
Der Marxismus hat eine Stärke und eine Schwäche: Er legt eine überzeugende Analyse des kapitalistischen Wirtschaftens vor, gleichzeitig führt seine Geschichtsphilosophie aber in eine utopische Sackgasse. Marx glaubte, dass Revolutionen die „Lokomotiven der Geschichte“ seien. In der klassenlosen Gesellschaft werde die Menschheit ihre „Vorgeschichte“ beenden und das Paradies auf Erden erreichen. Pikanterweise forderte ausgerechnet ein überzeugter Marxist im ersten „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ diesen Glaubenssatz heraus.

Der sowjetische Philosoph Ewald Iljenkow (1924–1979) geriet gerade wegen seiner kompromisslosen Anwendung des Marxismus auf die Geschichtsphilosophie in Konflikt mit den Behörden. Als junger Rotarmist hatte er an der Eroberung Berlins teilgenommen. Die Kriegserfahrung traumatisierte ihn schwer. Trotzdem erschien ihm die zerstörte Hauptstadt als paradigmatischer Ort des Denkens. Ein Foto zeigt den Artillerieleutnant Iljenkow am Grab Hegels. Möglicherweise baute Iljenkow seine kosmologische Zukunftsspekulation genau auf dieser Dialektik des toten Philosophen und des lebendigen Weltgeistes auf.
Nach einem Philosophiestudium an der Moskauer Universität trat Iljenkow eine Stelle an der Akademie der Wissenschaften an. Allerdings geriet er immer wieder in Konflikt mit der offiziellen Ideologie: Man beschuldigte ihn abwechselnd, ein Gnostiker oder ein Idealist zu sein. In den Siebzigerjahren engagierte sich Iljenkow beim sogenannten „Sagorsker Experiment“, das sich der Erziehung und Bildung taubblinder Kinder verschrieben hatte. Die gesellschaftliche Integration von Menschen mit erschwertem Sinneszugang zur Außenwelt entsprach einem zentralen Credo Iljenkows: Denken ist nicht ein Produkt des individuellen Gehirns, sondern existiert als überindividuelle Form der Materie. Iljenkow konnte sich zuletzt mit seiner Position als Häretiker im Dogma des offiziellen Sowjetmarxismus nicht mehr abfinden. 1979 öffnete er mit einem Messer seine Halsschlagader.
Iljenkow war sowohl ein Vertreter als auch ein Herausforderer der Sowjetkultur. Ein frühes Zeugnis dieser Ambivalenz ist sein Traktat „Kosmologie des Geistes“, der nun in der terminologisch präzisen Übersetzung von Isabel Jacobs auf Deutsch vorliegt. Martin Küpper und Sascha Freyberg zeigen in ihrer kenntnisreichen Einleitung auf, wie Iljenkows Ansatz auch mit der zeitgenössischen Realität von Atomwaffen und Weltraumexpeditionen in einen Dialog tritt.

Die „Kosmologie des Geistes“ konnte zu Iljenkows Lebzeiten nicht erscheinen. Zu grandios war die Themenstellung, zu gewagt die Argumentation und zu ausgreifend der barocke Untertitel: „Ein Versuch, in allgemeinen Zügen die objektive Rolle der denkenden Materie im System der universellen Wechselwirkung zu bestimmen (eine philosophisch-poetische Phantasmagorie, die auf den Prinzipien des dialektischen Materialismus beruht)“.
Iljenkow verficht in seinem Essay zwei Thesen. Erstens behauptet er, es gebe kein Denken ohne Materie, ebenso wie es auch keine Materie ohne Denken gebe. Zweitens lehnt Iljenkow den Gedanken eines Anfangs und eines Endes der Geschichte radikal ab, weil man sonst einen Schöpfergott mit Apokalypse oder den Urknall mit dem Entropietod annehmen müsste. Das aber wäre eine Verneinung der Energie, die dem Denken innewohnt.
Und so polemisiert Iljenkow gegen Friedrich Engels’ düstere Vision aus der „Dialektik der Natur“: Hier stürzt eine gefrorene, tote Erde in immer enger verlaufenden Umlaufbahnen schließlich auf die erkaltete Sonne. Als bekennender Marxist feiert Iljenkow im Gegenteil den Beginn der klassenlosen Gesellschaft, in der die Opferbereitschaft der Menschheit bereits vorgezeichnet sei. In einigen Millionen Jahren werde die menschliche Gemeinschaft sich in einem Akt der Selbstaufopferung selbst auslöschen, um die Materie in einem neuen kosmischen Zyklus wiederzugebären. Iljenkow beschwört einen „feuerdampfförmigen Zustand, in dem alle Elemente in wild kreisende Wirbel verwandelt sind“, als letzten Aggregatszustand der „denkenden Materie“.
Slavoj Žižek meinte, dass in diesem Spektakel der höchste „Wahnsinn des dialektischen Materialismus“ erreicht sei. Wahrscheinlicher ist aber, dass Iljenkow in seiner „philosophisch-poetischen Phantasmagorie“ den unbedingten Willen nach einer Selbstverewigung des Denkens angesichts der Vergänglichkeit der Materie beschreibt.
Ewald Wassiljewitsch Iljenkow: „Kosmologie des Geistes“. Aus dem Russischen von Isabel Jacobs. Hrsg. von Martin Küpper und Sascha Freyberg. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 126 S., br., 12,– €.
