Die FIFA, der internationale Fußballverband, ist Machthabern noch nie aus dem Weg gegangen, die mit ihrer Weltmeisterschaft eine große Ladung Prestige einfahren wollten. Im Italien eines Benito Mussolini, der 1934 dafür sorgte, dass nur Spieler seines Landes berufen wurden, die Mitglied der Partito Nazionale Fascista waren. 1978 in Argentinien, wo eine Militärjunta Menschen folterte und ermordete. Zuletzt 2018 in Russland und 2022 in Qatar, die einen Weg fanden, sich das Turnier zu kaufen.
Mit einem Staatsoberhaupt wie Donald Trump hatte man allerdings selbst in der FIFA noch keine Erfahrung. Der amerikanische Präsident, der bereits in seinen eigenen vier Wänden, in New York und Palm Beach, einen Einrichtungsstil mit neureichem Prunk pflegte, begrüßte am 22. August zum wiederholten Mal FIFA-Präsident Gianni Infantino im Weißen Haus und setzte seine Selbstdarstellungsmanie fort.
„Trump hatte in allem recht!“
Eine „surreale Szene“, schrieb die „New York Times“. Eingerahmt von Zierrat aus Gold, mit dem der 79 Jahre alte Immobilieninvestor und ehemalige Reality-TV-Star seit Januar die Wände der Schaltzentrale, genannt Oval Office, aufpimpen ließ. Mit einer roten Baseballkappe auf dem Kopf.
Aufschrift: „Trump hatte in allem recht!“ Anpassungsfähig und geschmeidig, wie Infantino im Umgang mit „speziellen Freunden“, „Siegern“ und „exzellenten Typen“ ist, gab ihm dies den idealen Rahmen, um den Hausherrn zu hofieren. Er lud ihn zur Auslosung der WM im Dezember ein, schenkte ihm die erste Eintrittskarte für das Finale am 19. Juli 2026 und ließ ihn den aus dem Züricher FIFA-Museum mitgebrachten WM-Pokal stemmen, sechs Kilogramm schwer, aus 18 Karat Gold.

Dann kramte Trump ein Foto heraus, das ihn und Wladimir Putin beim Treffen in Alaska zeigt. Er behauptete, dass der russische Potentat „sehr gerne“ bei der WM dabei wäre („Vielleicht kommt er und vielleicht auch nicht“). Kein Wort von Infantino, dass Russland seit dem Überfall auf die Ukraine 2022 von der FIFA suspendiert ist und deshalb auch nicht an der WM in Qatar teilnehmen konnte.
„Auf Tuchfühlung mit Trump“
So viel Servilität ging der auflagenstarken Zeitung „USA Today“ deutlich gegen den Strich. Sie kritisierte den Sportfunktionär in einem Kommentar scharf: „Es ist eine Sache, dass Gianni Infantino sich selbst erniedrigt und Autokraten und Menschenrechtsverletzern schmeichelt. Seine Speichelleckerei beschmutzt jedoch auch die Weltmeisterschaft. Als hätte der FIFA-Präsident die legendäre Goldtrophäe, die einst Pelé, Maradona und Messi in den Händen hielten, in Teer getaucht.“
Die Strategie ist offensichtlich. Sonst würde sich die FIFA, die während der Präsidentschaft von Barack Obama die Wucht und den langen Arm der amerikanischen Justiz zu spüren bekommen hatte, nicht „zerreißen, um sich Trump gegenüber gefällig zu zeigen“, wie die „New York Times“ angenervt schrieb. Im Sommer hatte der Fußballverband ihr New Yorker Büro im Trump Tower angemietet. „Kanada und Mexiko sind ebenfalls Gastgeber und werden dreizehn der 104 WM-Spiele austragen. Aber man sieht Infantino sehr viel häufiger auf Tuchfühlung mit Trump.“

Diese Dynamik ist bekannt. Fernsehbilder von Kabinettssitzungen zeigen regelmäßig, wie Trumps Minister im Stil nordkoreanischer Apparatschiks jede Selbstachtung ablegen, um ihm zu schmeicheln. Auch Regierungschefs, wie jene aus Europa, die Wolodymyr Selenskyj vor Kurzem nach Washington begleiteten, vermeiden es, Trump in seiner grenzenlosen Eitelkeit und Selbstüberschätzung in seine Schranken zu weisen.
Der Sport bringe bei Trump zwei Seiten zum Vorschein, sagt der Medienwissenschaftler Michael Socolow, Professor an der University of Maine, der sich in seinem Buch „Six Minutes in Berlin – Broadcast Spectacle and Rowing Gold at the Nazi Olympics“ intensiv mit den Olympischen Spielen von 1936 beschäftigt hat. Wenn es um amerikanischen Sport geht, gehe Trump mit Vorliebe auf Konfrontation und zeige unverhohlenes Dominanzverhalten.
„Traumpaar, wie füreinander geschaffen“
„Colin Kaepernick war das klassische Beispiel. Er attackiert auch regelmäßig die NFL, um seine Wählerbasis in Rage zu bringen. Das hebt sich deutlich davon ab, wie er mit dem internationalen Sport umgeht.“ Dieser liefere Trump die perfekte Gelegenheit, seinen Sozialdarwinismus ins Spiel zu bringen, dass „Amerika besser ist als ,shithole countries‘ (,Drecksloch-Länder‘). Kombiniert mit Patriotismus und Nationalismus, so wie jeder Diktator das tun würde.“
Für Socolow sind Trump und die FIFA ein „Traumpaar, wie füreinander geschaffen“: „Wenn man bedenkt, wie Korruption funktioniert, wie das mit Bestechungsgeldern läuft, mit Fernsehverträgen, und wie die FIFA vorgehen wird, dann gibt es einige Dinge, die sich schon jetzt vorhersehen lassen. Sowohl bei der Weltmeisterschaft als auch bei den Olympischen Spielen. Zum Beispiel dass bestimmte Teams oder Teammitglieder bei der Visumserteilung aufgehalten werden.“

Öffentlich werden solche Themen von Infantino nicht angerissen, obwohl sich Trump selbst zum Chef einer Taskforce ernannt hatte, die von Regierungsseite aus dem Organisationskomitee behilflich sein soll. Im Juli schrieben Bürgerrechtsorganisationen, unter ihnen Human Rights Watch, dem FIFA-Präsidenten, warnten vor den Verhältnissen in den USA: eine „ernsthafte Gefahr“, „klare Belege für eine deutliche Verschlechterung des Rechtsklimas in den Vereinigten Staaten“. Dazu kein Wort von Infantino im Oval Office.
Kritische Beobachter wie Victor Matheson, Professor an der Universität Holy Cross in Worcester, Massachusetts und Experte in Sachen Sportbusiness, sieht „erhebliche Probleme bei der Einreise von Fans und Spielern“, wie er der kanadischen Zeitung „National Post“ sagte. Trump hat bislang offiziell Staatsangehörige aus zwölf Ländern ausgesperrt, darunter Iran, dessen Mannschaft bereits für das Turnier qualifiziert ist.
Ein Sammelsurium an Episoden
Erwogen wird ein Einreise-Stopp für Menschen aus 36 weiteren Ländern. Matheson wäre sehr besorgt, als Ausländer in die USA zu reisen. „Es ist eine Sache, nicht hineingelassen zu werden. Etwas ganz anderes, im Gefängnis zu landen und deportiert zu werden. Womöglich in ein Gefängnis in El Salvador.“
Als Präsident reist er zu bedeutenden Veranstaltungen und propagiert seine Kulturkampf-Ideologie über die sozialen Medien. Mit wachsendem Erfolg. Trumps Golf-Resort in Miami, dem die PGA Tour nach seinen Attacken auf Menschen aus Mittelamerika 2016 den Rücken gekehrt hatte, steht 2026 wieder im Turnierkalender. Als sei nie etwas gewesen.
Auffällig ist auch das Schweigen schwarzer Profisportler, die sich 2020 infolge der Black-Lives-Matter-Protestaktionen gegen Polizeiwillkür lautstark in den Wahlkampf eingeschaltet hatten. Sie waren schon im Wahlkampf auffallend leise. Und das sind sie selbst jetzt, obwohl Trump alles daransetzt, der Institutionalisierung von schwarzer Kunst und Kultur jede staatliche Unterstützung zu entziehen und sie zu delegitimieren, in dem er sie als „woke“ und antiweiß brandmarkt.
„Wie gefährlich ist Donald Trump?“
Und noch etwas fehlt im öffentlichen Diskurs, in dem der Sport Trump eine Plattform für eine Inszenierung seiner selbst und ein Menschenbild aus dem „Brot und Spiele“-Zeitalter des alten Roms bietet: die Antwort auf die Frage nach dem Motiv. Aus Trumps wirrem Gerede bei Reden, Pressekonferenzen und Interviews lässt es sich kaum herausdestillieren.
Sehr viel interessanter sind die Gedanken, die sich die amerikanische Psychotherapeutin Dr. Bandy X. Lee seit Jahren über die Erklärungszusammenhänge macht. 2017 hatte sie mit Kollegen den auch auf Deutsch erschienenen Band „Wie gefährlich ist Donald Trump? 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie“ herausgegeben.
Lee ist keine Sportanhängerin. Aber sie versteht, wie es zu Auftritten wie dem im Weißen Haus kommt: „Sein Bedürfnis nach Bestätigung ist so überwältigend, dass er jede Möglichkeit nutzt, um jeden Bereich zu dominieren. Ich betrachte das als einen fast pathologischen Drang. Er hungert viel stärker als der Durchschnittsmensch danach.“
Obwohl Trump im Fußball weder die Regeln noch die Fundamente der Sportkultur kennt, nutzt er Ereignisse instinktiv. Wie es „Adolf Hitler und Benito Mussolini aus anderen Gründen“ taten, sagt Lee. „So wie er die Nation für sich vereinnahmt hat, um sich selbst und sein Ego zu stärken, wie er es mit den Evangelikalen in den USA getan hat, die in ihm jemanden sehen, den Gott auserwählt hat.“
„Ich habe schwere Fälle erlebt“
Es wäre vermutlich alles nicht so dramatisch, wenn Trump nicht von 70 Millionen Amerikanern in das mächtigste Amt der Welt gewählt worden wäre. Lee hat bei ihrer langjährigen Arbeit mit gewalttätigen Gefängnisinsassen erlebt, welche Mechanismen an Menschen mit einer psychopathischen Persönlichkeitsstörung so gefährlich sind: Deren Symptome „übertragen sich auf ihre Anhänger“, sobald sie die soziale Hierarchie dominieren. „Ich habe schwere Fälle erlebt“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.S., „in denen solche Menschen bizarre Trugbilder übernommen haben. Und genau das können wir nun auf nationaler Ebene beobachten.“
Trump verfolge die Ziele eines klassischen Autokraten. „Er wird versuchen, alle Institutionen und Traditionen für sich zu vereinnahmen“, glaubt Bandy Lee. Sollten etwa, im Kontrast zu Infantino, Staats- und Regierungschefs in Europa den Sportsgeist und die Ideale des Sports bekräftigen und Einspruch erheben, „wird das natürlich zunächst seinen Zorn auf sie ziehen, aber nur so lässt sich die Gefahr verringern, und er wird in Schach gehalten. Widerstand gegen ihn ist das stärkste Mittel, um eine Psychopathologie zu bekämpfen und uns alle zu schützen.“

