
Ein großer Mann, viele Tattoos, eine Kippe in der Hand, wortkarg, die Jack-Daniels-Dose von der Tankstelle fest im Griff: So beschreibt Parshad Esmaeili ihre Heimatstadt Frankfurt als Figur. Doch das meint sie keineswegs nur negativ. Während es viele Künstler irgendwann nach Berlin oder Köln zieht, bleibt sie ihrer Heimat treu.
Die Wolkenkratzer, die sich vor ihr auftürmen, nennt Esmaeili ihre „gigantischen Freunde“, die Stadt ihren „Endgegner-Crush“. Dessen Liebe sei nicht leicht zu gewinnen, weil er sie ihr zu wenig zeige. Esmaeili hat ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Stadt. Das verwundert offen gesagt aber nicht. Denn große Ambivalenzen ziehen sich durch ihr gesamtes Leben.
Esmaeili wurde 1997 in Darmstadt in einer aus Iran stammenden Familie geboren, im südhessischen Groß-Zimmern wuchs sie auf. Mittlerweile ist sie als Comedy-Künstlerin, Autorin und Moderatorin eine feste Größe in der deutschen Unterhaltungsbranche. Ihre Karriere begann bei Open-Mic-Abenden und in den sozialen Medien, wo sie sich schnell ein großes Publikum aufbaute.
Esmaeili war schon immer eine „Stimmungsbombe“
Es folgten eigene Formate wie die Comedy-Sendung „Frag Parshi“ beim Privatsender Planet Radio, mit der sie 2020 den Deutschen Radiopreis gewann. Heute gehört sie zum Ensemble des „ZDF Magazin Royale“ um Jan Böhmermann. Ihr Youtube-Kanal ist Teil von „Funk“, dem digitalen Angebot für junge Menschen von ARD und ZDF. Bei ZDFneo ist gerade ihre erste eigene Gameshow „Neo Match up“ angelaufen. Parallel dazu erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Papa weg. Mama müde. Ich laut“. Darin schreibt sie über ihre Kindheit, in der Einsamkeit eine prägende Rolle spielte.
Leid und Freude sind bei ihr untrennbar verbunden. Ohne schmerzhafte Erfahrungen hätte sie wohl nie zur Comedy gefunden. „Als ich 21 war, habe ich so einen Typen gedatet. Ich war so eine süße Politikwissenschaftsstudentin und habe ihn von ganzem Herzen geliebt“, sagt Esmaeili: „Er hat mich extrem verarscht und mir nur etwas vorgespielt.“ Ihr Zorn darüber entlud sich in einem Rap-Song samt Abrechnungsvideo, in dem ihre Freundinnen als Background-Tänzerinnen auftraten.
Als Entertainerin war sie in ihrem persönlichen Umfeld aber auch schon vorher bekannt. Zu Partys wurde sie eingeladen, weil sie als „Stimmungsbombe“ galt. Der entscheidende Impuls für die Profikarriere kam 2017 beim Besuch eines Auftritts der Comedy-Künstlerin Enissa Amani in der Frankfurter Jahrhunderthalle. „Das war der Moment, in dem ich checkte: Du willst das machen, und du kannst das auch.“
Anfeindungen auf Instagram
Sie fing an, regelmäßig Beiträge in den sozialen Medien zu posten, und baute sich schnell eine große Community auf. Auf Plattformen wie Instagram zeigt sie sich ohne künstliche Fassade und teilt auch private Gedanken und Erlebnisse. Doch der digitale Aufstieg hat auch Schattenseiten: Esmaeili ist im Netz immer wieder sexistischem und rassistischem Hass ausgesetzt. Mit der Zeit entwickelte sie eine Strategie, um damit umzugehen: „Diese Kommentare sind wie vergiftete Pfeile, ich habe gelernt, sie mit der Hand abzufangen, aber sie hinterlassen dennoch Narben.“
Sie kontert den Hass mit Witz und Humor. Als zwei Frauen sie in einem Video auf Instagram als hässlich bezeichneten, benannte Esmaeili ihre nächste Reihe von Auftritten kurzerhand in „Die unglaublich hässliche Tour“ um. Sie nutzt die Plattformen daneben auch, um auf Missstände aufmerksam zu machen, etwa auf die Situation von Alleinerziehenden. Das ist ein Thema, das sie selbst betroffen hat.

Ihr Humor ist dabei nicht nur künstlerischer Ausdruck, sondern eine tief verwurzelte Überlebensstrategie. Esmaeili wuchs allein bei ihrer Mutter auf. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, als sie fünf Jahre alt war. Ihr Vater nahm danach eine unheilvolle Rolle im Familienleben ein. In Esmaeilis Buch tritt er oft in der Figur des „Jokers“ auf, des unberechenbaren Bösewichts aus den „Batman“-Filmen. Seine liebevolle Seite konnte blitzschnell in Dunkelheit umschlagen.
Da der Vater keinen Unterhalt zahlte, musste die Mutter so viel arbeiten, dass Esmaeili die Nachmittage bei ihrer Tante verbrachte, wo sie sich häufig einsam fühlte. Eine Erinnerung hat sich eingebrannt: wie sie als Kind allein draußen auf der Schaukel saß und sich beim Abspringen vorstellte, dass ein großes Publikum ihr laut zujubelte. Der Moment, in dem sie danach die Stille der Einsamkeit realisierte, war niederschmetternd. „Ich wollte diese Welt zerstören“, sagt sie. „Als Sechsjährige habe ich mir gedacht: Warum ich?“
Aus dieser Situation heraus entwickelte Esmaeili ihr Lebensmotto: „Mithilfe von Comedy jede Tragödie kompensieren.“ Dadurch schaffte sie es, wie sie beschreibt, mit ihrem Witz und Humor die Familie von der problematischen Vaterfigur abzulenken. Inspiriert haben sie dabei unterhaltsame Fernsehsendungen. „In meiner Kindheit war das Fernsehen für mich Heilung“, sagt sie. „Entertainment rettet, ich schwöre es euch. Entertainment ist bis heute meine große Liebe. Seit meiner Kindheit ist es für mich der größte Feind der Einsamkeit.“
„Ich feiere erst, wenn das iranische Volk frei ist“
Ihren Kampfgeist führt Esmaeili auf ihre Familie zurück. Ihr Onkel war Freiheitskämpfer in Iran. Er sei verraten, verhaftet, ein Jahr lang gefoltert und schließlich mit nur 27 Jahren hingerichtet worden, erzählt sie. Esmaeili ist stolz auf seinen Mut. Ihr „revolutionäres Ich“ stamme von ihm, sagt sie. Das Leben unter der brutalen Mullah-Diktatur war für die Familie ein Albtraum. Mitte der Achtzigerjahre wanderten sie aus.
Obwohl sie selbst in Deutschland aufwuchs, spürt Esmaeili eine starke Verbindung zu Iran. Der nun ausgebrochene Krieg macht ihr zu schaffen: „Für mich steht die Zivilbevölkerung an erster Stelle“, sagt sie. „Wenn die Menschen im Iran unter den Bombardierungen leiden, kann ich nicht feiern. Ich feiere erst, wenn das iranische Volk frei ist.“
Ihre Abstammung sei der Grund, warum sie oft politische Themen in ihre Comedy einfließen lasse, sagt die Künstlerin. Ursprünglich wollte Esmaeili selbst in die Politik gehen und begann ein Studium der Politikwissenschaften. Doch sie entschied sich um. Satire sei für sie das wirkungsvollere Mittel, um Menschen zu erreichen. Sie bezeichnet den Humor als ihr „Megafon“, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen – etwa die schwierige Situation alleinerziehender Mütter. „Dass 40 Prozent der Alleinerziehenden von Armut bedroht sind, ist ein Skandal.“
Ein anderes Thema, das sie aufgrund eigener Erfahrungen in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, sind Vorurteile und Schubladendenken. Darum geht es nun auch ihrer Fernsehshow „Neo Match up“. Prominente Gäste wie Karoline Herfurth oder Kurt Krömer treten gegen sie an und müssen Menschen bestimmten Kategorien zuordnen, etwa Berufen oder begangenen Straftaten. So werden Klischees und Vorurteile sichtbar.
Esmaeili ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Doch hinter ihrer Karriere stehe ein jahrelanger Kampf gegen eine oft unerbittliche Industrie. „Als junge Frau mit Migrationsgeschichte musste ich immer 200 Prozent geben“, sagt sie. „Gleichzeitig hatte ich keine Lust, Klischees zu bedienen und die asoziale junge Frankfurterin zu inszenieren, die für billige Witze einen Akzent spielt.“
Frankfurt bleibt ihr „Lebenselixier“
Die Erfahrung, aus Sendungen herausgeschnitten zu werden, weil sie „zu fremd“ für das Publikum sei, war hart. Esmaeili rechnete damit, noch 15 Jahre kämpfen zu müssen, bis sie eine eigene Show bekommt. Nun, nachdem es anders kam, ist sie erleichtert: „Im Entertainment habe ich meine große Liebe und den Sinn meines Lebens gefunden.“
Frankfurt bleibt trotz des Erfolgs weiterhin ihr „Lebenselixier“. Wenn die Nacht über die Metropole hereinbricht, sucht sie die raue Authentizität der Stadt, das Nachtleben und die asiatischen Restaurants im Bahnhofsviertel. „Ich muss in der Nähe der Orte bleiben, an denen alles angefangen hat. Ich brauche die Geschichten zu den Straßen, die ich erlebt habe. Ein anderes Bundesland als Hessen kann ich mir nicht vorstellen. Ich werde immer ein ‚hessisch Mädchen‘ bleiben.“
Auch mit ihrer schwierigen Biographie konnte sie ihren Frieden schließen. Ohne die Einsamkeit und ihren problematischen Vater wäre sie wohl niemals Entertainerin geworden, glaubt sie. „Laut sein“ ist für sie kein Überlebensmechanismus mehr, sondern ein Akt der Freiheit. Wenn sie der kleinen einsamen Parshad auf der Schaukel heute etwas sagen könnte, dann dies: „Es macht alles Sinn, was du gerade erlebst, es muss passieren, damit du eines Tages das Feuer in dir entdeckst.“
