Fan-Proteste: Annäherung zwischen Klubs und Fans, Abgrenzung zur Politik – Sport

Vor der Konferenz der Landesinnenminister, die an diesem Mittwoch in Bremen beginnt, sind Klubs und Fußballfans bundesweit zusammengerückt. Das ist durchaus überraschend, noch vor eineinhalb Jahren hatte der Streit um den von der Deutschen Fußball Liga (DFL) geplanten Investorendeal vielerorts die Gesprächskanäle gekappt. Nun hört man zum Beispiel, dass es kürzlich in Augsburg ein Treffen aller bayerischen Erst- und Zweitligisten gegeben habe, bei dem sich hochrangige Klubvertreter und die größten Ultragruppen der Vereine über ihre Haltung zum Innenminister-Treffen austauschten. Auch eine Stellungnahme von fünf baden-württembergischen Profivereinen (VfB Stuttgart, 1. FC Heidenheim, SC Freiburg, TSG Hoffenheim und Karlsruher SC) dokumentierte große Einigkeit zwischen Fanszene und Klubs.

Bundesweit haben beide Seiten beim Thema Sicherheitslage rund um die Stadien ohnehin eine völlig andere Wahrnehmung als die Politik. Die fünf Südwest-Klubs bitten um eine „Versachlichung der Debatte“; angesichts der aktuellen, auf Polizeiangaben beruhenden Statistik, die einen Rückgang der Gewalt belegt, warnen sie vor „Stadionverboten mit der Gießkanne“ und fordern „mehr Dialogbereitschaft“. Ähnlich argumentiert man beim 1. FC Nürnberg, wo Vorstand Niels Rossow und Alexander Sperber als Vertreter der „Nordkurve Nürnberg“ im Gespräch mit der SZ vor allem die Gemeinsamkeiten betonen. Schon bei der jüngsten FCN-Mitgliederversammlung hatte Rossow die Pläne der Innenminister kritisiert und dafür „großen Applaus“ bekommen: „Nicht nur von den organisierten Fans“, wie er betont, „sondern vom Großteil der 1600 Anwesenden.“

Die Politik scheint indes in den vergangenen Tagen von ihren Maximalforderungen abgekehrt zu sein. So überraschte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Wochenende mit der Aussage, die Forderung nach personalisierten Eintrittskarten werde bei der Konferenz ab Mittwoch nicht diskutiert. Sein sächsischer Kollege Armin Schuster (CDU) hatte die Forderung noch wenige Tage zuvor explizit erneuert. Was aber mindestens bleibt, ist der zweite strittige Punkt: die geplante Verschärfung der Stadionverbots-Richtlinien. Die Forderung, diese künftig von einer bundesweiten Kommission aus zentral und bereits im Falle eines Ermittlungsverfahrens zu verhängen, halten Insider für aktueller denn je. Sie rechnen damit, dass die Innenminister ihren einen Herzenswunsch ad acta gelegt haben, um den anderen umso strikter durchzusetzen.

Beim Club in Nürnberg hielte man das für fatal. „Wenn ich behaupte, jemand hätte mir den Autoschlüssel im Stadion geklaut, dann leitet die Polizei ein Verfahren ein, das schon mal ein Jahr dauern kann“, erläutert Sperber: „Dann stellt sich heraus, dass ich gelogen habe – und derjenige hatte trotzdem ein einjähriges Stadionverbot.“ Auch Rossow findet, die bisherige Praxis habe sich bewährt, dass Verein, Polizei und Fanvertreter über jeden Einzelfall gesondert sprechen – so läuft es bislang bundesweit. Gekungelt werde dabei zumindest in Franken nicht, betont Rossow: „Das würde sicher auch die Nürnberger Polizei bestätigen. Wir haben hier sowohl mit ihr als auch mit der Fanszene eine exzellente Kooperation.“ Dies habe das Stadion nachweislich „noch sicherer“ gemacht, sagt er: „Wenn das kategorisch negiert wird, habe ich dafür kein Verständnis.“

„In Relation zu den Zuschauer-Zahlen sind die Verletzten-Zahlen verschwindend gering“, sagt Nürnbergs Geschäftsführer

Einig sind sich Vereine und Fans auch in ihrer grundsätzlichen Erkenntnis, dass es eigentlich in den Stadien gar kein Gewaltproblem gebe: „650 000 Menschen kommen jedes Jahr zu unseren Spielen, das ist mehr als Nürnberg Einwohner hat“, sagt Rossow. „In Relation dazu sind die Verletzten-Zahlen verschwindend gering. Da gibt es in anderen gesellschaftlichen Bereichen ganz andere Zahlen.“ Aufseiten der Politik sieht auch Sperber deshalb Populismus am Werk. Die Zeiten, in denen sich aufgeputschte Hooligans in den Stadien wilde Schlachten lieferten, seien vorbei: „Fußball ist heute eine Sportart für alle. Die Achtziger werden nicht mehr zurückkommen.“

Das bestreiten die Innenminister grundsätzlich auch nicht. Fast könnte man dieser Tage sogar den Eindruck gewinnen, dass mancher gerne die Forderung von „Unsere Kurve“-Sprecher Thomas Kessen umsetzen und „das Verfahren mangels Bedarfs einstellen“ würde. Doch die Fronten sind mittlerweile so verhärtet, dass ein Zurückrudern der Politik wohl als Gesichtsverlust interpretiert werden würde. Allein deshalb wird der Gipfel wohl zumindest punktuelle Verschärfungen beschließen. Dass die am eigentlichen Problem etwas ändern, darf aber bezweifelt werden: Viele Fan-Verlautbarungen lesen sich dieser Tage so, als habe die Politik dem Fußball grundlos ein Gewaltproblem angedichtet.

Doch verabredete Schlägereien und Bus-Überfälle gibt es wirklich. Nur dass die nicht im Stadion oder in dessen Umfeld stattfinden, sondern oft hunderte Kilometer vom Spielort entfernt – und völlig unabhängig vom Spieltag. Ob die angedachten Maßnahmen da etwas bewirken, ist wirklich zu bezweifeln. Aber vielleicht geht es gar nicht nur um die Sache – sondern um eine Machtprobe mit der aktiven Fanszene. Dass deren Anspruch, die Vereinspolitik mitzugestalten, Grenzen gesetzt werden müssen, findet beispielsweise Uli Hoeneß. Der unterstellte den Ultras am Wochenende, sie würden „den Fußball selbst bestimmen“ wollen. Und er stellte eine These auf, die man beim Erstligisten Eintracht Frankfurt interessant finden dürfte: „Alle Vereine, wo diese Ultras das Sagen haben“, so Hoeneß, seien „zweitklassig geworden: Nürnberg, Frankfurt, Schalke“.

In der gegenwärtigen Sicherheitsdebatte verlaufen die Fronten allerdings anders als von Hoeneß wahrgenommen. Auch am Wochenende solidarisierte sich die große Mehrheit aller Stadiongänger mit den Fanprotesten – wenngleich längst nicht alle Freunde von Pyrotechnik sind.

Nürnberg-Geschäftsführer Rossow hat den Eindruck, dass die Ultra-Szene zuletzt zu pauschal gebrandmarkt worden sei. Viele Klubs nehmen die Ultras zwar oft als anstrengend und fordernd wahr – aber eben auch als kompromissbereit und als wichtigen Faktor des Vereinslebens. „Der Fußball“, findet der Club-Geschäftsführer, „ist auch deshalb so populär, weil die größte Jugendkultur zur Faszination des Stadionerlebnisses entscheidend beiträgt.“ Auf DFL-Ebene herrsche jedenfalls „große Einigkeit, dass es der beste Weg ist, alle, die guten Willens sind, von Anfang an einzubinden“. Dies unterlassen zu haben, findet Sperber, sei einer der schwersten Fehler der Politik gewesen: „Die Minister haben den gleichen Fehler gemacht wie vor eineinhalb Jahren die DFL. Die hat die Wucht unseres Widerstands damals auch unterschätzt.“