
Tränen flossen reichlich – auf dem Platz und auf den Tribünen, da hatte das Spiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern noch gar nicht angefangen. Die Emotionen galten Kevin Kampl, der sich von den Leipziger Fans verabschiedete. Der 35 Jahre alte Mittelfeldspieler hatte um Vertragsauflösung gebeten, nachdem im Herbst sein Bruder verstorben war. Fußball ist seitdem zur Nebensache verkommen. Kampl möchte mehr Zeit mit der Familie verbringen, was im hektischen Profibetrieb nur bedingt möglich ist.
Eine Karriere wie seine ist in Leipzig eigentlich nicht vorgesehen. Achteinhalb Jahre im Klub, als er ankam, war er schon 28 Jahre alt und befand sich auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Anders als seine nun ehemaligen Mitspieler, die beinahe allesamt Versprechen auf die Zukunft sind und ihre besten Tage als Fußballer eher nicht in Leipzig erleben werden.
Ole Werner sieht „80 sehr gute Minuten“
RB ist eine Durchgangsstation auf dem Weg in die europäische Elite, für die sich gegen Bayern der eine oder andere Leipziger über weite Strecken bewarb. Das Talent der Mannschaft blitzte auf, Leipzigs Trainer Ole Werner sprach von „80 sehr guten Minuten“. Völlig übertrieben war das nicht, in etlichen Statistiken lagen beide Mannschaften in etwa gleich auf.
Nur bei der wichtigsten war der Unterschied gravierend: den Toren. Bayern demontierte die Leipziger wie im Hinspiel. Nur dass es dieses Mal 5:1 statt 6:0 hieß. Wie sehr dieses Spiel doch kippte, nachdem die Münchner von Glück reden konnten, dass sie zur Pause nicht höher als 1:0 zurücklagen.
Leipzig strotzte vor Tatendrang. Nach wenigen Minuten tauchte Romulo frei vor Manuel Neuer auf, aber der Torwart blieb im Duell Mann gegen Mann Sieger. Kurz darauf rutschte Antonio Nusa an der Führung vorbei, nachdem Yan Diomande mehrere Bayern wie Trainingsgegenstände umkurvt hatte.
Bayern antwortete durch Versuche von Luis Diaz und Lennart Karl. Beide Mannschaften schlugen ein hohes Tempo, beinahe minütlich passierte etwas Aufregendes. Die Zuschauer hatten ihre Freude, nur Bayerns Trainer Vincent Kompany konnte die Begeisterung nicht teilen.
Im Hinspiel schon siegte der FC Bayern mit 6:0
Immer wieder lief er die Seitenlinie hoch und runter, gestikulierte und brüllte Anweisungen auf den Platz. Was er da von seinen Spielern sah, gefiel ihm ganz offensichtlich nicht. Kein Vergleich zum lockerleichten Sieg im Hinspiel, als die Bayern am ersten Spieltag Leipzig beim 6:0 überrannten. Seitdem ist viel passiert bei RB, das Team hat sich gefunden, die vielen neuen Spieler sind integriert und beweisen Woche für Woche ihren Wert.
Einer von ihnen ist der brasilianische Stürmer Romulo, den die Verantwortlichen kurz vor Transferschluss bei Göztepe in der Türkei fanden. Zeit zur Akklimatisierung benötigte er keine, in der Bundesliga fühlt sich der robuste Stürmer rundum wohl. Gegen Bayern erzielte er sein sechstes Saisontor, indem er eine Eingabe von David Raum über die Linie drückte.

Kurz darauf hätte Nicolas Seiwald erhöhen können, doch seinen Schuss setzte er zu hoch an. Der Österreicher konnte von Glück reden, dass er später auf dem Feld bleiben durfte. Sein Foul gegen Leon Goretzka hätte mit einer Roten Karte geahndet werden müssen.
Leipzig war die bessere, gefährlichere Mannschaft und ging verdient mit der Führung in die Pause. Für die Bayern ein ganz neues Gefühl. In dieser Saison lagen sie bis dahin noch kein einziges Mal zur Halbzeit zurück.
Lange sollte dieser Zustand auch nicht anhalten. Serge Gnabry traf per Flachschuss zum 1:1. Das Tor war ein Musterbeispiel für das mannbezogene Pressing, das die Bayern so erfolgreich praktizieren. Dayot Upamecano störte Christoph Baumgartner von hinten so energisch bei der Ballannahme, dass er ihn verlor. Gnabry nahm die unfreiwillige Vorlage dankend an.
Leipzig zeigte sich beeindruckt, und auch das gehört zur Entwicklung dieser jungen Mannschaft, dass sie mit Rückschlägen nicht immer gut umzugehen weiß. „Wir verlieren den Kopf, wenn wir ein Gegentor bekommen. Das darf nicht passieren“, sagte David Raum.
„Da kommen dann Kimmich, Olise und Davies“
Leipzigs Kapitän war nach dem Schlusspfiff sichtlich angefressen, erklärte die hohe Niederlage aber auch mit der hohen individuellen Klasse des Gegners. „Wenn man sieht, wen sie nachlegen. Da kommen dann Kimmich, Olise und Davies – das ist schon außergewöhnlich“, sagte Raum.
Die Bayern zeigten, warum sie vor dem Spiel fünfzehn Punkte vor RB lagen. Dass es nach dem Schlusspfiff achtzehn waren, lag auch am Missgeschick von Ridle Baku. Der Verteidiger rutschte bei einer Eingabe von Michael Olise im eigenen Strafraum aus. Dumm nur, dass ausgerechnet Harry Kane so ungestört an den Ball kam. Der erfolgreichste Torschütze der Bundesliga hatte keine Mühe, das 2:1 zu schießen.
Leipzig war dadurch keineswegs geschlagen. Hätte Neuer nicht überragend pariert, wäre Diomande das 2:2 gelungen. Abgesehen von wenigen Schreckmomenten wirkten die Bayern aber nicht so, als würden sie dieses Spiel noch aus der Hand geben. Im Gegenteil. In der Schlussphase zogen sie noch einmal an, Jonathan Tah, Aleksandar Pavlović und Michael Olise erhöhten innerhalb kurzer Zeit auf 5:1.
„Mit den ersten 80 Minuten bin ich einverstanden, mit dem Rest nicht“, sagte Ole Werner. Die Tränen, die vor allem jüngere Leipziger Fans im Anschluss vergossen, galten – anders als bei Kampls Abschied – ausschließlich dem Ergebnis.
