ESC-Vorentscheid: Favoritin Sarah Engels vertritt Deutschland in Wien

Nicht einmal zwei Monate, dann ist schon wieder Eurovision Song Contest (ESC). Das sind gerade einmal acht Wochen, und das heißt auch, 42 Wochen sind schon wieder weitgehend ungenutzt verstrichen. Erst seit Samstagabend steht fest, wer für Deutschland nach Wien zum diesjährigen Finale fährt. Jetzt gilt es, auf die Schnelle drei unvergessliche Minuten zusammenzubasteln, um gegen die Konkurrenz bestehen zu können. Das ist kaum zu schaffen, wie die deutschen Beiträge in den vergangenen Jahren bewiesen haben. Doch bleiben wir optimistisch.

Dass es am Ende Sarah Engels treffen würde, kam nicht unbedingt überraschend. Seit 2011 kennt man sie, seit ihrer Teilnahme an „Deutschland sucht den Superstar“. Die anderen acht Vorentscheidkandidaten waren hingegen bis vor Kurzem noch weitgehend unbekannt. Die Dreiunddreißigjährige hatte als Einzige auch eine ESC-taugliche Choreographie mit auf die Bühne gebracht. Allerdings eine, die in Wien kläglich untergehen dürfte.

Wie ein Abklatsch des Auftritts von Eleni Foureira

Denn sie wirkt wie ein Abklatsch des Auftritts von Eleni Foureira, die 2018 für Zypern am ESC teilnahm und auf den zweiten Platz kam. Die albanisch-griechische Sängerin hatte, was Engels fehlt, nämlich das, was beide besingen: Feuer. Das Lied damals hieß „Fuego“, Deutschlands Lied für Wien heißt nun „Fire“.

Wirkte stimmlich unsicher: Wavvyboi aus Liechtenstein kam am Ende mit „Black Glitter“ auf den zweiten Platz.
Wirkte stimmlich unsicher: Wavvyboi aus Liechtenstein kam am Ende mit „Black Glitter“ auf den zweiten Platz.dpa

Der ebenfalls im Vorfeld hoch gehandelte Wavvyboi aus Liechtenstein, der 27 Jahre alte Simon Vogt, kam mit seiner Glamrock-Nummer „Black Glitter“ ebenfalls ins kleine Superfinale der letzten drei, war stimmlich aber zu unsicher.

Ganz anders Molly Sue, die erst vor gut zwei Wochen und damit als Letzte unter allen Teilnehmern ihre Power-Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“ veröffentlicht hatte. Großartige Stimme, großartiger Auftritt für einen Vorentscheid. Sie wäre für eine Überraschung in Wien gut gewesen, kam am Ende aber mit knapp 28 Prozent der Zuschauerstimmen hinter Wavvyboi (34 Prozent) und Sarah Engels (gut 38 Prozent) nur auf Platz drei.

Zum dritten Mal in Folge nach einem „Brennpunkt“

Es war kein unbeschwerter Abend. Kurz bevor die drei Finalisten um 22.45 Uhr bekanntgegeben wurden, lief die Eilmeldung durchs Bild, dass Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei wohl tot ist.  Zum dritten Mal in Folge schon fing der deutsche Vorentscheid verspätet an, weil ein „Brennpunkt“ nach der Tagesschau gesendet wurde.

Vor zwei Jahren kam der Gifttod von Alexej Nawalny dazwischen, im vergangenen Jahr das entwürdigende Schauspiel im Weißen Haus, als der amerikanische Präsident den ukrainischen Präsidenten vor laufenden Kameras niedermachte. Auch das war 15 Extraminuten wert.

Der Südwestrundfunk (SWR), der nach 30 Jahren die Federführung vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) für den ESC übernommen hatte, hatte einiges richtig gemacht. Statt vier Sendungen, wie vergangenes Jahr, gab es eine große Samstagabendshow, deren 180 Minuten sich am Ende dennoch zu lang anfühlten.

Auf den „Bergdoktor“ Hans Sigl auf dem „hochkarätigen Sofa“ (das scheint so unvermeidlich wie Barbara Schöneberger als Moderatorin zu sein) hätte man gut verzichten können, auch auf die Einspieler zur ESC-Geschichte und der Garderobe der Schöneberger. Der hatte man wenigstens Hazel Brugger an die Seite gestellt, die aber leider auch zu oft ungewohnt unlustig war.

Wäre vielleicht für eine Überraschung gut gewesen: Die Drittplatzierte Molly Sue begeisterte mit ihrer Power-Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“.
Wäre vielleicht für eine Überraschung gut gewesen: Die Drittplatzierte Molly Sue begeisterte mit ihrer Power-Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“.dpa

Insgesamt aber spürte man eine neue Wertschätzung, die dem ESC im Ersten zuletzt nicht immer zuteilwurde. Auch die Entscheidung vom vergangenen Jahr, eine Jury einzubinden, ist gut und richtig. Im Finale am 16. Mai stimmt ebenfalls eine Jury ab. Allerdings gleichrangig mit dem Publikum.

Beim Vorentscheid im Studio Berlin in Berlin-Adlershof gab es gleich 20 Juroren aus 20 Teilnehmerländern, unter ihnen der Schweizer Luca Hänni, der 2019 beim ESC in Tel Aviv mit „She Got Me“ auf Platz vier kam, die Ukrainerin Ruslana, die 2004 in Istanbul mit „Wild Dances“ den ESC gewann, und der Litauer Vaidotas Valiukevičius, der 2021 beim ESC in Rotterdam mit seiner Band The Roop und „Discoteque“ den achten Platz erreichte.

Die Juroren sortierten vor, machten aus neun Kandidaten drei, was sicher auch kritisiert werden kann. Volkes Stimme wurden so vermeintliche Publikumslieblinge vorenthalten, etwa das Berliner Duo Ragazzki mit seiner schrägen Italo-Disco-Polska-Pop-Nummer „Ciao Ragazzki“.

So war das Publikum zwar Königsmacher, wie SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler zuvor gesagt hatte. Es kann sich am Ende aber trotzdem beschweren, da es eben nicht die volle Stimmgewalt hatte. Abgerechnet aber wird am Schluss. In gut zehn Wochen. Dann ist wieder ein ESC vorbei, und es bleiben dem SWR ganze 52 Wochen, sich auf den nächsten vorzubereiten.