Am Samstag hat die Gruppe um Stefan Mäurer einen kleinen Rüffel bekommen vom Stadionsprecher der Skisprungschanze am Bergisel. Die Qualifikation fürs dritte Springen der Vierschanzentournee lief, 8400 Zuschauer waren immerhin in den kalten, engen Kessel gekommen. Oberhalb des Friedhofs Wilten, auf den die Profis immer blicken können, bevor sie sich vom Balken abdrücken. Der Stadionsprecher rief, „ja wos is los, kommts ihr koordinativ denn gar net mit?“ Die Gruppe hatte offenbar ihren Rhythmus bei einem Aufwärmsong nicht im Griff. Beim nächsten Lied hüpfte sie dann nahezu perfekt zum Beat auf und ab – und das Stadion hüpfte mit.
Bergisel, für viele ist dieser Ort der Höhepunkt der Vierschanzentournee. Von der Brennerbahn und der Brennerautobahn untertunnelt, das Stadion ein schattiger, brodelnder Trichter. Die Aussicht auf Innsbruck und auf die mächtige Nordkette mit ihren weißen Gipfeln: phänomenal. Und mittendrin, auf der Tribüne: 32 Vereinsfußballer von der SG Perlbachtal, tiefstes Rheinland-Pfalz. Seit 25 Jahren tourt der B-Klassenklub in der Winterpause durch die Wintersportlandschaft.

:Der Domenator aus der Skisprungfamilie
Domen Prevc beherrscht die Vierschanzentournee mit Leichtigkeit: Wer ist der eher leise Mann aus Slowenien, dessen Familie das Skispringen im Blut hat? Ein Anruf bei Bruder Cene.
„Ochsentour 2026 – ziiieeehhh das Bier ab“ heißt das diesjährige Motto. Sie tragen grün-weiße Zipfelmützen, grün-weiße Schals, abends zum gemeinsamen Essen ein weißes Hemd, dazu grün-weiße Krawatte. Eine grün-weiße Fahne haben sie natürlich auch. Martin Schmitt, Sven Hannawald, Adam Malysz, alle haben sie dort ihr Autogramm hinterlassen. Den Finnen Matti Hautamäki haben sie auch noch erlebt. Und die Deutschen, aktuell? „Ich hoffe, dass Geiger und Wellinger bis Olympia wieder in die Spur finden“, sagt Perlbachtal-Sprecher Stefan Mäurer. Begeistert sind die Fußballer von Philipp Raimund und Felix Hoffmann. Aber den zurückgetreten Markus Eisenbichler mochten sie am liebsten, „weil er so authentisch ist“.
Vor drei Jahren mussten sich alle, die mitkommen wollten, einen Schnurrbart wachsen lassen
Im Jahr 2000 hat die SG Perlbachtal damit begonnen, auf Wintersport-Erlebnisreise zu gehen. Mallorca im Frühling, wie das so viele andere deutsche Fußball-Amateurvereine machen, ist nichts für sie. „Dafür haben wir einfach zu viele wintersportbegeisterte Leute im Verein“, sagt Mäurer. Ein paar von ihnen fahren auch zu den Winterspielen im Februar nach Antholz zu den Biathlon-Wettkämpfen.
Mit dem Ski-Weltcup in Willingen begann ihre Tour vor 25 Jahren. Vier Mal Oberstdorf und nun das zweite Mal Innsbruck bei der Vierschanzentournee, Biathlon-Weltcup in Ruhpolding, Ski alpin in Garmisch, Skicross am Tegernsee, Bob-Weltcup am Königssee, Nordische Kombination in Schonach und Seefeld. Fast immer reisen sie mit dem Zug an, eine viertägige Genusstour mit Glühwein im Stadion und gemeinsamen Abendessen. Aber nie Ballermann-mäßig. Auch wenn sie sich manch schrägen Einfall doch erlauben: Vor drei Jahren mussten sich alle, die mitkommen wollten, einen Schnurrbart wachsen lassen. „Das sah dann bei der Abfahrt doch ganz witzig aus, als sich alle angeschaut haben“, sagt Mäurer.
Aktuell wohnen sie zufällig bei den österreichischen Skispringern im Hotel oberhalb von Innsbruck und dem Bergisel – aber sie lassen die Springer meist in Ruhe, „um ihre Konzentration nicht zu stören“. Sie drücken eher den deutschen Springern die Daumen, „aber wir gönnen auch den Österreichern den Sieg. Ausbuhen, das gibt’s bei uns nicht“, sagt Mäurer. Eine Stunde zu Fuß haben sie zur Schanze, natürlich laufen sie. „In Innsbruck ist es am schönsten“, sagt Mäurer: „Die Stimmung im Kegel, der DJ, die Enge, der Blick auf die Nordkette: ein Traum.“
Der Traum geht an diesem Montag zu Ende, in zwei Wochen beginnt ihre Vorbereitung, im März die Restrunde. Die SG Perlbachtal steht gut da gerade, sie ist Zweiter, hat zudem zwei Spiele weniger absolviert als der Tabellenführer SpVgg Teufelsfels. Sie wollen aufsteigen, das ist ihr Ziel. Und sie haben sogar Flutlicht – und damit dem stimmungsvollen Bergisel-Kessel eines voraus. Denn dort steht das neue Flutlicht voraussichtlich erst zur nächsten Vierschanzentournee bereit.
