Folgen des Iran-Kriegs: „Dann müssen wir davon ausgehen, dass dies Folgen für die Arzneimittelversorgung hat“

Der Iran-Krieg hat Konsequenzen für die Medikamentenversorgung in Deutschland: Gesundheitsministerin Warken (CDU) rechnet bei längeren Handelsweg-Blockaden mit Lieferverzögerungen und Preiserhöhungen. Sie kündigt ein Ende des Beipackzettels an.

CDU-Politikerin Nina Warken, 46, ist seit Mai 2025 Bundesgesundheitsministerin. Seit Dezember 2018 sitzt sie im Bundestag, wie zuvor bereits von 2013 bis 2017. Warken ist in der CDU Bundesvorsitzende der Frauen-Union.

Politico: Frau Warken, die Straße von Hormus ist wegen des Iran-Kriegs blockiert – und damit ein Teil des weltweiten Warenverkehrs. Sind Medikamente in Deutschland bald wieder knapp?

Nina Warken: Wir behalten die Situation im Persischen Golf genau im Blick und stehen mit den zuständigen Behörden, pharmazeutischen Unternehmen und dem Großhandel im Austausch. Ich sehe nicht, dass wir an diesen Stellen akut handeln müssen. Die Medikamentenlager sind gut gefüllt.

Politico: Und wenn die Blockade länger dauert?

Warken: Dann müssen wir davon ausgehen, dass dies auch Folgen für die Arzneimittelversorgung hat. Durch die Straße von Hormus fahren normalerweise auch Schiffe mit Ladungen aus Indien und China, die für die Arzneimittelversorgung und -produktion unverzichtbar sind. Durch eine längere Blockade würden sich die Wege um Afrika herum deutlich verlängern, was durchaus zu Verzögerungen und gewissen Preisanhebungen führen kann. Eine Unterbrechung der Lieferketten ist aber nicht zu befürchten. Es ist deswegen wichtig, dass wir uns noch unabhängiger von einzelnen Ländern machen. Das EU-Pharmapaket, das nun im Trilog geeint wurde, ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer sicheren Versorgung.

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Politico: Was meinen Sie konkret?

Warken: Nach langen und zähen Verhandlungen wurde ein Ergebnis erreicht. Es war nicht einfach, schlussendlich ist es die umfassendste Reform des europäischen Arzneimittelrechts seit rund 20 Jahren. Für uns ist der weitere Unterlagenschutz für die Unternehmen wichtig — gleichzeitig aber auch Anreize, hier in Europa zu produzieren, gerade beim Thema Antibiotika und anderen kritischen Arzneimitteln.

Politico: Pharmafirmen drohen hingegen, dass sie keine neuen Arzneimittel mehr anbieten werden, weil der Markt so unattraktiv geworden sei. Stimmt das?

Warken: Wir wollen die Pharmaindustrie im Land behalten und weiter ausbauen. Das ist für uns ein Pfund. Sie ist innovativ, sorgt für eine gute Versorgung der Menschen, schafft Arbeitsplätze, sorgt für Wirtschaftskraft. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen und an denen arbeiten wir. Deutschland ist und bleibt ein attraktiver Absatzmarkt, da müssen wir uns auch nicht kleiner machen, als wir sind.

Politico: US-Präsident Donald Trump beklagt, dass Amerika mit seinen hohen Medikamentenpreisen die günstigeren Arznei-Preise in Europa faktisch mitfinanziere. In der Pharmabranche drängt man Europa deshalb zu höheren Preisen und warnt andernfalls vor Verzögerungen bei der Markteinführung innovativer Medikamente. Wie stehen Sie dazu?

Warken: Diese Forderungen habe ich auch wahrgenommen. Und ich will auf keinen Fall riskieren, dass wegen der US-Pharmapolitik hier weniger innovative Medikamente in die Versorgung kommen. Gleichzeitig können wir keine Standortpolitik mit höheren Referenzpreisen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung machen. Wir werden der Branche entgegenkommen, aber die Preise dürfen nicht ausufern. Das ist weder sachgerecht noch finanziell drin.

Politico: Was planen Sie konkret?

Warken: Wir arbeiten im Pharma- und Medizintechnikdialog derzeit an einem Gesamtpaket. Auch die Vorhaben des US-Präsidenten sind dort Thema. Denn mir ist wichtig, dass die Branche weiterhin Spielräume hat, um auf die internationalen Herausforderungen zu reagieren. Ins Detail kann ich aber noch nicht gehen.

Politico: Muten Sie der Branche auch etwas zu? Sie wollen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) einen zweistelligen Milliardenbetrag sparen.

Warken: Eine von mir eingesetzte Expertenkommission erarbeitet bis Ende des Monats ein Sparpaket, das Maßnahmen für alle Bereiche enthalten wird. Auch die Ausgaben für Arzneimittel müssen wir in den Griff bekommen, ohne die anderen Ziele aus dem Blick zu verlieren.

Politico: Wie viel genau?

Warken: Die Kommission hat den Auftrag, ein Sparpotenzial in Höhe von rund 25 Milliarden Euro vorzuschlagen, sodass wir ein gutes Paket schnüren können. Ich rechne damit, dass die tatsächliche Lücke im kommenden Jahr bei zwölf bis 14 Milliarden Euro liegen wird.

Politico: Können Sie ausschließen, dass der Zusatzbeitrag im kommenden Jahr erneut steigt?

Warken: Mein Ziel ist, den Zusatzbeitrag mindestens stabil zu halten. Diesen Spardruck brauchen wir. Denn ganz ehrlich: Der Zusatzbeitrag lag 2022 noch bei 1,3 und jetzt bei 2,9 Prozent. Das sind Mehrbelastungen von Versicherten und Unternehmen von über 30 Milliarden Euro. So kann und soll es nicht weitergehen.

Politico: Sparvorschläge gibt es ja genug, von der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern bis hin zu einer höheren Beitragsbemessungsgrenze.

Warken: … und wir können jeden einzelnen davon durchgehen, aber Sie werden von mir dazu nichts Neues hören, bevor die Vorschläge der Kommission vorliegen.

Politico: Und dennoch müssen Sie mit gewaltigen Widerständen rechnen, von Ihrem Koalitionspartner SPD und Verbänden bis hin zur Zivilgesellschaft.

Warken: Es wird von vielen Seiten Bedenken geben, davon gehe ich aus. Jede Berufsgruppe wird ihren ganz persönlichen Widerstand organisieren. Aber das muss ich aushalten. Es führt kein Weg daran vorbei, den Anstieg der Ausgaben zu begrenzen.

Politico: Dabei gibt es ja Ideen, die breite Unterstützung finden – etwa weniger Bürokratie.

Warken: Ich werde in Kürze ein Gesetzespaket mit vielen kleineren, aber wirkungsvollen Maßnahmen vorlegen, um unnötige Bürokratie abzubauen. Davon gibt es im Gesundheitswesen wirklich genug.

Politico: Haben Sie Beispiele?

Warken: Sanitätshäuser etwa durchlaufen Prozesse, bis sie an der Versorgung teilnehmen können. Und dann werden innerhalb von fünf Jahren mehrere Nachkontrollen durchgeführt, teilweise mit Betriebsbegehungen. Das ist denen schon länger ein Hindernis, da die Prüfungen mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden sind. Das fahren wir zurück. Die Begehungen werden nur noch stattfinden, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Die Präqualifizierung bleibt jedoch als zentrales Instrument der Qualitätssicherung grundsätzlich erhalten.

Politico: Von der EU gibt es die Vorgabe, den Beipackzettel in Papier abzuschaffen. Wann gehen Sie das an?

Warken: Auch das ist Teil des EU-Pharmapakets, den wir in deutsches Recht umsetzen. Das wird aber noch etwas dauern: Zwei Jahre nach In-Kraft-Treten des Pharmapakets müssen die Unternehmen für alle Arzneimittel eine digitale Packungsbeilage bereitstellen. Sie bietet viele Vorteile, etwa automatische Übersetzungen oder Vorlesefunktionen. Weiterhin hat jeder Patient ein Recht darauf, von der Apotheke einen ausgedruckten Beipackzettel zu erhalten. Wir müssen die Menschen mitdenken, die aus verschiedenen Gründen lieber weiterhin den Papierzettel wünschen.

Politico: Kanzler Friedrich Merz (CDU) ist kürzlich von seinem Staatsbesuch bei Trump zurückgekehrt. Wie gut ist Ihr Draht zur US-Administration und Ihrem Amtskollegen Robert F. Kennedy, der Sie öffentlich wegen Corona-Verfahren kritisierte?

Warken: Wir haben uns bislang noch nicht getroffen, vereinbaren derzeit aber einen Termin für ein erstes bilaterales Gespräch. Die Lage der Pharmabranche wird ganz oben auf der Agenda stehen, aber auch die globale Gesundheitspolitik. Die USA sind aus der Weltgesundheitsorganisation ausgetreten, was ich sehr bedauerlich finde. Es gibt gemeinsame Interessen von Forschung bis Lieferketten.

Politico: Was können Sie von Kennedy lernen?

Warken: Abseits der strittigen Themen hat er teilweise gute Ansätze beim Thema Prävention, das bestätigen mir auch europäische Kollegen. Nicht überein kommen wir beim Impfen, das er kritisch sieht. Ich werde ihn da nicht bekehren und will auch keine Konfrontation. Aber ich würde ihm sagen, wie wichtig Impfen ist und welche klare Haltung wir dazu haben.

Jürgen Klöckner ist Mitglied der Redaktionsleitung von „Politico“ Deutschland.

Louis Westendarp ist Reporter beim Pro-Newsletter Gesundheit von „Politico“.