Hinab geht es in die Mine, wo nach Kohle gegraben wird, hinab in die Schwärze. Und in der Schwärze die beiden Männer, Viet und Nam, die Oberkörper nackt, einander küssend und liebkosend, fast mit der Schwärze verschmolzen, aus der heraus es funkelt wie Sterne am Himmel. Das ist ein wiederkehrendes Bild in Trương Minh Quýs Film, der international den Titel „Viet und Nam“ trägt, aber im Original heißt er, übersetzt, „Herz der Erde“. Das Herz und die Erde, Vietnam, die Gegenwart des Jahres 2001, die von der Vergangenheit, vom Trauma des Kriegs nicht loskommt, davon erzählt dieser Film.
Er erzählt in aller Ruhe und mehr zeigend als sprechend. Am allerwenigsten geht es ihm um Erklärung. Da sind Figuren, die nicht sehr viel reden, sie sind in Szenen gesetzt, bei denen nicht immer klar ist, wo die Grenze zwischen dem Realen verläuft und einer anderen Ebene, die ihrerseits zwischen dem Traum und dem Gespenstischen schwebt.
Viet und Nam sind ein Liebespaar. Der eine hat noch vor der Geburt seinen Vater verloren, der aus dem Krieg nicht zurückkam. Er lebt bei seiner Mutter, die sich an diesen Mann kaum erinnert. Und da ist noch ein anderer, älterer, einarmiger Mann, der selbst gekämpft hat und später erzählen wird, was mit dem Vater geschah.
„Viet und Nam“ (Vietnam/Philippinen/Schweiz 2024, Regie: Trương Minh Quý). Die DVD ist ab rund 17 Euro im Handel erhältlich.
Man sieht: die beiden Männer, die Mutter, den älteren Mann im Wald, auf der Suche. Sie suchen den Vater oder sie suchen sein Grab. Sie suchen einen Baum, an den sich der ältere Mann erinnert. So reime ich mir diese Suche zumindest zusammen, ein wenig ist man in diesem auf 16mm gedrehten, grobkörnigen Film gefangen wie in einem eigenen Traum, der auch nicht erklärt, wohin er einen entführt. Dazwischen: Totalen vom Wald, von anderer Landschaft, Naturschönheit, dazu hört man Rauschen und Zwitschern, wie man hier immerzu etwas hört, den Regen oder das Atmen oder das Gackern der Hühner.
Vom Ufer eines Flusses zum anderen
„Viet und Nam“ ist Slow Cinema, das Poetisches mit Politischem auf eher rätselhafte Weise verbindet. Niemand, der sie kennt, wird umhinkommen, an die Filme des großen thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul zu denken. Vielleicht ist es nicht ungerecht, Trương Minh Quý einen Epigonen zu nennen. Er ist aber, wenn er einer ist, als Epigone ausgesprochen begabt. Auf Bilder wie etwa die aus dem Museum muss man erst einmal kommen: das Gerippe eines riesigen Tiers in millimetergenauer Heranfahrt; lebende Menschen, die sich vor massenhaften Totenköpfen und Gebeinen verlieren.
Oder diese Szene: Der eine Mann holt mit einer Pinzette etwas (ein Tier?) aus dem Ohr des anderen, aber die beiden sind in einer Werkstatt genau so platziert, dass der Funkenregen des Schleifgeräts scheinbar aus dem Ohr sprüht. Der eine der Männer plant, das Land, das ihm keine Zukunft bietet, zu verlassen. Man sieht Viet und Nam an einer Grenze, sei es die zu Laos oder die zu Kambodscha. Aber so geht das nicht, stattdessen mithilfe eines Schleusers in einem Container über die See. Schon zuvor immer wieder ein traumhaftes Bild: Männer, die, wie Larven in Tüten gehüllt, vom Ufer eines Flusses zum anderen gleiten.
Aber auch hier ist der Hintergrund nur zu real: Die Flucht im Container erinnert an die 39 toten Vietnamesen, die man vor wenigen Jahren in einem Kühllaster bei London fand. Die Traumata, die Trương Minh Quý in seinen Film webt, sind, bei aller Geduld, die er dabei beweist, nur zu akut. Das Gewebe wird dichter und dichter. Und verdichtet sich sehr konsequent in einem schrecklichen Schlussbild. „Viet und Nam“ wurde vor zwei Jahren nach Cannes eingeladen. In Vietnam selbst aber durfte und darf er nicht laufen, da ihm die Zensur vorwirft, er verbreite „eine düstere, festgefahrene und negative Sicht“ auf das Land.
