Fall Fernandes: Über den Hass, den Moderatorinnen erleben

Im Dezember 2024 veröffentlichten Collien Fernandes, Lola Weippert und Mareile Höppner eine gemeinsame Doku. In der ZDF-Sendung „Deepfake-Pornos: Das Geschäft mit dem Missbrauch“ berichten die drei Moderatorinnen von KI-generierten Nacktbildern und Sexvideos, die mit ihren Gesichtern im Internet kursieren. Sie erzählen, wie erniedrigend sich das anfühlt: zuzusehen, wie das eigene KI-Double ausgezogen wird, sich in vermeintlich verführerische Posen wirft und teilweise vergewaltigt wird. In der Doku erstatten die drei Anzeige gegen unbekannt und versuchen selbst, den möglichen Tätern auf die Spur zu kommen.

Etwas mehr als ein Jahr später ist Fernandes mit einem erschütternden Vorwurf an die Öffentlichkeit getreten: Sie habe ihren Haupttäter ausgemacht. Es sei ihr eigener Ex-Mann, der Schauspieler Christian Ulmen gewesen, der Deepfakes erstellt, in ihrem Namen Telefonsex mit anderen Männern gehabt und über falsche Accounts Nacktbilder verschickt habe. Über einen Artikel im „Spiegel“ und einen Post auf Instagram machte Fernandes ihre Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann am Donnerstag öffentlich. Der Anwalt von Ulmen spricht von „unwahren Tatsachen“ und kündigt rechtliche Schritte an, es gilt die Unschuldsvermutung.

„Das ist eine Realitätsklatsche: Wir Frauen sind nirgendwo sicher“

Weippert und Höppner lasen von alldem auf Fernandes’ Instagram-Profil. Noch einen Tag später, am Telefon, merkt man ihnen den Schock an. Für die Moderatorinnen gehören Morddrohungen, Stalker und sexuelle Belästigung zum Alltag, aber dies sei, sagt Weippert, eine neue Dimension: „Das ist eine Realitätsklatsche: Wir Frauen sind nirgendwo sicher.“ Ihre Kollegin Höppner ist wütend, sie fordert: „Wir müssen gesetzlich etwas ändern, sonst sind Frauen solcher Gewalt schutzlos ausgeliefert.“

Die 48 Jahre alte Moderatorin weiß, wovon sie spricht. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie in der Branche. Sie erzählt: „Seit ich diesen Job mache, bekomme ich brutale Bilder zugeschickt, wie man sich mit mir sexuell in Gedanken auseinandersetzt.“ Früher seien es noch Zeichnungen gewesen – Höppner mit Messer am Hals und gespreizten Beinen. Inzwischen sind es Videos, die so echt aussehen, dass selbst Höppner genau hingucken muss, um zu erkennen, dass das nicht ihr echtes Ich ist, das gerade sexuell erniedrigt wird.

DSGVO Platzhalter

Lola Weippert wurde erst durch Collien Fernandes darauf aufmerksam, dass auch von ihr KI-Pornographie existiert. „Wir werden digital missbraucht, und es sieht so schockierend echt aus“, dachte die 29 Jahre alte Moderatorin damals. Sie kannte schon die Foren der Frauenhasser, sogenannter Incels, in denen die Nutzer darüber phantasieren, wie sie Weippert umbringen und dann ihren toten Körper vergewaltigen würden. Das sei alles sehr unangenehm, sagt Weippert. Sie schämte sich, als Fernandes, Höppner und sie auf die Polizeiwache gingen, um die Deepfakes zur Anzeige zu bringen. Als Opfer solcher Demütigungen, das sagt auch Höppner, sei es nicht leicht, damit offen umzugehen.

Und dann gibt es da noch die Stalker

Schon damals hatte Weippert wenig Hoffnung, dass die Ermittler auf eine Spur stoßen würden. Und sie hatte mit ihrer Ahnung recht: Bis heute haben weder Höppner noch Weippert etwas auf ihre gemeinsame Anzeige mit Fernandes gehört. Fernandes habe einen der Täter ja dann wohl leider auf einem anderen Weg enttarnt, sagt Höppner betreten. Bei der Polizei laufen von ihr gerade zwei weitere Anzeigen: Ein Mann hat ihre private Telefonnummer herausgefunden und sie bedroht. Eine andere Person betrügt in ihrem Namen Leute um Geld.

Lebt in Angst: Lola Weippert
Lebt in Angst: Lola Weippertdpa

Und dann gibt es da noch die Stalker. Auch hier scheinen Moderatorinnen besonders betroffen zu sein. Fernandes erzählte 2020, wie sie fürchtete, ein Mann, der jeden Tag vor ihrer Tür auftauchte, würde ihre Tochter entführen. Bei Höppner klingelte ein Stalker, der sich als Blumenkurier tarnte. Über Jahre tauchte er bei ihr auf. Sie lief damals mit Wachschutz zu ihrem Auto.

Lola Weippert lebt in Angst – so sagt sie es, seit ein fremder Mann nachts um eins vor ihrer Berliner Wohnung auftauchte, sie umarmte und nicht mehr loslassen wollte. Bis heute ist der Mann überzeugt, Weippert und er seien ein Paar. Fast täglich schreibt er ihr lange Nachrichten auf Instagram. „Jedes Mal, wenn ich die Tür öffne, habe ich Angst, dass er da wieder stehen könnte.“ Ihre Freunde riefen damals die Polizei. Die sagte: Wir können nichts machen, solange er Sie nicht bedroht. Weippert ist immer noch fassungslos. Sie hat versucht, mit einem Anwalt gegen den Mann vorzugehen. Doch er schreibt einfach weiter.

„Manche denken, sie hätten Rechte an deiner Person“

Höppner konfrontierte in einer ihrer Sendungen einmal einen Mann, der ihr ständig Bilder von seinem Penis schickte. Er stimmte einem Gespräch zu, unter der Bedingung, in einem Videotelefonat nackt sein zu dürfen. Höppner versuchte, ihm klarzumachen, wie schlimm sich seine Nachrichten anfühlten. Aber das kümmerte den Mann nicht. Er erlangte gerade durch die negativen Reaktionen der Frauen, denen er seine Penisbilder schickte, sexuelle Befriedigung. „In diesen vielen Jahren in meinem Beruf habe ich in so viele Abgründe geguckt – da macht man sich keine Vorstellungen“, sagt Höppner. Moderatorin sei ein wahnsinniger schöner Beruf, aber es gebe auch einen Preis, den man bezahle.

Natürlich hat es auch viele freundliche Seiten, wenn das eigene Gesicht jede Woche in Hunderttausenden Haushalten auf den Bildschirmen erscheint. Wenn man als Moderatorin zum Alltag gehört, wie der Lieblingspulli und der Kaffee am Morgen. Weippert und Höppner werden viel angelächelt auf der Straße. Aber es führt eben auch dazu, dass einige Zuschauer das Gefühl für Grenzen verlieren. „Manche denken, sie hätten in irgendeiner Form Rechte an deiner Person“, sagt Höppner. Weippert ist nun fast zehn Jahre in der Branche. Bis heute versucht sie, einen Umgang mit dem Stalking und dem Hass zu finden. „Das fordert mich sehr heraus“, sagt sie.

Unter dem Post von Collien Fernandes schreiben viele empörte Frauen. Sie fragen: Warum melden sich nur wenige Männer zu Wort? Weippert schnaubt, wenn man sie nach der Solidarität männlicher Kollegen fragt. „Die ist kaum existent“, sagt sie. „Dabei sollte das Thema doch Männer genauso wütend machen wie uns Frauen.“