Festival Modaperf in Kamerun: Raum für soziale Bewegung

Jaundé, 32 Grad. Ab und zu stürzt ein Regenschauer herab. „Ich danke dem souveränen Volk, das mich gewählt hat“, steht auf großen Plakaten in der Hauptstadt von Kamerun. Väterlich blickt der dienstälteste Diktator der Welt, Paul Biya, 92 Jahre alt, auf Verkäuferinnen herab, die köstlich geröstete Erdnüsse in alten Whiskyflaschen verkaufen. Auf Mobilfunkhändler, Kioskbesitzer zwischen Sonnenschirmen, stinkende gelbe Taxis, duftende Hibiskusblüten an der Straße – wenige Wochen nach seiner vermutlich manipulierten Wahl.

In Kamerun hat der mutmaßliche Wahlbetrug Unruhen ausgelöst, im Südwesten gab es Demos, Tränengas, Verhaftungen, Tote. Dort, an der Grenze von frankophonem und anglophonem Kamerun, herrscht seit Jahrzehnten ein Bürgerkrieg, der schon rund 14.000 Tote gefordert hat und von der Welt weitgehend ignoriert wird.

So aufgeheizt war die Lage, dass der Tänzer, Choreograf und Performer Zora Snake aus Sicherheitsgründen sein Festival Modaperf nach Jaundé, ins Innere des Landes, verlegt hat – obwohl es sonst, seit 2019 alle zwei Jahre, nach Dschang und Douala, in entlegene Dörfer und koloniale Orte an der Küste reist. In Jaundé dagegen, wo auf einem der sieben Hügel um die Hauptstadt auch der monströse, ufo-artige Präsidentenpalast in einer golfartigen Anlage liegt, ist die Diktatorenwelt noch unter Kontrolle.

Ich möchte mit Kunst Zukunft kreieren und lokale Entwicklung anstoßen, die Gesellschaft heilen – und mit ihrer Geschichte versöhnen, uns mit Traditionen verbinden, die durch Kolonialismus zerstört worden sind.
Zora Snake, Festivalorganisator

Es herrscht Repression und Angst

„So lange Jaundé atmet, lebt Kamerun“, hat Paul Biya als Parole ausgegeben. Hart wird hier kontrolliert: Alle paar hundert Meter gibt es Straßenbarrieren, müssen Führerscheine, Visa und Pässe gezeigt werden, und auch auf dem Festival erscheinen Regierungsbeamte in Zivil. Über die wirkliche Lage im Land, Repressionen und Bedrohung, die willkürliche Inhaftierung etwa des Oppositionellen Anicet Ekane, sprechen die anwesenden Künstler nur, wenn man ihnen verspricht, keine Namen zu nennen.

Eine Art kollektiver politischer Resignation habe die junge Generation ergriffen; Arbeitslosigkeit, Korruption, Armut und eine zunehmende Drogenproblematik grassieren in Kamerun mit seinem großen Potenzial, erzählt auch die Direktorin des Goethe-Instituts in Jaunde, Thekla Worch-Ambara. Sie glaubt, dass die jungen Menschen im Land – im Durchschnitt 18 Jahre alt – eher auf den Tod des Diktators hofften, als einen realen Umsturz zu planen. Was nicht heißt, dass es danach besser würde – auch Biyas 36 Jahre jüngere Ehefrau Chantal stehe in den Startlöchern.

Festival für „Tanz, Bewegung und Performance“

Dennoch. Schon zum siebten Mal hat der international gefragte Kameruner Performer und Tänzer Zora Snake hier Modaperf organisiert, ein Festival für „Tanz, Bewegung und Performance“, mit einer eingeschworenen Freundesgruppe, aus „spirituellen und politischen Gründen“, wie er sagt: „Bewegung kann auch soziale Bewegung bedeuten. Ich möchte mit Kunst Zukunft kreieren und lokale Entwicklung anstoßen, die Gesellschaft heilen – und mit ihrer Geschichte versöhnen, uns mit Traditionen verbinden, die durch Kolonialismus zerstört worden sind.“

Deshalb finden die Performances auch meist im öffentlichen Raum statt, Kulturorte gibt es in Jaundé ohnehin kaum: auf Märkten, an heiligen Stätten oder Dorfhöfen. Oder auf belebten Straßen: Mitten in den Verkehrsfluss läuft auf einmal die Kompanie Musée de l’art – Kunstmuseum – aus der Republik Kongo mit ihren Tamtams. Sie stellen sich vor Autos, werfen die Trommeln in die Luft, lassen sie kreiseln. Akrobatik mischt sich mit Konzert-Vibes.

Mitten in den Verkehrsfluss läuft auf einmal die Kompanie Musée de l’art aus der Republik Kongo mit ihren Trommeln



Foto:
Ariel Lasry

Viele Passanten beginnen zu tanzen, laufen mit den Performern die Nebenstraße herunter, bis zum Kulturort Afrotopos mit seinem lauschigen Innenhof unter einem riesigen Mangobaum. Einst war hier das Privathaus des Priesters Pie-Claude Ngumu, der aus der katholischen Kirche austrat, um Musikethnologe zu werden. Nach seinem Tod hat er es der Kulturszene vermacht. Täglich findet sich hier nun eine bunte Mischung aus Künstlern, Anwohnern und Festivalbesuchern ein.

Rund 300 Ethnien leben hier

„Cultiver l’union“ heißt das Motto in diesem Jahr, „die Einheit kultivieren“. Nicht einfach in einem Land mit rund 300 Ethnien. Zora Snake hat große Visionen – und wird doch kaum gefördert, auch nicht vom Goethe-Institut. Dennoch werden an den fünf Tagen Arbeiten aus Kamerun, Kongo-Brazzaville, Burkina Faso gezeigt, nur die Künstler von der Elfenbeinküste haben kein Visum bekommen – das mit 160 Euro (für Europäer) ohnehin ziemlich teuer ist.

Zwei französische Gastkünstlerinnen – Karelle Prugnaud und Louise Soulié – geben Workshops für den Tanznachwuchs. Einer der Höhepunkte ist ein großer Tanzbattle in Krumping und Popping, zu dem Tänzer aus dem ganzen Land anreisen. Auch Zora Snake hat seine Kunst auf der Straße gelernt. Ohnehin ist er ein Phänomen, eine Künstlerfigur, die spirituelle Traditionen und künstlerische Grenzüberschreitung vereint, sich bei seinen Performances auch mal selbst verbrennt, Geld ins Publikum wirft.

Feierlich lässt er sich zu Festivalbeginn neben der Bühne rasieren, sitzt manchmal koboldhaft im Mangobaum und hält von dort brillante Reden über die soziale Funktion der Kunst. Bei seiner Uraufführung „Combat des lianes“ im Nationaltheater Brüssel erschien er nach der Vorstellung als Baum verkleidet.

Einen der magischsten Momente des Festivals lässt sich in der Chefferie Shell Nsimeyong erleben, einer spirituellen Dorfeinheit mitten in der Stadt, die als eigene Ordnungseinheit gilt. Mitten im staubigen Yaoundé gruppieren sich kleine Häuser um einen wunderschönen Hof.

Kunst erleuchtet Orte

Der Chef sitzt im Publikum, es gibt Bier, gegrillte Bananen und Fleischspieße, rund 30 Kinder tollen herum. In stiller Konzentration tanzen acht Performer in jeder Ecke, klettern auf Dächer, schwingen an Fensterläden oder Wäscheleinen, tragen gemalte Bilder triumphierend umher: Kunst erleuchtet auch Orte, an die sie sonst nie kommt.

Krass wird es, als die französische Künstlerin Karelle Prugnaud als maskierte Braut auf einem Taxi einfährt, Rosenblätter wirft und Likes einfordert, den Frauenhass im Netz anprangert und sich anschließend fast nackt auszieht – um am Ende die Chefferie-Kinder auffordert, Handyattrappen zu zerstören. Doch der Chef lässt die fremde Westkunst im Dorf gewähren und segnet zum Schluss alle Gäste einzeln.

Spannend und extrem sind auch die Künstlergespräche, die jeden Vormittag im Afrotopos stattfinden: tiefe Einblicke in kamerunische Konflikte, meisterhaft moderiert vom Wissenschaftler, Performer und Modaperf-Mitgründer Toutou Ditchou, eine Mischung aus hitziger Kunstkritik, Innenschau, Wut und Versöhnung.

Polygamie ist Thema und auch Alltag

Krasse Themen werden angeschnitten: Wie es ist, in einer polygamen Familie aufzuwachsen – wo eine permanente Konkurrenzsituation Nebenfrauen und Kinderschar untereinander zu Feinden im Alltag macht. Zugleich ist sie ein schutzgebendes soziales Konstrukt: Vier der rund zwölf anwesenden Männer kennen die Situation oder leben sie mit eigenen Frauen.

Viel wird aber auch über die Lage der Frau und Feminismus diskutiert – der hier als Schimpfwort und „westliches“ Konzept gilt. Dennoch erzählen viele der jungen Tänzerinnen tapfer, wie sie mit ihren Familien kämpfen, ihren Beruf verachtet sehen, sich selbst als „Diamant“ im Inneren des Hauses wegsortiert fühlen, weil dies eben spirituelle „Tradition“ sei – ein Argument, das man auch wunderbar als dekolonialen „Widerstand“ gegen den Westen verdrehen kann.

Eine klare Auflehnung dagegen performt etwa die Künstlerin Reine Eben, 29 Jahre alt. Für ihre Arbeit „L’attache“ (ein Wortspiel aus „Fessel“ und „Pflicht“) hat sie sich in rot-weißes Absperrband gehüllt. Vor einem Holzrahmen wickelt sie sich aus, wirft sich auf den Boden, beklagt den Männerblick auf ihren Körper, den Druck auf eine Frau, der noch stärker wird, wenn sie zur Mutter wird – „Als ich mein neugeborenes Kind verloren habe, hat man mir vorgeworfen, ich hätte zu viel getanzt“, sagt sie, „Nun möchte ich mit Kunst dafür eintreten, dass Frauen sein können, wie sie wollen.“

Kolonialismus und Rassismus

Natürlich ist auch Kolonialismus ein Thema. Das Stück „Djabama Land“ kommt von der Kompanie Avant-Scène und wurde mit Geldern aus Berlin gefördert. In historischen Kostümen zeigt ein Ausschnitt, wie deutsche Kolonialisten Kunstgegenstände raubten, rassistisch agierten in den 32 Jahren ihrer Herrschaft in Kamerun – die indes nicht ganz so genozidal verlief wie etwa in Namibia. Von vielen Kamerunern wird sie auch durchaus positiv gesehen.

„Wenn die Deutschen statt der Franzosen geblieben wären, würde es uns heute besser gehen“, sagt etwa ein Festivalbesucher. Warum müsse man immer die eigene Viktimisierung betreiben, kritisiert dazu ein anderer Zuschauer. Der Kolonialismus sei doch gefühlt seit zehn Generationen vorbei. „Wir sollten uns auf unsere Traditionen besinnen, sie vorsichtig modernisieren – aber uns nicht immerzu beklagen.“

Repressive Endstation für manche

Und dann spürt man am letzten Festivaltag selbst in Jaundé, wie ein großer Schock, Trauer und Depression die Kameruner Künstler durchfährt. Der kurz nach den Wahlen inhaftierte Oppositionspolitiker Anicet Ekane, 74 Jahre alt, ist unerwartet im Gefängnis verstorben. Man hatte ihm bei der Verhaftung sein Sauerstoffgerät nicht zur Verfügung gestellt. Die Zeitungen drucken sein Porträt, in Taxen wird leise darüber geflüstert. Entsetzen und Elend, Resignation und Trauer mischen sich.

So lebendig, gemeinschaftsstiftend, fröhlich das Festival Modaperf auch war – das Land mit dem großen Potenzial ist für manche doch eine repressive Endstation.