taz: Frau Härtel sollte Tanz politisch sein?
Heide-Marie Härtel: Ich denke, zu tanzen hat immer eine politische Aussage. Selbst wenn es so ungestalt ist wie das Tanzen von Donald Trump und Nicolás Maduro, erzählt es viel über die Befindlichkeiten und die charakterlichen Eigenschaften der Tanzenden.
taz: Maduros Tanzvideos sollen eine Rolle als Auslöser für den Überfall auf Venezuela gespielt haben. Und diese Vermutung wird gerade von Trump selbst gestützt: In einer Ansprache, bei der er sich für die Invasion feiern lässt, hat er gesagt, Maduro sei ein schlimmer gewalttätiger Kerl, „and he tries to imitate my dance a little bit“, also: Er versucht ein bisschen, meinen, also Trumps, Tanz zu imitieren.
Härtel: Das beschreibt genau das, was Tanz kann – nämlich eine unglaubliche Wirksamkeit entfalten.
Im Interview: Heide-Marie Härtel
Jahrgang 1950, Tänzerin, Regisseurin, Kulturwissenschaftlerin, gehörte bis 1978 zu Johann Kresniks erster Tanzkompagnie in Bremen, seither dokumentiert sie Tanztheater filmisch. Das von ihr gemeinsam mit Susanne Schlichter 1989 gegründete Deutsche Tanzfilminstitut sammelt audiovisuelle Zeugnisse des Tanz‘ und bereitet sie auf. Mit über 40.000 Medien zählt es zu den weltweit bedeutendsten Tanzfilmarchiven.
taz: Wäre das die politische Wirksamkeit, von der das Tanztheater der 1970er geträumt hatte, aus dem auch Sie herkommen?
Härtel: Nein, nicht wirklich. Was wir im politischen Tanztheater versucht haben, hatte ja starke analytische Momente. Da wurde auf die Bühne gestellt, wie Potentaten reagieren und wie Machtverhältnisse sich darstellen lassen, um sie dadurch irgendwie auch präsenter zu machen und zu sagen: Hey, das kann auch anders gehen.
taz: Der Tanz von Trump ist dagegen selbst ein Tanz der Macht und Maduros Reprise direkte politische Kommunikation: Der venezolanische Präsident hat im Herbst in Caracas zu einem Remix seiner „no crazy war“-Rede auf einer großen Kundgebung und erneut am 31. Dezember im Präsidentenpalast Trumps ungelenke Tanzweise ironisch aufgegriffen, beide Male vom staatlichen TV übertragen …
Härtel: Ich glaube, das war wirklich für Trump unerträglich, wie Maduro ihn diskreditiert hat, indem er seine Schritte aufgreift und verändert. Damit wird auch die persönliche Lage des jeweiligen Diktators in Szene gesetzt: Also Maduro ist für mich so eine Art Vollblutdiktator, während Trump wie ein gestörter Neurotiker wirkt. Und gerade das hat Maduro recht gut in seinem Tanz wiedergegeben. Maduros Tanz geht ihm durch den ganzen Leib, in der Trump-Karrikatur hat er aber darin einfach bestimmte Körperteile abgeschaltet: Es sieht aus, als agiere er zwanghaft, eben wie ein Neurotiker. Es trifft also genau die Charaktermerkmale, die man schon bei Trump erkennt und spitzt sie zu. Das macht es so verletzend.
In Maduros Tanz muss Trump selber erkennen, wie peinlich sein körperliches Verhalten ist
taz: Andererseits ist es Trumps eigene Erzählung. Er sagt ja: Der hat getanzt, um mich zu ärgern, also habe ich ihn plattgemacht, ätsch. Kommt die unterkomplexe Deutung des Konflikts als Kriegstanz nicht gerade Trump entgegen?
Härtel: Möglicherweise ja. Und sicher war das vor allem ein gesuchter und willkommener Anlass. Trotzdem ist da dieser Aspekt der Bloßstellung durch Maduro. In dessen Tanz muss Trump selber erkennen, wie peinlich sein körperliches Verhalten ist. Da sieht man ja wirklich sofort, dass dieser Typ alles nur kaputt machen und nur sich selber präsentieren will. Wenn das so ausgestellt wird, dann muss der beleidigt sein.
taz: Weil der Körper des Herrschers unantastbar im Zentrum stehen muss?
Härtel: Ja, das erinnert an die Darstellung eines Sonnenkönigs, der sich als Mitte des Universums versteht: Es war Ludwig XIV, der 1661 in Paris die königliche Tanz-Akademie eröffnet und damit das klassische Ballett begründet hat, mit einer Formensprache, die natürlich heutzutage Gott sei Dank enorm weiterentwickelt worden ist.
taz: Trump baut einen Ballsaal. Aber einen neuen Ballettstil wird er nicht schaffen.
Härtel: Nein, ganz und gar nicht. Auf der Weltbühne spielt Trump seine durchsichtige menschenfeindliche Rolle, für einen Einfluss auf die Theaterbühnen reicht diese extrem reduzierte Bewegungssprache höchstens als Negativbeispiel. Tanz dient hier als Machtdemonstration. Und das hat es zumindest lange nicht mehr gegeben. Ich kann mir vorstellen, dass das einen Impuls in der Selbstdarstellung von Politikern auslöst, gerade auch, weil es seine Wirkmacht unter Beweis gestellt hat.
Den Körper in den Kampf werfen: Nicolás Maduro parodiert bei einer Kundgebung im Herbst in Caracas Trumps seltsame Moves
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taz: Bedeutet das auch, dass in diesem Imitations-Spiel – Trump macht seine plumpen Moves, Maduro karikiert sie, Trump haut ihm die Beine weg – selbst wieder choreografisches Futter für Tanztheater liegt?
Härtel: Auf jeden Fall. Aber man braucht auch dazu die Künstler, die das verstehen.
taz: Was wäre dafür nötig?
Härtel: Dazu braucht es einen hochintelligenten Choreografen, der sich das traut und eine Bewegungssprache dafür findet. Man muss warten, wie die nächste Generation mit den neuen Möglichkeiten umgeht, die es ja gibt. Also ich glaube, es ginge, auch auf subtile Art und Weise. Aber auf den Bühnen sehe ich das leider gegenwärtig nicht, außer vielleicht bei Yoshiko Waki und Bodytalk in Münster.
taz: Na, also bei Florentina Holzinger oder Marlene Monteiro Freitas würde ich das schon wahrnehmen.
Härtel: Also Holzinger finde ich fantastisch, ja.
taz: Und es gibt auch junge Gruppen, deren Arbeiten, egal wo, in Jena, in Berlin, in Benneckenstein, ohne jedes Presseecho verpuffen und vergessen werden: Hatten Sie nicht auch gegen diese Vergänglichkeit das Deutsche Tanzfilminstitut ins Leben gerufen?
Härtel: Absolut. Wir als Tanzcompagnie waren ja seinerzeit in den 1970er Jahren mit Kresnik eingeklemmt zwischen den Rainer Werner Fassbinders und Steins und all diesen Regie-Stars, die hier unter dem Intendanten Kurt Hübner geboren wurden. Wir haben unsere Stücke teilweise nur zehnmal gezeigt, dann waren sie abgespielt. So etwas wie Repertoirepflege gab es nicht: Ich habe angefangen zu filmen, weil ich dachte, es glaubt uns später keiner, was hier möglich war.
Heute geht es im Tanztheater darum, eine gemeinsame innere Form zu finden, ohne die Individualität der einzelnen Tänzer kaputtzumachen
taz: Was macht die Verfilmung mit der Raumkunst Tanz?
Härtel: Die Mediatisierung verändert die Bewegungssprache total. Ein gutes Beispiel ist, wie in den USA mit dem bedeutenden Choreografen Merce Cunningham plötzlich alle anfingen, rückwärts zu tanzen. Das kam aus dem Film. Was den Fluss von Bewegung angeht, hat sich die Sprache des Tanzes seither durch Video und neue Medien sehr stark verändert, bis dahin, dass Leute mit ihren Avataranzügen und einer Bearbeitung durch Software und KI auch Bewegungen erfinden können, die es gar nicht gibt, die vielleicht ein Körper gar nicht ausführen kann, der nun mal aus zwei Beinen und zwei Armen, einem Kopf und einem Rumpf besteht.
taz: Die Versuchung bleibt aber groß, diese realen Körper für einen renovierten Repräsentationstanz abzurichten und den Mächtigen zur Verfügung zu stellen?
Härtel: Das ist ein komplexes Thema, denn auch beim choreografischen Theater gehören synchrone Bewegungen von Tänzergruppen zum künstlerischen Handwerkskasten. Von Außen sieht das nicht selten wie bloße Gleichmacherei aus. Das hatte im klassischen Ballett früher tatsächlich etwas von Dressur. Aber das ist heute so nicht mehr möglich. Heute geht es nicht mehr ums Nachmachen einer äußeren Form, sondern darum, eine gemeinsame innere Form zu finden, ohne die Individualität der einzelnen Tänzer kaputtzumachen. Aber es stimmt, Tanz ist immer auch genutzt worden, um Leute fit zu machen und um Macht zu repräsentieren.
taz: Attribute fürs Gelingen dieser Inszenierung waren meist Anmut und Eleganz. Davon kann aber bei Trump keine Rede sein. Dessen Bewegungen kann selbst ich, also jeder Tölpel, aufgreifen. Das produziert Nahbarkeit.
Härtel: Ja, im Gegensatz zu dem, was man auf Theaterbühnen sieht: Denn Tanz ist eine eigene Sprache. Was Trump dagegen daraus macht, das sind hingekotzte Wortbrocken. Das hat mit einer entwickelten Sprache gar nichts mehr zu tun. Es ist einfach auch eine Beleidigung, wie er sich bewegt. Also, mich beleidigt das.
