Frankfurt ist mit der Sanierung seiner Schulen überfordert

In einer Fensternische auf dem Flur sitzen zwei Grundschüler und tauschen Pokémon-Karten. Wie gefällt ihnen ihre neue Schule? „Gut.“ Was ist am besten? „Die schönen Klassenzimmer.“ Aber nicht nur die fallen in dem frisch sanierten Altbau angenehm auf. Es gibt eine Bücherei, eine Mensa mit Speisesaal, einen Gymnastikraum, große Fachräume, breite Flure, einen Werkraum und sogar eine Schulküche, in der die Koch-AG an Herdfeldern auf Kinderhöhe eigene Gerichte zubereiten kann. Eine offene Lernlandschaft wartet noch auf ihre Möblierung. Akustikpaneele an den Decken und Wänden schlucken den Schall, was zu einer behaglichen Atmosphäre beiträgt.

Die Grundstufe, die im Januar den sanierten Altbau an der Schloßstraße bezogen hat, gehört zur Georg-Büchner-Schule in Bockenheim, einer Integrierten Gesamtschule, deren Hauptgebäude an der Pfingstbrunnenstraße am Rande der City-West liegt. Die Schule leidet seit Jahren unter großem Platzmangel. Durch den Umzug der Grundschüler in die neue Außenstelle an der Schloßstraße haben die höheren Jahrgänge der Georg-Büchner-Schule im Hauptgebäude nun endlich mehr Räume zur Verfügung.

Die Grundstufe hat in der Schloßstraße 29 ein neues Zuhause gefunden. Nach den Weihnachtsferien sind die Grundschüler umgezogen. Das sanierte Gründerzeitgebäude ähnelt einer idealen Schule, wie man sie sich für Kinder nur wünschen kann. Also alles gut? Nein, bei Weitem nicht.

Das Außengelände soll bis Ostern hergerichtet werden.
Das Außengelände soll bis Ostern hergerichtet werden.Maximilian von Lachner

Die Schule wurde zweieinhalb Jahre zu spät fertiggestellt und kostete sechseinhalb Millionen Euro mehr als geplant. Das lag an den vielen Überraschungen auf der Baustelle und Verzögerungen, die den Schulbau in Frankfurt prägen. Erst spät wurden schadstoffhaltige Leitungen entdeckt, die rausmussten. Das wirbelte die Bauabläufe und den Zeitplan komplett durcheinander. Etliche Vertragstermine mit Fachfirmen waren hinfällig. „Nur mit einem großen Kraftakt konnte der Bauablauf wieder angeschoben werden“, teilt das Amt für Bau und Immobilien mit.

Altbau stammt aus dem Jahr 1906

Um die Leitungen zu entfernen, musste der Putz abgeschlagen werden. Dahinter kamen prächtige Türeinfassungen und Sockel aus rotem Sandstein zum Vorschein, die freigelegt wurden und den Innenräumen nun einen besonderen Charme verleihen.

Der Altbau an der Schloßstraße hat eine Metamorphose hinter sich. 1906 wurde er als „Kurfürsten und Kaufunger Schule“ errichtet. Nach dem Krieg, den das Gebäude nicht unbeschadet überstanden hatte, wurde es als Büro- und Verwaltungsgebäude wiederaufgebaut und dem Land Hessen überlassen, das dort das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung unterbrachte, kurz DIPF. Nach dessen Umzug auf den Campus Westend 2018 ging das Gebäude wieder zurück an die Stadt und wurde wieder zur Schule.

Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) in der Schulbibliothek
Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) in der SchulbibliothekMaximilian von Lachner

Dafür mussten viele Zwischenwände entfernt werden. Nicht mehr benötigte Türen wurden zu Fensternischen umgebaut, sodass man nun vom Flur aus in die Klassenzimmer hineinschauen kann. Die Bodenplatte wurde zum Teil erneuert und das Untergeschoss abgedichtet, neue Heizkörper wurden eingebaut und neue Böden verlegt. Die Decken wurden teilweise erneuert, auch ein Aufzug wurde eingebaut. 2022 begann die vier Jahre dauernde Sanierung, im Januar zogen die rund 300 Kinder der Grundstufe ein.

Am Ende ist zwar ein schönes Gebäude entstanden. Aber die Eltern und Schüler mussten lange darauf warten. Und auch die Geduld der Lehrer und der Schulleitung wurde stark strapaziert. „Es gab einen zeitlichen Verzug, das hat zu Frust geführt“, sagt Elina König, Teamleiterin der Grundstufe. Aber jetzt sei sie glücklich, sagt sie und preist die breiten Flure und offenen Lernlandschaften. „Wir hoffen, lange hierbleiben zu können. Wenn nicht gar für immer.“

„Zu viele Sanierungen an zu vielen Schulen gleichzeitig bewältigen“

Die Georg-Büchner-Schule ist in vielem symptomatisch für die Schulbaumisere in Frankfurt. Die Baustellen sind nicht im Plan, die Schulen wissen nicht, wann sie an die Reihe kommen. Und es gibt einfach zu viele Baustellen auf einmal. Im F.A.Z.-Interview hat Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) die Situation so analysiert: „Wir müssen zu viele Sanierungen an zu vielen Schulen gleichzeitig bewältigen.“ Die Stadt stehe vor einem sehr großen Sanierungsstau, der nicht innerhalb von wenigen Jahren abgebaut werden könne. „Es ist insgesamt das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung städtischen Eigentums, was viele Schulgemeinden heute leider erleben.“

Alles neu: Blick in ein Klassenzimmer der Georg-Büchner-Schule
Alles neu: Blick in ein Klassenzimmer der Georg-Büchner-SchuleMaximilian von Lachner

Die Georg-Büchner-Schule kann davon ein Lied singen. Die Grundstufe wurde nun zwar ausgelagert und soll perspektivisch zur eigenständigen „Grundschule Bockenheim“ werden.  Bis die geplante Grundschule im Schönhofviertel voraussichtlich im Sommer 2028 fertig ist, wird sie auch die Kinder aus dem Neubaugebiet aufnehmen müssen. Allerdings ist auch das Hauptgebäude der Georg-Büchner-Schule an der Pfingstbrunnenstraße baufällig und muss dringend saniert werden. Weber verspricht, dass es bei der Schulbauoffensive an die Reihe kommt. Nur wann, das steht noch nicht fest. Denn wahrscheinlich muss die Schule dafür ausgelagert werden.

Die Georg-Büchner-Schule ist eines von 228 Schulbauprojekten, die die Stadt in einer Bestandsaufnahme identifiziert hat. Mit einigen wurde schon begonnen, ein kleiner Teil ist auch schon erledigt. Aber die meisten Baustellen stehen noch aus. Bei der „Schulbau-Offensive“ will Weber schneller vorankommen. Dazu gehört auch, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen: Die Stadt will das Amt für Bau und Immobilien entlasten und setzt auf die Zusammenarbeit mit der städtischen ABG und mit privaten Eigentümern, die von der Stadt gemietete Schulgebäude umbauen. Hinzu kommt eine Bildungsbaugesellschaft, die sich um Instandsetzungen kümmern soll. Auf diese Weise will Weber das Tempo erhöhen.

Das ist dringend nötig, wie man in Bockenheim sieht. Die Sanierung der Grundstufe der Georg-Büchner-Schule hat sich viel zu lange hingezogen. Aber immerhin überzeugt das Ergebnis. Noch ist allerdings nicht alles fertig. Weil die Brandschutzanlage noch nicht abgenommen worden ist, patrouillieren Sicherheitsleute in Warnwesten als „Brandwachen“ auf den Gängen. Und hinter der Schule fahren noch die Baufahrzeuge. Das Außengelände muss noch hergerichtet werden. Ein Verkehrsparcours, Kletterinseln und weitere Sportmöglichkeiten sind geplant. Ostern soll auch draußen alles fertig sein. Weber freut sich, dass sie diese Baustelle endlich abhaken kann: „Es ist sehr gelungen. Ich bin einfach nur froh.“