Feministischer Schauspielunterricht: Eine bessere Welt spielen

Hinter einer Polizeiabsperrung läuft die forensische Spurensuche, als plötzlich der ohrenbetäubend laute Beat von Massiv Attacks Track „Angel“ ertönt. Tanzend und gestikulierend stellen 23 schwarz gekleidete Frauen die biblische Konfrontation zwischen der Schlange und Eva dar. Die Szene ist der Auftakt einer Aufführung von Alice Birchs Theaterstück „[BLANK]“ an der Südlondoner Brit School, einer der bekanntesten und staatlich getragenen britischen Bühnenkunstschulen für Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren.

Theaterleiterin Sarah Goodall war die Aufführung des inzwischen auch international erfolgreichen Stücks schon lange ein Anliegen. „[BLANK]“ verhandelt in 100 frei kombinierbaren Szenen, wie Frauen in Berührung mit dem Justizsystem kommen. Die Brit-School-Darstellerinnen der 13. Jahrgangsstufe zeigen etwa, wie eine drogenabhängige Frau beim Einbruch in die Wohnung ihrer Mutter ertappt wird – oder wie eine andere Frau den Mord an ihren Kindern gegenüber einer Psychologin damit rechtfertigt, dass die Opfer „ja ohnehin kein gutes Leben gehabt haben“.

Es geht um Armut, Schwangerschaften, Gewalt, Sucht, Missbrauch, gesellschaftliche Gleichgültigkeit, Suizid.

Ein weibliches Enselmble

Besonders ist die Besetzung, erläutert Goodall: Weil die gegenwärtige Abschlussklasse endlich genug weibliche Schülerinnen hatte, konnte sie eine von drei Gruppen in ein Ensemble aus ausschließlich jungen Frauen verwandeln. Goodall hat bereit mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung mit frauenexklusiven Theatergruppen. Neben der Wahl feministischer Stoffe geht es ihr auch in der konkreten Arbeit darum, junge Schauspielkünstlerinnen gegen Benachteiligung und Diskriminierung zu rüsten.

Als 2017 die #MeToo-Bewegung erstarkte, erarbeitete Goodall mit ihren Schülerinnen eine von der russischen Punkband Pussy Riot inspirierte Aufführung von „Macbeth“. „Ich hatte Glück, man gab mir an der Brit School stets den kreativen Spielraum dafür“, erzählt sie der taz bei einem Treffen mit dem „[BLANK]“-Ensemble.

Junge Schauspielschülerinnen könnten durch rein weibliche Besetzung mehr Hauptrollen erproben – auch Männerrollen – was das Selbstvertrauen wachsen lasse und größere emotionale Freiheiten ermögliche. Das erklärte Goodall bereits 2017, bis heute bestärkt durch das positive Feedback von ehemaligen Schülerinnen.

Nach diesen Anfängen zu einer Zeit starker Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen in der Theaterwelt kann Goodall heute begrüßenswerte Veränderungen im Betrieb nennen, etwa dass Indhu Rubasingham 2025 zur allerersten weiblichen künstlerischen Leiterin des renommierten Londoner National Theater ernannt wurde.

Die eigenen Grenzen erkennen

Bereits in der 12. Jahrgangsstufe wurden alle Schüler:innen altersgerecht zu den Grenzen, Berührungen und Intimität in der Bühnenwelt geschult. „Viele von uns hatten bereits die Erfahrung gemacht, nicht gehört oder ernst genommen zu werden, wenn wir Nein sagten und über Grenzen sprachen“, berichtet Schauspielschülerin Coco. „Deshalb war dieses Training sehr nützlich.“

Mit der gesamten 12. Jahrgangsstufe ließ Goodall als Teil der schulischen Jugendschutz- und Seelsorgeleistungen eine Ausbilderin zu Frauenfeindlichkeit, Konsens und respektvollem Umgang arbeiten. Zum Ende der 12. Klasse ermöglichte sie eine Aufführung von Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“, an der ausschließlich Theaterschülerinnen beteiligt waren, die sich als weiblich identifizierten.

Für „[BLANK]“ organisierte Goodall im Herbsttrimester zunächst einen zweitägigen Ausflug für die Darstellerinnen, um Raum für Gespräche unter Frauen zu schaffen. Ein Vortrag einer Sozialarbeiterin, die mit Frauen in Strafanstalten arbeitet, folgte. In „[BLANK]“ tritt nun unter anderem die Person einer alkoholkranken Sozialarbeiterin auf, die sich vor einem Gremium dafür verantworten muss, den Zustand einer Familie nicht adäquat aufgenommen zu haben. Wenige Stunden nach ihrer Visite begeht die Mutter der Familie Kindsmord.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft

feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Goodalls Gruppe besuchte auch die Londoner Organisation und Theatergruppe Clean Break, mit der Alice Birch „[BLANK]“ schrieb. Clean Break bietet Programme für Frauen an, die Erfahrungen mit der Justiz gemacht haben. Als einige der jüngeren Mitglieder von Clean Break später zu den Aufführungen an der Brit School eingeladen wurden, flossen nicht nur bei ihnen Tränen, so sehr bewegte die Performance die Zuschauer:innen, wie Ziporah, eine der jungen Darstellerinnen anmerkt.

Fürs Leben lernen

Sophie Fichtner und Stefan Hunglinger blicken in die Kamera, daneben steht: Reingehen – Die Geschichten der Woche



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Die Feministaz: Idee und Entstehung

Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Manuela Heim über das Konzept und die Entstehung der Feministaz.

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Als die taz in der Gruppe fragt, für wen das Stück zu persönlichen Veränderungen führte oder für wen es die bisher wichtigste Aufführung war, heben alle die Hand. Auch Goodall. „Als ich als schwarzes Mädchen in Südlondon aufwuchs, wusste ich nicht, was hinter verschlossenen Türen teilweise abgeht. Häusliche Gewalt, Gewalt in Strafanstalten oder seitens der Polizei … Es ist Realität!“, sagt die junge Künstlerin Ashinah.

Davina berichtet, dass das Stück ihr beibrachte, mit Verletzlichkeit zu arbeiten. „Ich lernte, dass ich alle meine Ängst beiseiteschieben kann.“ In „[BLANK]“ spielte sie unter anderem eine Frau, die mit einem Messer bedroht wird und aus Angst zusammenbricht, ohne der Gefahr entkommen zu können.

Trotz solcher Dramatik verkaufte sich „[BLANK]“ an der Theaterkasse unter den drei Stücken der Brit School anfangs nur sehr mäßig. „Viele behaupteten, eine Bühne voller Frauen sei nicht interessant“, erzählt Saskia, „später sagten alle Männer, die ich fragte, dass es der beste Auftritt war, den sie je gesehen hatten.“ Die Gruppe ist sich einig, woran das liegt: Weil Männer sich nie mit diesen Themen auseinandersetzen. Goodall fügt hinzu, dass zwei Schüler ihr eigenes Stück sofort verbessern wollten, nachdem sie „[BLANK]“gesehen hatten: „Es geht nicht um einen Wettbewerb, sondern darum, dass alle stärker dadurch werden.“

Mit Katerina Gimons Lied „Fire“ endet die Aufführung an der Brit School. Im Kreis, singend und stampfend verschwimmt die Theaterwelt der Darsteller:innen mit ihrer Alltagsrealität als Frauen. „Weil es noch nicht vorbei ist, vielleicht niemals“, findet Evie: „Es gibt kein Happy End. Das ist es, was Frauen jeden Tag erfahren.“

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