SZ: Herr Leder, was brachte Sie dazu, zusätzlich zu Ihren Modekollektionen jetzt auch eine Marke für Wand- und Möbelfarben zu entwickeln?
Frank Leder: Ich habe schon immer Wert darauf gelegt, meine Atelierräume hier im 2. Stock in der Berliner Kantstraße besonders inspirierend zu gestalten, entwerfe auch die Möbel dafür selbst. Es gibt dort mehrere alte Kachelöfen, einen wollte ich unbedingt überstreichen und habe lange die passende Farbe dafür gesucht aber nicht das Richtige gefunden. Irgendwann bin ich auf eine alte Briefmarkenserie gestoßen, die Immanuel Kant zeigt. Das Rot seines Ohrläppchens auf dieser alten Marke hat mir gefallen, das wollte ich haben. Ein befreundeter Fotograf hat ein Gerät, mit dem man sehr tief in die einzelnen Pixel eines Bildes zoomen kann. So haben wir die Farbe extrahiert, und es entstand das erste Rot meiner Farbenreihe – das Kant’sche Ohrläppchen.
Dazu gesellten sich noch zwei Dutzend andere Farbtöne – das Grün des Stehpults von Theodor Adorno oder das Blau eines geschwollenen Auges von Boxweltmeister Eckhard Dagge. Das sind, gelinde gesagt, ungewöhnliche Ansätze für Wohnfarben.
Es geht mir, wie auch bei meinen Modekollektionen, vor allem um das Erzählen von Geschichten. Und gleichzeitig sollen die Produkte fundiert und gut sein und eben stimmig, nicht nur eine interessante Hülle. Deswegen habe ich zusammen mit Jörn Apel ein Jahr lang an der Rezeptur der Kreide- und Lehmfarben getüftelt. Ich wollte einfach keinen Fitzel Plastik in diesen Farben haben. Die Menschen sollen die Geschichten mögen, aber das Produkt sollte eben auch ganz unabhängig davon funktionieren.
Wie lief die Farbfindung für Ihr Sortiment ab?
Zum einen sammle ich schon mein ganzes Berufsleben lang Objekte, die mich interessieren, habe also ein richtiges Kuriositätenkabinett in meinem Atelier, das mich immer wieder inspiriert und auch einige Ansätze für gute Farben lieferte. Auch mein Freundeskreis aus Künstlern und Architekten sorgte immer wieder für neue Themen und Entdeckungen. Dann sind wir aber auch viel unterwegs gewesen und haben die Farben vor Ort so fundiert wie möglich aufgenommen. Ich fand zum Beispiel die Ivenacker Eichen in Mecklenburg schon immer sehr beeindruckend, das sind riesige und uralte Bäume mit hundert verschiedenen Grüntönen, davon wollte ich mir einen für unsere Farbskala aussuchen.

Ein sehr schöner Farbton ist das linde Blau des Veilchens von Boxer Eckhard Dagge. Wie haben Sie das denn recherchiert?
Original nachvollziehen ging leider nicht mehr, Dagge ist ja schon vor zwanzig Jahren verstorben. Also haben wir Kontakte zu Boxsportlern gesucht und sie gebeten, sie möchten uns alarmieren, wenn sie ein blaues Auge haben, damit wir dann gleich den Farbton analysieren können. Leider waren die Augen aber immer, wenn wir dann da waren, schon am Verblühen und nicht mehr richtig bläulich, also das hat ziemlich lange gedauert, bis wir einen Farbton definiert hatten. Aber das Eckhard-Dagge-Blau, das wir jetzt haben, kommt, glaube ich, sehr nahe dran.
Das Gelb der ersten Ausgabe von Klaus Manns „Mephisto“, das Weiß der Kreidefelsen von Rügen, das Grün von Goethes Gartenhaus oder das Schwarz des Darkrooms im legendären Schwulentreff „Deutsche Eiche“ in München – ist das ein deutsches Panoptikum, das Sie mit Ihren Farben darstellen wollen?
Also vor allem wollten wir nicht einfach Sonnenblumengelb machen, wie man es als Farbe in jedem Baumarkt bekommt. Ich sammle Geschichten und meine Produkte sollen auch wieder Geschichten erzählen. Zum Beispiel habe ich vor einigen Jahren auch schon eine Kosmetikreihe namens „Tradition“ entwickelt, zusammen mit einem Spezialisten für Naturkosmetik am Bodensee. Ich wollte dabei nicht nur, dass die Inhalte stimmig sind, sondern auch die Verpackung, mit schönen Glasflaschen und echten Bakelit-Verschlüssen, obwohl das extrem aufwendig und eben auch zerbrechlich ist. Aber ein Plastikdeckel erzählt eben nichts, so ein Bakelitdeckel schon, und wer ihn morgens in die Hand nimmt, spürt das sofort.

Diese angesprochene Kosmetikreihe wurde von Ihnen in Frakturschrift etikettiert, ein Badeöl trägt den Namen „Deutsche Eiche“, eine Seife heißt „Roter Presssack“. Was fasziniert Sie an diesem Spiel mit altdeutscher Ästhetik und teutonischem Vokabular?
Ich habe immer den Ansatz, unbekanntere Themenkomplexe zu bearbeiten und durch meine Mode und Produkte zu vermitteln. Zum Beispiel habe ich eine Kollektion gemacht, die sich um den speziellen Kodex von Handwerksgesellen auf der Wanderschaft, deren geheime Riten und die Versatzstücke dieser Ästhetik drehte. Es geht dabei nicht so sehr um deutsche Ästhetik als vielmehr um die Suche nach etwas Echtem und Gutem, oder: nicht Künstlichem. Ein anderes Beispiel war die Kollektion „Meuten“, angelehnt an die Leipziger Meuten, bei der ich mich mit den wenig bekannten Jugendgruppen im Dritten Reich beschäftigt habe, die sich bewusst in Straßenkämpfen gegen das Unrechtssystem platziert und so Widerstand geleistet haben. Jemand hat auch mal gesagt, ich wäre der Paul Smith von Deutschland. So wie er versucht, die typische Britishness immer wieder neu zu interpretieren, ist es für mich vielleicht mit dem altdeutschen Element, ich arbeite gerne damit. Kennen Sie diese alten Zinnteller und Krüge?
Die in Schützenvereinen im Regal stehen oder bei Oma neben der Butzenscheiben-Küchentür?
Genau, so total altmodischer deutscher Hausrat, der einem heute in jedem Trödelladen nachgeworfen wird. Ich habe ein paar Kisten davon gekauft und überlege, wie man das Zeug remixen könnte. Erst mal habe ich ein paar Teller eingeschmolzen und damit Löcher und Risse in meinen alten Bodendielen aufgefüllt, bei manchen dieser Füllungen sieht man jetzt auch noch Reste der alten Reliefmuster. Wenn japanische Kunden zu Besuch kommen, erkennen sie darin gleich eine deutsche Abart ihre Kintsugi-Tradition, bei der die Risse in Keramik mit Gold gekittet werden.

Aber haben Sie keine Angst, dass ein „Deutsche Eiche“-Badeöl mit Frakturschrift ein eher national gesinntes Publikum anziehen könnte?
Ich verstehe, dass Journalisten danach fragen, aber ich bewege mich mit meiner Arbeit, glaube ich, gänzlich außerhalb der Wahrnehmung dieser Kreise. Und die angesprochene Schrift ist zum Beispiel auch keine Fraktur, sondern die „Schwabacher“, die von den Nazis als jüdisch deklariert und verboten wurde. Ich habe ein kunstaffines, intellektuelles Publikum, das meine Ideen in den richtigen Kontext setzt und weiß, dass ich niemals mit diesen Symbolen kokettieren würde. Im Grunde arbeite ich Identität künstlerisch mit den Mitteln der Mode auf und nehme sie durch die Beschäftigung damit eigentlich aus der rechten Ecke weg.
Ist Ihr Erfolg in Japan und anderen Ländern vielleicht auch auf diese deutsche Ästhetik zurückzuführen? Man weiß ja nicht zuletzt seit dem Erfolg von Rammstein, dass viele diese Versatzstücke irgendwie chic finden.
Ich glaube, was die Kunden an meiner Arbeit schätzen, ist weniger eine deutsche als eine über die letzten 25 Jahre aus meiner künstlerischen Designsprache entwickelte Ästhetik, basierend auf handwerklicher Akribie, der Neugier, mit der ich Themenfelder bearbeite, Qualitätsbewusstsein und der Liebe zu ungewöhnlichen Details. Zum Beispiel statte ich alle meine Kleidungsstücke mit originalen alten Knöpfen aus, Knöpfe sind für mich wichtige und geschichtsträchtige Symbole. Viele Designer vergessen, dass Knöpfe das Teil eines Outfits sind, das die Träger als Erstes und am häufigsten in der Hand haben.
Das klingt aber sehr aufwendig, wie kommen Sie denn immer an die alten Knöpfe?
Ja, ich brauche heute für jede Kollektion Hunderte alter Knöpfe, habe aber zum Glück Menschen, die mit mir zusammen danach suchen. Genau diese Details machen für mich den Unterschied aus, bei dem meine Arbeit über den reinen Zweck der Funktion hinausgeht. Das ist mit der Farbenkollektion jetzt auch so: Neben dem rein wohngesunden und ästhetischen Farberlebnis sollen die Geschichten rund um die einzelnen Farbtöne und ihre Herleitung einen Mehrwert schaffen und zum Gespräch über die Geschichte des ausgewählten Farbtons anregen.

Jetzt haben Sie Modekollektionen und eine Farbkollektion entworfen, geht es mit Möbeln weiter?
Ich habe schon einen Spind gebaut, mir gefällt diese rohe, funktionale Ästhetik von Garderobenspinden. Die Idee meines Spindes ist, dass der interessierte Kunde ihn mit einem auf ihn zugeschnittenen Inhalt bekommt, also von Unterwäsche, Schuhen, Bekleidung bis hin zur Körperpflege und ausgewählten Gegenständen. Der Spind als Ausdruck und Ansatz eines gesamtkünstlerischen Schaffens.
