Europa League gegen Porto: Die schmerzhafte Bildungsreise des VfB Stuttgart – Sport

In diesem Stadion hat alles angefangen. In der Fußballarena in Stuttgart startete der spanische Linksverteidiger Marc Cucurella seine Karriere als Feindbild, weil er im EM-Viertelfinale 2024 verbotswidrig die Hand zu Hilfe nahm. Oder weil sie eben, das wäre die andere Sichtweise, auf eine Art in der Gegend hing, auf die sie da vielleicht nicht hätte hängen sollen. Seitdem wird Cucurella in deutschen Stadien auf eine Weise behandelt, dass es selbst dem Gefühl der Fremdscham inzwischen langweilig geworden ist; Cucurella wird halt so ausgepfiffen, wie morgens die Sonne aufgeht.

Man kann allerdings schlecht abschätzen, ob es nun eine Erleichterung für Cucurella oder eine Bedrohung für sein Alleinstellungsmerkmal war, dass an selber Stelle plötzlich ein Nachfolgerle hervorgetreten ist. Der 28-jährige Zaidu, ein Linksverteidiger (!) vom FC Porto, hat sich beim Stuttgarter Publikum am Donnerstagabend auf hörbarste Weise unbeliebt gemacht, obwohl man in diesem Achtelfinal-Hinspiel der Europa League doch eher hätte staunen müssen über das Wunder, das unten auf dem Rasen geschah. „Gefühlte 37 Mal“ erwischte man Zaidu reglos auf dem Boden liegend, wie Stuttgarts Deniz Undav später ermittelte, aber jeweils folgte eine spektakuläre Wiederauferstehung, die den Nigerianer befähigte, sofort wieder in den nächsten Zweikampf hineinzuflitzen.

Nicht von Undav und auch sonst von niemandem ermittelt wurde leider die Nettospielzeit dieser Partie. Aber hätte man all die Fake-Verletzungen, Ballwegwerf-Aktionen, Hans-guck-in-die-Luft-Verzögerungen und sonstige Kunstpausen zu einer angemessenen Nachspielzeit addiert, hätte die Austragung der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Porto möglicherweise den pünktlichen Beginn der Weltmeisterschaft im Juni gefährdet.

So ganz genau wussten die Stuttgarter nicht, ob sie nach der 1:2-Niederlage eher sachlich oder eher aggressiv gelaunt sein sollten, am Ende entschieden sie sich für eine Kombination. „Wenn man jetzt klar seine Meinung sagt, muss man zahlen“, grummelte Mittelfeldspieler Angelo Stiller unter dem Eindruck der Turbulenzen dieses Spiels, das auch den Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt zu kämpferischen Sätzen verleitete. „Ein Stück weit dreckig“ sei der Sieg der Portugiesen gewesen: „Aber wir müssen jetzt mit dem Mindset in die kommenden Tage gehen, dass wir am Sonntag erst Leipzig und am nächsten Donnerstag dann Porto weghauen.“ Dabei trug er allerdings sein Essen in einer handlichen Box mit sich herum und schaute freundlich in die Runde.

Und als der grundsätzlich wohltuend reflektierte Trainer Sebastian Hoeneß später seine Bilanz zog, tat er dies „wohlgemerkt nach dem ersten Spiel“, womit er deutlich auf das Vorhandensein eines Rückspiels verwies. „Das Ding ist noch lange nicht vorbei“, sagte Hoeneß, „wir haben heute Abend gezeigt, dass wir ihnen richtig wehtun können.“ Das stimmte zwar, aber das Wehtun war am Ende eben dergestalt, dass nicht nur der Linksverteidiger Zaidu, sondern auch seine Mitspieler in und nach der Partie ziemlich schmerzfrei wirkten.

So weit, dass die Stuttgarter Spieler bei der WM zentrale Rollen einnehmen, sind sie nicht

In all ihrer Vehemenz erzählte diese Partie aber eine präzise Sach- und Fachgeschichte über den aktuellen VfB Stuttgart. Am Ende ließen sich sogar noch ein paar Ableitungen treffen zu jenem voluminösen Interview, das Bundestrainer Julian Nagelsmann kürzlich dem Kicker gegeben hat. Der neutrale Teil der Branche hat den VfB seit Hoeneß’ Amtsantritt ja als geheime Lieblingsmannschaft entdeckt, und entsprechend groß war die Verwunderung, wie, nun ja, neutral sich Nagelsmann zuletzt zu den VfB-Spielern verhalten und geäußert hat. Muss der schlaue Undav nicht der nationale Neuner sein? Sollte das DFB-Mittelfeld nicht dem souveränen Angelo Stiller anvertraut werden, dessen Spielweise der des großen Toni Kroos am ehesten nahekommt? Wäre der brachial schnelle Jamie Leweling mit seinem muskulösen Spiel nicht die ideale Besetzung für die Wingback-Rolle rechts oder links? Und könnte nicht sogar der Stuttgarter Abwehrchef Jeff Chabot …?

Es wäre gewiss unfair, diese Europacup-Partie nun gegen Stuttgarts DFB-Kandidaten zu verwenden. Aber wer die Bilder der beiden Gegentore sichtet, erkennt erst Alexander Nübels etwas hektischen Abschlag, dem Undav eher entgegenhüpfelt als springt – was der FC Porto erbarmungslos zu einem Konter und dem 1:0 durch Angreifer Terem Moffi (21.) nutzte. Ebenso wenig zu übersehen war Chabots Fehlpass im Aufbauspiel, den der FC Porto erbarmungslos zu einem Konter und dem 2:0 durch Mittelfeldspieler Rodrigo Mora (27.) nutzte. Gepaart mit ein paar Schlampigkeiten zuvor ergaben sich daraus jene „ärgerlichen acht Minuten“ (Hoeneß), die dem VfB trotz Undavs typischem Undav-Tor (40.) das Ergebnis verdarben – und Nagelsmanns Perspektive damit unterstützten.

Der VfB ist auf seinem Weg vom Wackelkandidaten zum Europacup-Starter schon weit gekommen, und auf diesem Weg haben Hoeneß’ Trainerkunst und die Kaderkomposition von Sportchef Fabian Wohlgemuth eine Menge Spieler hervorgebracht, die in einem Turnierkader sicher gut aufgehoben sind. Aber so weit, dass man ihnen schon zentrale Rollen bei einer WM übereignet, sind die Stuttgarter – siehe Porto – eben nicht.

Auf jenem Plateau, auf das Hoeneß den VfB aus tiefster Talstation geführt hat, ist der Blick über Europa stattlich, aber die Luft dünn. Deutlich erkennbar ist das Muster, das sich in der aktuellen Europa-League-Kampagne abbildet: Wo immer dieser neue VfB auf dem Kontinent vorbeischaut, hinterlässt er erstaunte Beobachter, die den Spielstil von Team und Trainer loben und preisen. An Grenzen stoßen die Stuttgarter aber, wenn die Gegner Fenerbahce Istanbul (0:1), AS Rom (0:2) oder FC Porto (1:2) heißen – lauter Eine-Chance-ein-Tor-Mannschaften, die auf diesem Niveau über einen erheblichen Vorsprung an Dienstjahren verfügen und diese Betriebsroutine mit gewieftem und gerissenem Spiel sichtbar machen. Für den VfB ist dieser Europacup zu einer schönen, manchmal schön schmerzhaften Bildungsreise geworden – nächste Station am kommenden Donnerstag im Estádio do Dragão in Porto.