Esel-Trekking im Altmühltal: Entschleunigung erleben – Gesellschaft

Gemächlich unterwegs sein, darum wird es an diesem Nachmittag öfter gehen. Und wie passend das ist, wird schon auf der Fahrt klar. Wer nach Wolfertshofen im schönen Altmühltal möchte, hält sich nach Verlassen der A9 immer Richtung Osten. Es geht durch Senken und über Höhenrücken, vorbei an winterkahlen Obstwiesen und sehr kleinen Dörfern. Die Straße schlängelt sich sanft durch Wildenstein, danach aber bitte nicht nach Pestenrain abbiegen, sondern durch Predlfing fahren. Und dann, kurz vor dem Abzweig nach Ödenhaid, als man wirklich gespannt ist auf den nächsten Ortsnamen, führt ein schnurgerader Weg hügelaufwärts nach Wolfertshofen. Es besteht aus einer Handvoll Häuser, einer Kirche mit Miniatur-Zwiebelturm. Und einem Hof in ökologischer Holzbauweise mit sechs Eseln. Aber bei Regen und acht Grad, logisch, ist die Koppel leer. Nur der Mensch kommt auf die Idee, bei so einem Wetter draußen zu sein.

Ralph Baumann kommt gerade aus dem Stall, im Haus streift er die nassen Wanderschuhe ab und winkt auf dem Weg zum Esstisch ab. Esel-Teelichter im Flur, als Motive auf Magneten und Filzuntersetzern in der Küche, „es ist der Wahnsinn, was man alles geschenkt bekommt“. Der 58-Jährige, Betreiber einer kleinen Firma für Trekkingtouren namens Packesel, hat die Aufkleber auf dem feuerroten Fiat vor der Tür allerdings selbst angebracht: Der Name seines Betriebs, dazu je ein großer Tier-Sticker auf beiden Türen in Gelb, die Werbung dürfte ziemlich auffallend sein bei Fahrten über die Landstraßen zwischen Altmühl und Laber, wahrscheinlich ist allein der blitzblanke Cinquecento nicht alltäglich. Als Architekt ist er viel unterwegs, sein helles Büro hat er zweigeteilt mit einem Schreibtisch für das Planen von Häusern (es ist der größere) und einem für die Trekking-Organisation, der etwas schmaler wirkt. Ob das etwas über die Prioritäten verrate? Baumann, Motorradfahrer-Halstuch, kleiner Ohrring links, leicht verwehte Haare, sagt: „Im Hauptberuf bin ich Architekt.“ Ein Satz, der nicht richtig vollständig klingt, und man merkt ja auch nach ungefähr drei Minuten Gespräch: Sein Herz gehört den Eseln.

„Esel schauen sich alles erstmal in Ruhe an. Ich frage mich, warum wir Menschen das nicht können.“ Ralph Baumann mit Mario.
„Esel schauen sich alles erstmal in Ruhe an. Ich frage mich, warum wir Menschen das nicht können.“ Ralph Baumann mit Mario. (Foto: goeb)

Eine ungewöhnliche Vorliebe ist das nicht. Equus asinus asinus gehört zu den beliebtesten Tieren, nicht nur unter Kennern des Klassikers „Mein Esel Benjamin“ – und wer hätte sich als Kind nicht hoffnungslos verschaut in den staksigen, wolligen Helden dieser Geschichte einer unzertrennlichen Freundschaft. Esel sind hübsch anzusehen, das meist graue Fell, der Kontrast der hellen Schnauze, die langen Ohren, und man verbindet sie mit angenehmen Dingen wie Sommerferien in Mittelmeerländern. Sympathieträger, denen man in der Realität selten begegnet, das war bei Ralph Baumann nicht anders, auch wenn ihm bei Reisen nach Korsika oder Marokko hier und da ein Exemplar über den Weg lief.

Vroni, Fred und Benjamin, Mario, Luigi und Sina: Das Sextett lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen

Dann geriet er vor knapp 20 Jahren zufällig in eine Dokumentation auf Arte über einen Franzosen, der wochenlang durch die Natur wandert, über lange Strecken, in einsame Gegenden, aber eben nicht ganz allein. Sondern mit einem Esel, der Gefährte und Helfer ist, er trägt das Gepäck, den Proviant, Zelt und Schlafsack. „Das war wie eine Initialzündung für mich“, sagt Baumann. Er war damals schon selbständig, jeden Tag Stunden vor dem Computer, Entwürfe, Anträge, Behördengänge. Die Landschaft seiner Heimatregion, die Flusstäler und typischen Formationen aus Kalkstein in Ostbayern, hat er nur vom Schreibtisch aus gesehen oder durch das Autofenster. Ein hartes Los für einen begeisterten Wanderer, auch wenn die Vernunft für den Fulltime-Job sprach. „Und mir wurde damals auch etwas anderes klar: Dass ich in meinem Leben unbedingt noch mit Tieren arbeiten möchte.“

Er las sich ein, in Standardwerke wie Marisa Hafners „Esel halten“, machte Kurse, tauschte sich mit Eselbesitzern von Süddeutschland bis Schleswig-Holstein aus. Und schaffte die ersten Tiere an. Heute gehören zu dem Haus mit weitem Blick über Anhöhen und Wälder, in dem Baumann mit seiner Frau lebt und das er natürlich selbst entworfen hat, sechs Mitbewohner in einem geräumigen Anbau: Vroni, Fred und Benjamin, Mario, Luigi und Sina. Zwischen 14 und 35 Jahre alt, das Fell mal schokoladenbraun, mal Richtung Beige tendierend. Ihre Vorfahren sind nubische und somalische Wildesel. Die Gegend um Wolfertshofen könnten sie alle im Schlaf durchstreifen, so oft sind sie hier draußen unterwegs.

Dass ihm das Sextett ein zweites berufliches Standbein ermöglicht, die Trekkingtouren für naturverbundene Kunden, einen Nachmittag oder ein Wochenende lang, an Sommertagen, im Novembernebel oder zum Frühlingsanfang, ist das eine. Für Baumann und seine Frau sind sie aber vor allem Haustiere, deren Wesen und Gelassenheit sie schätzen.

Baumann setzt zu einer richtigen Liebeserklärung an, während er die Stalltür öffnet. „Esel sind unglaublich freundlich“, sagt er. „Sie sind schlau, gehen offen auf Menschen zu. Und sie sind nicht stur, sondern eigenständig.“ Es geht vorbei an dem Stapel mit den maßgefertigten Rückenauflagen aus Kiefernholz, die während der Wanderungen mit dem Gepäck beladen werden, das nie zu schwer sein darf, da ist er streng. Und was in puncto Charakter am wichtigsten ist: „Esel sind immer gemütlich unterwegs. Keine Hektik, von ihnen geht eine tiefe Ruhe aus.“ Man merke das, sobald man den Stall betrete. „Sie stehen einfach da und schauen sich alles um sie herum unaufgeregt an. Ich frage mich, warum wir Menschen das nicht können.“

Die langen Ohren werden je nach Geräuschkulisse justiert: Sina und Vroni im Stall in Wolfertshofen.
Die langen Ohren werden je nach Geräuschkulisse justiert: Sina und Vroni im Stall in Wolfertshofen. (Foto: Hanna Dornheim)

Und genauso ist es. Fremder Besuch also, dazu eine offene Tür nach draußen, kalter Wind pfeift herein, irgendwo klappert ein Scharnier. Aber die Clique von Luigi bis Sina steht beieinander, freundlich interessiert, wache Blicke, ein kaum merkliches Justieren der Ohren. Und erst mal abwarten. Beschnuppert wird der Gast schließlich so dezent, dass man nicht anders kann, als es höflich zu nennen. Und das, was Baumann im Scherz Marios Eselyoga nennt, Anheben und Ausstrecken des Vorderlaufs, scheint in Zeitlupe zu passieren. Kein Wunder, dass bei gestressten Abteilungsleitern oder erschöpften Eltern schon erste Anzeichen von Tiefenentspannung einsetzen, noch bevor sie den Hof für eine gebuchte Wanderung überhaupt verlassen.

Der Hausesel wird, wie der Name sagt, als Haustier weltweit gehalten. Charakteristisch sind die langen Ohren, eine sogenannte Stehmähne und ein Schwanz mit kleiner Quaste. Esel werden bis zu 40 Jahre alt. Sie gehören zur Familie der Pferde, beide Tiere werden wegen der äußerlichen Ähnlichkeit oft miteinander verglichen. Equus asinus asinus ist nicht nur kleiner, es gibt auch deutliche Unterschiede im Wesen. Pferde ergreifen in bedrohlichen Situationen die Flucht, Esel harren aus, was als Sturheit interpretiert wird. Wahrscheinlicher ist, dass das Verhalten mit ihrem ursprünglichen Lebensraum zu tun hat: Gebirge und unwegsam steiniges Gelände, wo abruptes Weglaufen gefährlich ist. In Religion und Literatur ist der Esel weitverbreitet, etwa als Zeuge der Geburt Christi im Stall von Bethlehem oder als Mitglied der Bremer Stadtmusikanten. Vom Esel stammt der bekannteste Satz des Märchens: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Während der Tour geht es für die Teilnehmer darum, ihren Esel an der Führleine zu begleiten und mit kurzen Impulsen so zu dirigieren, dass er schön auf der Straße, dem Weg oder schmalen Pfad bleibt, anstatt allzu willkommene Grasfresspausen einzulegen. Wie hoch oder besser gesagt wie gemächlich die Geschwindigkeit ist, bestimmt der Esel. Ziehen, schieben, drücken, „das geht natürlich gar nicht. Auf keinen Fall mit meinen Eseln“, sagt Baumann. Für ihn gilt die Regel: Der Gast bestimmt die Richtung. Der Esel das Tempo. Von Entschleunigung werde zwar gern geredet – doch für viele sei genau das eine Herausforderung in Zeiten, in denen wir es gewohnt sind, alles schnell, effizient und nach den eigenen Vorstellungen zu regeln. Aber wenn ein Rinnsal oder ein quer liegender Ast die Esel beunruhigt und sie nicht weiterwollen, wird eben die Route geändert. Es gehe nicht darum, ob die Menschen verstehen, warum ein Hindernis unpassierbar ist. „Es geht darum, beim Esel zu sein und seinen Rhythmus zu akzeptieren.“

Eines sollte man nicht versuchen: Einen Esel zu überzeugen, auf einem Weg zu gehen, den er nicht mag

Klingt sehr geläutert und nach innerer Mitte, aber auch Ralph Baumann hat das nicht von Anfang an so stoisch betrachten können. Im Übrigen sei es entscheidend, dass die Esel ihn als Leittier anerkennen und auf ihn hören. Aber sich anzupassen an die Art, wie sie die Welt sehen, wie sie lieber längere Wege gehen und dafür sicher ans Ziel kommen, fiel ihm nicht immer leicht.

Er erinnert sich an ein Erlebnis mit Fred in den ersten Monaten, auf einem Spaziergang war ein simpler Feldweg unterbrochen von einem kurzen Stück Asphalt, dunkel und nass. Keine Chance, den Weg fortzusetzen. Er habe es ein Stück weiter rechts von der finsteren, aber völlig harmlosen Stelle versucht, ein Stück weiter links, dem Esel gut zugeredet. Nichts zu machen. In dessen Augen habe die Unregelmäßigkeit am Boden wohl wie ein bedrohliches Loch ausgesehen. Und da sei es nur schlau, für ein bisschen Zeitgewinn keine gebrochenen Knochen zu riskieren. „Nach einer halben Stunde sind wir umgekehrt, statt ein Kilometer waren es drei Kilometer bis nach Hause. Es hat in Strömen geregnet. Das war meine erste Lektion.“

Wobei es manchmal natürlich auch sehr klug sein kann, sich in erster Linie warm zu halten. Zum Verabschieden kommen Baumanns sechs Esel durchaus nicht aus dem Stall auf die Koppel in den Februarwind getrabt. In aller Besonnenheit bleiben sie, wo sie sind, im Trockenen.