Kaum hat die Inszenierung begonnen, schon gibt es Szenenapplaus. Im weißen Kittel kommt Lola Dockhorn auf die Bühne 3 des Volkstheaters und legt mit dem titelgebenden Zungenbrecher los: „Fischer Fritz fischt frische Fische…“ Sie wiederholt und variiert die akrobatische Wortfolge, mischt andere Adjektive hinein – „fröhlich, frohgemut, vergnügt, phänomenal frische Fische!“ – und dass Dockhorn das fehlerfrei, voller Elan hinbekommt, ist jedes spontane Begeisterungsklatschen wert.
Die junge Schauspielerin verfügt über gut trainierte Sprachfähigkeiten. Mit wachsendem Alter drohen jedoch Verluste, verbal wie körperlich. Der „Fischer Fritz“, von dem die Münchner Autorin Raphaela Bardutzky erzählt, ist ein alter Mann, dem die Sprachmacht entgleitet und der auch körperlich abbaut. Die Ärzteschaft spricht bei ihm von einem „Zustand nach cerebellärer Ischämie mit Dysarthrie und ausgeprägter Ataxie“. Die verständlichere Diagnose lautet: „Feinmotorikstörung und Sprechstörung“.
Der alte Fritz soll ins Pflegeheim
Sprache kann nun mal kompliziert, aber auch ganz einfach sein. Ähnlich ist es mit dem Leben. Es wäre ja die einfachste Lösung, wenn der alte Fritz ins Pflegeheim käme – sein Sohn Franz bevorzugt diese Option, weil er selbst schon längst nach München gezogen ist und sich um den Vater nicht ausgiebig kümmern kann. Dessen Existenz ist aber nun mal in der bayerischen Provinz verankert, weshalb sich die Betreuung in den eigenen vier Wänden durch eine – natürlich – Pflegekraft aus Osteuropa anbietet.

© Gabriela Neeb
von Gabriela Neeb
„}“>
Piotra heißt sie, reist mit dem Bus aus Polen ins bayerische Hinterland und hadert noch mit dem einheimischen Slang. „Sprechtheater“ nennt Bardutzky ihr Stück im Untertitel und lässt verschiedene Idiome aufeinanderprallen. Die Ärzte pflegen den medizinischen Jargon. Der Alte spricht, wenn er nicht schweigt, kerniges Bairisch. Und Piotra verfällt, gerade wenn es hektisch wird, in ihre Muttersprache.
So knirscht und knarzt es in der gegenseitigen Kommunikation, manchmal verzweifelt, oft ziemlich komisch. Das weißbekittelte Trio, das sich zu Beginn aus Lola Dockhorn, Baran Sönmez und Lasse Stadelmann zusammenfügt, gerät aber in einen solch lauthalsen Overdrive, dass die Komödie zunächst in die überdrehte Farce kippt. Das ist insofern schade, weil dadurch der Ernst der Lage zeitweise aus dem Blick fällt. Und Ärzte, Logopäden und (ältere) Pflegekräfte in Krankenhäusern sind nun mal auch Menschen aus Fleisch und Blut. Karikaturen wirken hingegen eher wie allzu einfache Spiellösungen.

© Sarah Elena Kratzlo
von Sarah Elena Kratzlo
„}“>
Regisseurin Asena Yesim Lappas lässt ihr Ensemble zwischen energetischer Farce und Bühnenrealismus changieren – ein herunterfahrbarer, dunkler Gaze-Vorhang trennt verschiedene Bühnenbereiche und markiert letztlich auch die tonalen Wechsel. Wird vor dem halbtransparenten Vorhang eher wuchtig agiert, so entwickeln sich in dem Wohnzimmerambiente, das Bühnen- und Kostümbildnerin Sarah Elena Kratzl hinter dem Vorhang eingerichtet hat, lebensnahe Szenen. Hier wird ruhig und nuanciert gespielt.

© Baureferat
von Baureferat
„}“>
Dass der alte Fischer Fritz von dem jungen Baran Sönmez verkörpert wird, kann man als Entscheidung in Frage stellen – so viele Rollen für ältere Darsteller gibt es nun mal nicht und der Kontrast zwischen fitter Jugend und pflegebedürftigem Alter ist zentral für das Stück. Sönmez gelingt es jedoch, das Alter in seinen Körper zu bringen, verkörpert den störrischen Fritz so, dass man dieser Behauptung glaubt.
Der Widerstand gegen die Pflegekraft, die da in sein altmodisches Biotop eindringt, lässt sich nachvollziehen, und da auch Lola Dockhorn die Spielenergie herunterfährt und ihrer Figur patente Frische und empathische Wärme verleiht, schaut man der Annäherung der beiden berührt zu. Insbesondere die Kochkunst Piotras macht den verhärteten Fischer etwas weicher. Zuneigung geht durch den Magen, und Beharrlichkeit zahlt sich aus. Wenn Piotra Fritz die Haare wäscht, wird spürbar, dass der Pflegeberuf zwischenmenschliche Aspekte hat, die manche Zumutung womöglich aufwiegen.
Kurzweilige und witzige 70 Minuten
Mit dem Tonfall verändert sich immer wieder auch das Spieltempo – die Rhythmuswechsel machen die siebzigminütige Aufführung kurzweilig. Asena Yesim Lappas gibt ihrem Schauspieltrio Raum zum Spiel, bringt einen Traum des Fischers, der mehr als nur ein Traum ist, surreal-heiter und gleichzeitig betörend schön auf die Bühne. Per Live-Video und einer Loop-Station am Rand kann das Trio Momente außerhalb von Fritzens Wohnung selbst gewitzt in Szene setzen – wie Piotra mit dem Bus in die bayerische Provinz fährt und dabei mit dem Busfahrer anbandelt, gehört zu den witzigsten Szenen der Inszenierung.

© Gabriela Neeb
von Gabriela Neeb
„}“>
In einem ruhigen Monolog verleiht Lasse Stadelmann dem Sohn des Fischers noch einige Konturen. Der Sohn wollte Friseur werden, sein Vater hätte ihn lieber als Fischer gesehen. Aber jeder folgt nun mal seinen eigenen inneren Strömungen. Über manchen Satz stolpert man, und was nicht besprochen wird, bleibt auf der Zunge liegen. Eine weitere artistische Wortnummer gibt es am Schluss, aber bis auf wenige Wackler haben sie alles im Fluss gehalten. Herausforderung gemeistert. Herzlicher Applaus.
Aufführungen: 1., 14., 22., 24. und 31. März, 5. April, 20 Uhr, muenchner-volkstheater.de
