„Ob mit Gas oder mit liebender Umarmung – die Kartoffeln wollen dich im Endeffekt nur ersticken.“ Moritz Kienemann knallt dem Publikum im engen Zeitintervall schwer verdauliche Sentenzen aufs Tablett. In einem furiosen Solo spielt er einen Ich-Erzähler, der sich als jüdisch verortet und aus dieser Perspektive der deutschen Mehrheitsgesellschaft die Leviten liest. Und sich gleichzeitig mit jedem Satz, der seine eigene Familiengeschichte betrifft, immer mehr demaskiert bis zum Grande Finale, als herauskommt, dass seine jüdische Identität reine Behauptung war.
Noam Brusilovsky baut in seinem Text direkte Verweise auf den Fall des Journalisten Fabian Wolff ein, der für sich beanspruchte, aus dezidiert jüdischer Perspektive zu berichten und so u.a. beim Spiegel und bei Zeit online reüssierte. Bis Recherchen ans Licht brachten, dass er seinen jüdischen Background einfach erfunden hatte.
Wolff ist nicht der erste, nicht der einzige und wird wahrscheinlich auch nicht der letzte sein, der sich über diese Schiene einen Wettbewerbsvorteil verschaffen will. Längst gibt es dafür in der Psychologie eine Schublade: das Wilkomirski-Syndrom, benannt nach einem der ersten aufgedeckten Fälle. Und den Terminus Fake Jews.
„Fake Jews“, Deutsches Theater Berlin. Wieder am 4. und 16.2. sowie am 10., 21. und 22.3.
Brusilovsky nennt seinen Abend in der Box des Deutschen Theaters Berlin genau so. Er unterfüttert seinen eigenen Text mit eingespielten Audio-Interviews, die dieses Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Und Bezug nehmen auf konkrete Personen wie die Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich 2019 das Leben nahm, nachdem bekannt wurde, dass sie ihre Opfer-Biografie gefälscht hatte.
Gnadenlos in alle Richtungen
Diese Einspieler sind informative Ruheinseln in einem rasanten Spiel, in dem Moritz Kienemann neben dem Fake Jew auch noch dessen Freund Daniel verkörpert, der sich als nicht-jüdischer Schauspieler auf das „Rollenfach Jude“ eingeschossen hat. Brusilovskys Text ist gnadenlos in alle Richtungen. Als Regisseur lässt er Kienemann die Box mit süffisanter Ironie und Lust an der Situationskomik fluten. Kienemann schmeißt sich in die kabarettartigen Szenen, wechselt wie ein Gummiball zwischen Ich-Figur und Daniel und stürzt sich mit seinen Tiraden gerne auf das Publikum.
Es ist die Messerspitze Humor in Text, Regie und Spiel, die diesen Abend schweben lässt trotz knallharter Bestandsanalyse. Punktgenau runtergebrochen in ein Bild von einem Besuch auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee. Wie Kienemanns Daniel sich dort an Brandts Kniefall versucht, ist zum Schießen und entlarvt gleichzeitig eine ganze „Gedenkkultur“.
Die bissige Gesellschaftsanalyse in Bezug auf das deutsch-jüdische Verhältnis haftet sich unabhängig von der Dekonstruktion der Fake-Identität fest. Kienemanns Fake Jew liegt am Schluss im Retrosessel, als hätte er sich das Leben genommen. Der Plattenspieler in der Ecke rotiert und leise ertönt „Mütterlein“ von Georg Kreisler: „Es war dein stiller Brauch, was benötigt wird zu stehlen – was nicht benötigt wird, auch.“
Und die kurze Szene kommt wieder vors innere Auge, in der Kienemanns Ich-Erzähler die eigene Mutter so weit manipuliert, dass sie jüdische Vorfahren imaginiert. Obwohl Kienemann diesem ungleichen Dialog mit zwei Standmikrofonen Geschwindigkeit gibt, ist genug Zeit da, um die Verlorenheit der Ich-Figur und seine Suche nach Identität zu erahnen. Der Marginalisierte kann sich durch die Zugehörigkeit zum Judentum aufwerten – nach innen und nach außen. Und er ist fassungslos, als ihm das genommen wird: „Alle schreiben über mich auf Twitter. Ich sei ein Hochstapler. Sie nennen mich Kostümjude. Fake Jew. Dann verstehe ich auf einmal – ich bin ein fucking Goj. Ich werde kein Wort mehr schreiben können.“
Im Programmheft beschreibt Noam Brusilovsky, dass er sich als Israeli während seines Studiums an der HfS Ernst Busch fühlte wie ein „Affe in der Hochburg des Regietheaters, der ständig daran scheitert, seine Kommilitonen zu imitieren.“ Dass er in guter Gesellschaft ist, fand er bald heraus: Maximilian Goldmann, der sich in Max Reinhardt umbenannte, lässt grüßen und Alexander Granach auch. Anpassungsprozesse interessieren ihn nach beiden Seiten. Oskar Panizzas Groteske „Der operirte Jud`“ aus dem Jahr 1893 hat er schon inszeniert. Salomo Friedlaenders satirische Replik „Der operierte Goj“ aus dem Jahr 1922 wäre ein weiterer Anknüpfungspunkt.
