
In unserer Kolumne „Grünfläche“ schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 02/2026.
Eine der Fußnoten der Bundesliga, die mich seit einer Weile wirklich sehr amüsiert, ist die laufende PR-Kampagne des FC Augsburg. Vor anderthalb Jahren nämlich kam irgendein findiger Werbeheini auf die Idee, die römischen Wurzeln der Stadt in der Markenbildung des FCA etwas, nun ja, überzubetonen. Ergebnis war zunächst ein sehr schönes „Römer-Trikot“, auf dem Fundstücke aus der römisch-antiken Zeit abgebildet waren. Und weil das so gut ankam, surften die Verantwortlichen des FCA die Römer-Welle fleißig weiter.
Der FCA-Spielertunnel bekam einen „Römer-Look“ mit einem an ein Amphitheater erinnernden Eingang, Wänden in Steinoptik und Mosaikmotiven. 2025 gab es zusätzlich zum (erneut sehr schönen) Römer-Trikot gleich eine ganze Römer-Kollektion. Mittlerweile gibt es gar eine Ausstellung am Stadion, „Römer am Elfmeterpunkt“, in der archäologische Funde gezeigt werden, die einst beim Bau der Arena ausgegraben wurden.
Irgendwann kam es mir vor, als sei der Klub nur noch ein Brainstorming der Marketingabteilung davon entfernt, dass an den Bierständen im Stadion Lerchenzungen, Otternasen und Wein aus Amphoren verkauft werden, der Trainer die Mannschaft in Schildkrötenformation ins Spiel gegen die Kelten schickt oder der Präsident Markus Krapf in Toga und Lorbeerkranz auf der Tribüne sitzt und nach einem 0:5 seiner Spieler gegen Tiger, Löwen und Bären den Daumen senkt. Aut vincere, aut mori. Siegen oder sterben in der Bundesliga.
Das ist insofern witzig, als dass der FCA ja seit 2010 in der Bundesliga spielt und sowieso seit 1907 existiert, die römische Geschichte der Stadt im Selbstbild des Klubs bis vor Kurzem aber null Komma null eine Rolle spielte. Tatsächlich ist Augsburg eine der ältesten Städte des Landes, vor knapp 2.000 Jahren wurde Augusta Vindelicum wahrscheinlich unter Kaiser Trajan zum Statthaltersitz der römischen Provinz Raetia. Schön und gut. Der FC Augsburg hingegen ist allerdings so etwas wie die grauste aller grauen Bundesligamäuse, eine Art ewiger Tabellen-15., weswegen diese ganze Römerwerdung nun ein ziemlich offensichtlicher und ziemlich krampfiger Versuch ist, das Image des Klubs irgendwie aufzupeppen. Apparet id etiam caeco, schrieb einst Livius, das sieht ein Blinder, und dem möchte ich zustimmen.
Barba non facit philosophum, schrieb einst Plutarch, ein Bart macht eben noch lange keinen Philosophen, und so macht eine PR-Kampagne auch nicht einfach so ein neues Image. Zuletzt musste sich der FCA gar vom 1. FSV Mainz 05 verspotten lassen, dessen Social-Media-Abteilung vor dem Duell der beiden Klubs ein KI-generiertes Bild des Augsburger Stadions als Kolosseum teilte.
Umso schöner, dass sich der FC Augsburg nun seiner tatsächlichen Wurzeln zu erinnern scheint, nämlich jener als unscheinbarer, aber gleichsam unangenehmer Gegner in der Bundesliga, bei dem Jahr für Jahr die Experten die Daumen senken, der dann aber doch die Klasse hält. Ein kleiner Ligastandort, ein von unbeugsamen Fußballarbeitern bevölkertes gallisches Bundesligadorf, das nicht aufhört, den Alteingesessenen Widerstand zu leisten, heißen sie nun Bayern München oder Babaorum, Leipzig oder Laudanum.
Es ist ja noch nicht so lange her, dass auf der linken Seite Tobias Werner in seine Gegner hineinrauschte wie einst Asterix in ganze Gruppen römischer Legionäre und im Strafraum der vereinseigene FCA-Obelix Sascha Mölders seinen Kopf in die Flanken von André Hahn hielt. Der Kader, den Stefan Reuter mit seinen paar Sesterzen zusammengestellt hatte, bot weniger Frisches als die Auslage von Fischhändler Verleihnix. Dennoch, oder gerade deswegen, war es gegen den FCA immer unangenehm. Labor omnia vincit, sagte Vergil. Harte Arbeit obsiegt. Das war der Kern des FCA.
Anstatt „Augusta Vindelicum“ auf die Römer-Kollektion zu drucken, wäre also vielleicht „Nosce te ipsum“, erkenne dich selbst, angemessener. Und da ist der FCA auf einem guten Weg. Ersatz für den Trainer Sandro Wagner wurde unlängst Manuel Baum, der den FCA schon 2016 bis 2019 coachte. Auch kehrt nun der Stürmer Michael Gregoritsch zurück, der zwischen 2017 und 2022 31 Tore für den FCA schoss. Wir befinden uns in der Geschichtsschreibung des FCA also wieder im Jahre 1. v. W. (vor Wagner), in dem in Augusta Vindelicum alles wieder so werden soll, wie es einst war. Was sich übrigens auch Teile der Fans wünschen würden, die in der Hinrunde bereits auf Bannern einen „Imagewechsel zur Lachnummer der Liga“ anmahnten.
Seit 16 Jahren also ist der FCA in der Bundesliga, ohne dabei je groß aufzufallen, aber ist das denn etwas Schlechtes? Etwas, das es unbedingt und krampfhaft per PR-Maschinerie und überselbstbewusstem Trainer zu ändern gilt? Bene qui latuit, bene vixit, glücklich lebt, wer in glücklicher Verborgenheit lebt, und das gilt ja wohl am allermeisten für den Abstiegskampf in der Bundesliga. Wahrscheinlich werden die Augsburger also erneut 14. oder 15., am Ende führen alle Wege zum Klassenerhalt.
Sollte es den FCA in diesem Jahr aber tatsächlich erwischen, kann es am Ende wenigstens wieder lateinisch werden: Ave Bundesliga, morituri te salutant!
