet, und die Linkspartei sollte verurteilt werden“, sagte Justizminister Gérald Darmanin in der Nationalversammlung.
Der kommunistische Fraktionschef Stéphane Peu zeigte sich hingegen schockiert über die „Verteufelung“ der Linkspartei. Anders als die Sozialisten pflegen Kommunisten und Grüne weiterhin freundschaftliche Verbindungen zur Linkspartei. Die vier Parteien waren im Bündnisschluss bei den Parlamentswahlen 2024 angetreten, doch inzwischen hat sich das Bündnis auf Betreiben der Sozialisten aufgelöst.
Der frühere sozialistische Präsident François Hollande kritisierte „den Willen, eine Konfrontation mit der extremen Rechten zu inszenieren, um die Prophezeiung von Jean-Luc Mélenchon zu verwirklichen: Am Ende wird es ‚sie‘ gegen ‚uns‘ heißen“.
Einer der sozialistischen Präsidentenanwärter, Raphael Glucksmann, sagte, ein Bündnis mit der Linkspartei sei fortan nicht mehr möglich.
Die Linkspartei meldete am Mittwoch eine Bombendrohung gegen ihre Zentrale in Paris. Der Sitz der Partei sei geräumt worden, teilte der Koordinator der Linkspartei (LFI), Manuel Bompard, mit.
