
Mindestens 55.000 Menschen, schreibt die Historikerin Marie-Janine Calic in der Einleitung zu ihrem Buch „Balkan-Odyssee“, flohen ab 1933 aus Deutschland und später aus Österreich nach Jugoslawien. Tausende weitere verschlug es nach Bulgarien, Rumänien und Albanien. „Juden und Nichtjuden, Künstler und Arbeiter, Konservative und Kommunisten, Zionisten und Internationalisten, Widerstandskämpfer und Unpolitische“ – so skizziert die Autorin die von den Zeitläuften erzwungene Gemeinschaft ihres Buches. Sie widmet sich darin dem größten Teil Südosteuropas (Griechenland wird weitgehend ausgespart) als Fluchtziel oder Zwischenstation im Zweiten Weltkrieg. Vorgelegt hat sie damit auch ein Buch über einen Vorläufer der „Balkanroute“.
Calic konnte sich auf wichtige Vorarbeiten stützen, so auf die Forschung der seit Jahrzehnten in Zagreb lebenden österreichischen Historikerin Anna Maria Grünfelder. Die hat ihrem Buch „Von der Shoa eingeholt. Ausländische jüdische Flüchtlinge im ehemaligen Jugoslawien 1933–1945“ (2013) und in anderen Werken bereits Beachtliches zu dem Thema vorgelegt. Doch Calics Buch ist weit mehr als eine Kompilation von bereits Bekanntem. Die Historikerin griff auf Bestände aus gut zwei Dutzend Archiven zurück und machte zudem mit geradezu detektivischem Spürsinn Nachlässe, Tagebücher und weitere entlegene Quellen ausfindig.
Flucht bevor Hitler an die Macht kam
Zu den bekanntesten Figuren ihres Buches zählt Manès Sperber, über den es in vielen Biographien lapidar heißt, er sei „über Jugoslawien“ nach Paris und in die Schweiz emigriert. Bei Calic wird die mehrere Monate währende jugoslawische Etappe im Leben des Schriftstellers und Philosophen in ihrer prägenden Wirkung deutlich. Gleich 1933 war Sperber mit seiner Frau nach Zagreb gekommen, wo er Freunde hatte. Ein Jahr später wurde dort sein Sohn Vadim geboren. Sperber brachte die Familie durch, indem er Vorträge hielt und als Psychotherapeut praktizierte. Aus einer Begegnung mit dem Schriftsteller Miroslav Krleža, dem führenden Kopf der linksintellektuellen Szene Jugoslawiens, entstand eine anhaltende Freundschaft.

In manchen zeitgenössischen Quellen kommt Sperber, damals noch ein glühender Stalinist, keineswegs gut weg. Krleža erinnerte sich an einen „rigorosen Verteidiger der Parteidisziplin, der kategorisch alles vertrat, was die KPdSU in Moskau vorgab (…). Er konnte prätentiös, überheblich und selbstgerecht wirken, wenn er sich als Prophet in der Wüste, als Weltmann in der Provinz gab.“ Manch ein Genosse, heißt es bei Calic, sei befremdet gewesen über die herablassende Attitüde des Flüchtlings. Den jugoslawischen Geheimdienst störte dagegen nur Sperbers politische Orientierung, wie es in einem Spitzelbericht von 1934 heißt: „Sperber, Jude, Flüchtling. (…) Mann mit zweifelhafter Vergangenheit, gibt sich als Professor der Individualpsychologie aus.“ Dass Sperber Kontakte zu Kommunisten unterhielt, machte ihn verdächtig: „Es wird angeraten, den Genannten unter rigorose Bewachung zu stellen, seine Kontakte und Korrespondenz zu kontrollieren sowie über die Ergebnisse einen Bericht zu erstatten.“
Sperber gelang die Flucht aus Jugoslawien, bevor Hitler 1941 auch dieses Land zerschlug. Für Tausende andere wurde der Balkan zur tödlichen Falle. Der in Budapest geborene Deutsche Paul Wendel, unter seinem Künstlernamen Paul O’Montis einer der bekanntesten Chansonniers der Weimarer Zeit, hatte nach seiner Flucht aus Österreich eine Weile auch in Zagreb Erfolg mit Schlagern wie „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche“. Doch der jugoslawischen Polizei entging seine Homosexualität nicht. Sein Verhalten deute „auf etwas Entartetes“ hin, hieß es in einem Bericht. Jugoslawiens Innenministerium erklärte den Künstler für unerwünscht. Er wurde 1940 in Sachsenhausen ermordet.
Jüdische NS-Flüchtlinge konnten nach Jugoslawien oder Albanien
Calic schildert viele solcher Schicksale. Eine Gruppe von mehreren Hundert Juden, die mit einem Dampfer von Jugoslawien aus donauabwärts an die rumänische Schwarzmeerküste und von dort nach Palästina reisen wollten, erreichte ihr Ziel nie. Teils witterungsbedingt, vor allem aber aus politischen Gründen verzögerte sich die Abreise, bis es zu spät war. Nur wenige Flüchtlinge lebten sich so gut ein wie der aus Petersburg gebürtige Byzantinist Georg Ostrogorsky. Er lernte rasch Serbisch und erlangte als Professor der Universität Belgrad Weltgeltung in seinem Fach. Auch durch Protektion seines Freundes, des Historikers Percy Ernst Schramm, überstand Ostrogorsky die deutsche Besatzungszeit. Als er 1976 in Belgrad starb, war er längst jugoslawischer Staatsbürger.
Jüdische Flüchtlinge konnten, sofern sie nicht kommunistisch gesinnt oder homosexuell waren, bis zur deutschen Invasion im April 1941 in Jugoslawien und auch in Albanien weitgehend unbehelligt leben. Antisemitismus war in Albanien und in den meisten Teilen Jugoslawiens (anders als in Rumänien) kein Massenphänomen, auch wenn die jugoslawische Regierung im Oktober 1940, ein halbes Jahr vor dem deutschen Einmarsch, zwei antijüdische Gesetze verabschiedet hatte: Juden wurde der Großhandel mit Lebensmitteln untersagt, zudem wurde der Zugang zu Universitäten und Gymnasien eingeschränkt oder verboten. Noch weitergehende Diskriminierungen wie in Deutschland gab es aber nicht.
Störend ist an diesem Buch allenfalls eine Angewohnheit der Autorin, die sich schon in einer ihrer vorigen Arbeiten zeigte, einer vielhundertseitigen Tito-Biographie: Calic neigt mitunter dazu, Tagebucheinträge, Briefe, Memoirenliteratur und andere Quellen ohne weitere Kontextualisierungen als Tatsachen im Indikativ wiederzugeben. „Prinz Paul fühlte sich müde und ausgebrannt, als er am Abend des 26. März 1941 bei frühlingshaften Temperaturen die Eisenbahn bestieg“ oder „Nur raus aus der Stadt, dachte auch Tilla“ sind Sätze, die in ihrer auktorialen Allwissenheit in Romanen statthaft wären, aber nicht oder zumindest nicht in unkommentierter Form in Sachbüchern.
Auch Tagebuchnotizen oder Briefstellen, so plausibel sie sind oder klingen mögen, sollten stets quellenkritisch kontextualisiert werden, zumal das ohne Schaden für den Lesefluss leistbar ist, wie Calic selbst in anderen Passagen ihres Buches zeigt. Von solchen Stellen abgesehen, hat die Historikerin aber nicht nur ein aufwendig recherchiertes, sondern auch ein gut erzähltes, stellenweise bewegendes Buch vorgelegt. Sie verzichtet wohlweislich darauf, Bezüge zur Gegenwart allzu deutlich zu betonen. Sie ergeben sich von selbst.
Marie-Janine Calic: „Balkan-Odyssee 1933–1941“. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. Verlag C.H. Beck, München 2025. 383 S., Abb., geb., 28,– €.
