
Starker Auftakt, heftige Krise: Audi sammelt in der Formel 1 Punkte, doch hinter den Kulissen kracht es. Teamchef Wheatley geht, Machtkämpfe werden sichtbar. Wie es nun weitergeht.
Auf den Traumstart in die Formel 1 folgt das böse Erwachen. Eigentlich könnte es für Audi nicht besser laufen: Beim Saisonauftakt in Australien Anfang März, dem allerersten Rennen in der Geschichte des Werksteams der VW-Tochter, fuhr Gabriel Bortoleto als Neunter auf Anhieb in die Punkte. Auch beim zweiten Grand Prix, dem Großen Preis von China, überzeugten die Ingolstädter – und trotzdem kracht es hinter den Kulissen.
Denn Teamchef Jonathan Wheatley hat hingeschmissen, Audi damit einen seiner wichtigsten Mitarbeiter völlig überraschend verloren.
Die Gründe für das Aus sind vielschichtig. Der 58 Jahre alte Wheatley fühlte sich in der Schweiz zwar wohl, doch seiner Frau Emma fiel die Eingewöhnung schwer. Während der Audi-Boss durch den Rennstall schnell Anschluss fand, gelang das seiner Frau unter anderem aufgrund der Sprachbarriere nicht. Um das möglichst zu verhindern, war das Ehepaar, das seit über zwei Jahrzehnten verheiratet ist, bei Wheatleys Amtsantritt im Mai 2025 extra nach Zug gezogen, das rund 50 Fahrminuten von der Fabrik in Hinwil bei Zürich liegt. Es handelt sich um eine Gegend, in der mehr internationale Menschen wohnen. Geholfen hat es allerdings nichts.
Doch auch der Brite hatte selbst Probleme. Allen voran mit Projektleiter und Ex-Ferrari-Chef Mattia Binotto. Während der 56 Jahre alte Italiener den Rennstall zum Formel-1-Top-Team formen soll und die Entwicklung des Motors und des Chassis vorantrieb, hatte Wheatley das Sagen vor Ort bei den Grand-Prix-Rennen rund um die Welt. Immer wieder kam es dabei in der Doppelspitze zu Überschneidungen der Kompetenzen und Meinungsverschiedenheiten.
Krisentreffen am Freitag in der Fabrik
Davon nahmen nicht nur die Mitarbeiter Notiz, sondern auch an der Konzernspitze Gernot Döllner. Der 57 Jahre alte Vorstandsvorsitzende der VW-Tochter merkte bereits im Laufe der zweiten Saisonhälfte 2025, als das Team noch als Sauber an den Start gegangen war, dass seine Doppelspitze wahrscheinlich keine langfristige Lösung seit.
Das Problem des Audi-Bosses war aber, dass er sowohl Wheatley als auch Binotto unabhängig voneinander verpflichtet hatte. Einen der beiden nach nur wenigen Monaten zu entlassen, wäre nicht nur das Eingeständnis eines Fehlers gewesen, sondern auch durchaus kostspielig geworden.
Daher verwundert es nicht, dass Döllner Wheatley nach dem Krisentreffen am Freitag in der Fabrik in Hinwil mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entband. Döllner konnte sein Gesicht wahren und trotzdem den von ihm ohnehin gewollten Umbau vornehmen. Aber: Dass er – und der Rest des Rennstalls – von Wheatleys geplantem Abgang zuerst aus den Medien erfuhren, wirft ein schlechtes Bild auf den CEO und sein Milliarden-Projekt.
Diese Umstände will Audi nun mit guten Leistungen auf den Formel-1-Strecken schnell vergessen machen. Nachdem man souverän in die Saison gestartet ist, soll beim Großen Preis von Japan am kommenden Sonntag (29. März) auf dem Suzuka International Racing Course das nächste gute Ergebnis eingefahren werden. Binotto, der ab sofort auch als Teamchef fungiert, wird die Leitung nun auch vor Ort übernehmen.
Und was wird aus Wheatley? Der Brite gilt als Topfavorit in gleicher Rolle bei Aston Martin. Nach Informationen von „Bild“ hält Wheatley seit Monaten Kontakt zu Lawrence Stroll, dem Besitzer des Rennstalls. Und damit nicht genug. Auch Wheatleys Ehefrau Emma pflegt Drähte rund um das Team. Beim Saisonauftakt in Melbourne saß sie am Rennsonntag sichtbar gut gelaunt mit der Ehefrau von Adrian Newey zusammen. Der Aerodynamik-Guru, dessen bessere Hälfte großen Einfluss auf ihren Mann haben soll, und Wheatley arbeiteten rund zwei Jahrzehnte zusammen bei Red Bull, und verstehen sich bis heute gut.
Wheatley zieht es zu Aston Martin
Wheatley soll Newey bei Aston Martin ersetzen beziehungsweise entlasten. Der Ingenieur war zuletzt nicht nur Leiter der Technik-Abteilung, sondern agierte interimsweise auch als Teamchef. Durch die bevorstehende Verpflichtung Wheatleys soll er sich künftig wieder uneingeschränkt auf die Entwicklung des Autos konzentrieren können.
Das ist auch dringend nötig. Denn Aston Martin ist das schlechteste Team der Formel 1. Statt wie geplant dieses Jahr unter dem neuen Reglement, so sind unter anderem die Motoren zur Hälfte elektrisch, um den Weltmeisterschaftstitel mitzufahren, konnte der britische Rennstall bisher keinen Grands Prix beenden. Trotz der modernsten Fabrik der Formel 1 harmonieren das Chassis und der Honda-Motor bisher nicht.
Die Fahrer Fernando Alonso und Lance Stroll spürten teilweise so starke Vibrationen im Lenkrad, dass sie nicht mehr als 25 Runden am Stück fahren konnten, bevor sie permanente Nervenschäden in den Händen riskiert hätten. „Irgendwann fühlen sich die Hände und die Füße ein bisschen taub an“, erklärt der zweifache Weltmeister Alonso. Und Stroll meinte: „Es ist, als ob man auf einem elektrischen Stuhl sitzen würde, und das ist nicht weit hergeholt.“
Nicht das einzige Problem: Zudem sollen dem Team Ersatzteile fehlen, weil es in der Produktion hapert. Beim Großen Preis von China in Shanghai vergangene Woche, den Kimi Antonelli im Mercedes gewann, kam es deshalb zu einem Krisentreffen bei Aston Martin. Es ging darum, die Mitarbeiter auf die kommenden Wochen einzuschwören. Die Stimmung war nach den jüngsten Rückschlägen am Boden. Das Wort bei dem Meeting soll Mike Krack geführt haben. Der Luxemburger war früher Teamchef, wurde dann auf den Posten des Einsatzleiters an der Rennstrecke gelobt.
Jetzt ist Wheatley der Wunschkandidat, um das Team wieder in die Spur zu bringen. Die erste Wahl war er aber scheinbar nicht. Die Teamverantwortlichen hatten sich vor Saisonbeginn bei Gianpiero Lambiase, dem Renningenieur von Max Verstappen bei Red Bull, erkundigt. Der winkte allerdings ab. Nun soll es also Wheatley machen.
Doch ab wann der überhaupt zur Verfügung stehen könnte, ist völlig unklar. Im Regelfall müsste ihm vorerst ein Arbeitsverbot von Audi für mehrere Monate auferlegt werden. So soll verhindert werden, dass man sein technisches Wissen umgehend bei einem direkten Konkurrenten einbringen kann.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
