Frankreich: Ausschreitungen und Festnahmen bei erneuten Protesten in Frankreich

In Frankreich sind erneut zahlreiche Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Sparpläne der Regierung zu demonstrieren. Nach Angaben der Gewerkschaft CGT beteiligten
sich landesweit mehr als eine Million Menschen an den Protesten, zu
denen mehrere Gewerkschaften aufgerufen hatten. Das Innenministerium
ging am Abend von mehr als 500.000 Teilnehmern aus, davon rund 55.000 in
Paris. Behörden hatten zuvor mit etwa 700.000 bis 800.000 Teilnehmern gerechnet. Die Beteiligung an den Protesten war deutlich größer als in der vergangenen
Woche
.

Bis zum Nachmittag kam es zu mehreren kleinen Ausschreitungen. In Paris schleuderten
vermummte Demonstranten Flaschen und Gegenstände auf Sicherheitskräfte,
wie ein AFP-Journalist beobachtete. In Lyon wurden bei Zusammenstößen
zwischen vermummten Demonstranten und Sicherheitskräften mehrere
Menschen verletzt, darunter ein Journalist. Die Polizei setzte Tränengas
ein. Auch in Rennes kam es zu Ausschreitungen. Insgesamt wurden laut
Innenministerium landesweit elf Sicherheitskräfte und elf weitere
Menschen verletzt.

Bis zum Abend wurden den Behörden zufolge
landesweit 181 Menschen festgenommen. Kurzzeitig waren einige Demonstranten in den Hof des Wirtschaftsministeriums eingedrungen. In ganz Frankreich waren insgesamt
260 Protestkundgebungen angemeldet. Etwa 80.000 Polizistinnen und Polizisten waren im Einsatz, ausgestattet mit Wasserwerfern und Drohnen.

Verkehr und Schulen betroffen

Etliche Menschen in Frankreich ließen aus Protest die Arbeit ruhen.
Zahlreiche Apotheken blieben wegen des Streiks geschlossen, Lehrkräfte
fehlten in den Schulen und bei Bussen und Bahnen gab es Ausfälle und
Verzögerungen. Nach Angaben des
Bildungsministeriums legten etwa 17 Prozent der Lehrkräfte die Arbeit
nieder, die Lehrergewerkschaft sprach gar von 45 Prozent. Mehr als 20 Gymnasien wurden durch protestierende Schülerinnen und Schüler
blockiert. Die Pariser Universität Tolbiac wurde nach ersten
Ausschreitungen im Zuge der Proteste geschlossen.

„Der Verkehr ist gestört, aber nicht komplett
blockiert“, sagte Verkehrsminister Philippe Tabarot. Etwa die Hälfte aller Regionalzüge fiel aus. In Paris fuhren die meisten U-Bahn-Linien nur stundenweise während
des Berufsverkehrs. Im
nordfranzösischen Lille blockierten Demonstranten zeitweise ein Busdepot.

Der Pariser Polizeipräfekt hatte Ladeninhaber
aufgerufen, ihre Geschäfte zu schließen. Die Regierung riet
Beschäftigten, wenn möglich im Homeoffice zu bleiben. Innenminister
Bruno Retailleau hatte sich zunächst optimistisch gezeigt: Die Proteste
seien „weniger schlimm als erwartet“, sagte er am späten Vormittag.

Wut auf Sparpläne

Auslöser der Proteste, zu denen die
Gewerkschaften aufgerufen hatten, waren die Sparpläne des inzwischen
gestürzten Premierministers François Bayrou. Er hatte 44 Milliarden Euro
einsparen wollen, unter anderem durch das Streichen von zwei
Feiertagen
. Ferner wächst bei vielen Franzosen die Wut auf
Präsident Emmanuel Macron, der in den Umfragen auf einen Tiefpunkt
abgerutscht ist.

Bayrous Nachfolger Sébastien Lecornu, der noch keine neue
Regierung ernannt hat, berät derzeit mit Vertretern der Parteien, um
einen Haushaltskompromiss für das hoch verschuldete Land zu finden. Der
geplanten Streichung von Feiertagen erteilte er bereits eine Absage. Zudem kündigte er gewisse Einschränkungen bei Privilegien für ehemalige
Premierminister an. Mit der
Vorstellung einer neuen Regierung wird nicht vor Ende kommender Woche
gerechnet, nach der Rückkehr Macrons von der Generaldebatte der
Vereinten Nationen in New York.