Bei der letztjährigen Diagonale wurde die am 9. November 2024 nach schwerer Krankheit mitten in einer Produktion verstorbene Filmemacherin Katharina Copony durch eine bewegende Hommage gewürdigt. Jetzt kam beim Festival des österreichischen Films in Graz postum der nach ihrem Rohschnitt durchs Team fertiggestellte Dokumentarfilm „Mit Ästen bis zum Himmel“ zur Uraufführung.
In einer Wiener Bildungsstätte für blinde und sehbehinderte Kinder gedreht, widmet er sich der Bedeutung der Wahrnehmung von Tönen für unseren Umgang mit der Welt. Dabei taucht der Film tief ein in wildes Spiel und sacht gelenkte Lernsituationen, wo neben gedichteten „Elfchen“ die Klicksonar genannte Methode zur Mobilitäts-Aktivierung eine große Rolle spielt, die durch Zungenschnalzen einen Echoraum im eigenen Gehirn und Orientierung schafft.
Auch bei den Programmen des in Graz traditionell stark vertretenen innovativen Films spielte das Spiel mit Tönen eine starke Rolle. Etwa im Porträt der Wiener Experimental-Künstlerin Billy Roisz, die sich selbst als „Dompteur des Maschinenzoos“ bezeichnete.
In ihren kurzen Filmen verwandelt sie Störgeräusche oder punkige Panik-Kompositionen ihres Komplizen Dieter Kovačič durch die Bearbeitung am Mischpult oder Videomixer in flirrend-flackernde visuelle Pixel-Gewebe.
Verdient ging der Spielfilmpreis an Angelika Summereders Herman-Melville-Adaption B wie Bartleby
Ein zweites Porträt ist traditionell als einziger Programm-Slot des Festivals einer nicht-österreichischen Filmpersönlichkeit gewidmet. Dieses Jahr wurden Arbeiten des isländischen Regisseurs und Künstlers Hlynur Pálmason präsentiert. Dessen minimalistische Handschrift ragt mit versponnenem surrealem Humor und widerständiger Machart aus der Arthaus-Monokultur heraus.
Pálmason arbeitet an und mit Orten und Menschen aus dem eigenen Umfeld, jedoch ohne autofiktionalen Bezug. In „The Love that Remains“ (2025) lässt er die eigenen Kinder eine Trennungsfamilie um eine Land-Art-Künstlerin spielen. Zwischen der nächtlichen Rache eines getöteten Hahns und einem Ausflug zum Beerensammeln muss ein etwas zu dämlicher angereister Galerist zur Strafe mit dem Kleinflugzeug ins Meer stürzen.
33 Jahre gibt es das seit 2024 von Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar geleitete Filmfestival. Seit 1998 ist es in Graz beheimatet. Neben kundig kuratierten thematischen und personellen Programmen bietet es in einer ganzen Reihe an Wettbewerben eine breite Leistungsschau österreichischen Filmschaffens.
Der große Preis für den besten Dokumentarfilm für Tolga Karaaslans liebevoll präzises Vaterporträt „Baba, What’s Your Plan?“ gibt hoffentlich auch einer Generation türkischer Arbeitsmigranten mehr Sichtbarkeit. Ebenso verdient ging der Spielfilmpreis an Angelika Summereders wunderbar freie Herman-Melville-Adaption „B wie Bartleby“.
Rückblick auf die 1990er
Eröffnungsfilm war das schon bei der Berlinale vielfach gewürdigte historische Drama „Rose“ von Markus Schleinzer. In Graz wurde es durch drei unter dem Titel „Girls Will Be Boys“ versammelte komödiantische Hosenrollen-Filme der 1930er Jahre kontrapunktiert.
Der Antrieb für den Gender-Betrug ist in „Der Page vom Damasse-Hotel“ (Regie: Victor Janson) ähnlich existenziell wie in „Rose“: Die junge Friedel liegt mangels Arbeit mit der Miete krass im Rückstand und schnappt sich die Chance, in einem ausgeborgten Herrenanzug eine Stelle als Hotelpage zu ergattern.
In einem filmhistorischen Special hat sich die Diagonale auch den 1990er Jahren gewidmet, nur mit anderer Gewichtung: Unter dem Titel „Neue Unsicherheiten“ versammelt das Programm vor allem dokumentarische Arbeiten, die sich mit den Krisen jener Zeit auseinandersetzen: dem Krieg in Ex-Jugoslawien und den resultierenden Flüchtlingsbewegungen, dem Niedergang der traditionellen Industrie und aufsteigenden rechtsextremen Bewegungen.
Der Dokumentarfilm „Vorwärts“ von Susanne Freund begleitet die Nationalratswahlen 1994 aus Perspektive einer SPÖ-Ortsgruppe der Wiener Leopoldstadt und findet eine Partei, die sich in Traditionshuberei und bürokratischer Erstarrung mit den rassistischen Kampagnen der damals aufsteigenden FPÖ konfrontiert sieht.
30 Jahre später dokumentiert Harald Friedls „Wahlkampf“ wieder eine Kampagne der SPÖ, diesmal auf nationalem Niveau und fast als Gegenentwurf: Der Kampf des überraschend in die Parteispitze gewählten SPÖ-Linken Andreas Babler wurde vor allem von jungen Engagierten getragen, die sich selbst als eine Art Graswurzelbewegung verstehen.
Zahlenmäßig war das ein Misserfolg, auch wenn Babler jetzt Vizekanzler ist. Friedls Film zeigt deutlich auch das Beharrungsvermögen des Partei-Establishments. Bei der Premiere in Graz machten viele der jungen AktivistInnen im Publikum mit Wortmeldungen deutlich, dass für sie dieser Kampf weitergeht.
