An die Grüne Woche in Berlin vor zwei Jahren wird Klaus Josef Lutz keine guten Erinnerungen haben. Denn damals fand dort kurzfristig eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Baywa statt, am Ende war Lutz sein Amt als Chefaufseher los. „Das Ergebnis der Sitzung war, dass ich 16 Jahre Baywa mit einer sechzigsekündigen Erklärung beendet habe“, erzählte er vor eineinhalb Jahren. Nur ein halbes Jahr später, Mitte 2024, gab der Agrar- und Handelskonzern überraschend bekannt, dass er sich in einer existenziellen Krise befinde. Seitdem wird saniert, umgebaut und es werden die Schuldigen gesucht. Die Baywa kommt nicht aus der Krise.
Seit dem vergangenen Sommer ermittelt die Staatsanwaltschaft München I, in dieser Woche wurden die Privaträume von Beschuldigten durchsucht. Im Fokus unter anderem: Klaus Josef Lutz. Auch bei ihm waren die Staatsanwälte, es gehe mittlerweile um den Verdacht auf Untreue, teilte die Behörde Ende dieser Woche mit. Bislang hieß es, man ermittle wegen Falschdarstellung in der Bilanz 2023 gegen ehemalige Vorstände. Den Abschluss 2023 hatte Lutz aber gar nicht mehr unterschrieben, weil er da nicht mehr bei der Baywa war. Auch von möglicher Untreue war bislang keine Rede. Die Staatsanwälte weiten das Verfahren also deutlich aus.

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:Fall Baywa: Staatsanwälte durchsuchen Privaträume
Seit Monaten ermittelt die Staatsanwaltschaft München im Fall Baywa. Jetzt nimmt die Sache Fahrt auf: Es wurden Privaträume von Beschuldigten durchsucht.
Lutz, 67, war 15 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Baywa, dann wechselte er für kurze Zeit nahtlos an die Spitze des Aufsichtsrats. In seiner Amtszeit als Konzernchef von 2008 bis 2023 expandierte das einst genossenschaftliche Unternehmen massiv, am Ende erreichte der Umsatz die Höhe etwa des Dax-Konzerns Adidas. Lutz wollte aus der Baywa einen Weltkonzern machen, kaufte zum Beispiel eine Obsthandelsfirma in Neuseeland und eine Getreidehandelsfirma in den Niederlanden, er baute das Geschäft mit Solaranlagen und Windrädern auf. Der Umsatz wuchs massiv, die Schulden auch.
Lutz will nicht wieder als IHK-Präsident antreten
2023 wurde das 100-jährige Bestehen noch groß gefeiert. Von Mitte 2024 an ging es bergab, zeitweise war sogar eine Insolvenz möglich. Die Schulden waren plötzlich erdrückend hoch, einige Geschäfte liefen nicht mehr. Die beiden Großaktionäre, die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG (BRB) und die Raiffeisen Agrar Invest AG (RAI), mussten frisches Kapital aufbringen, Bereiche sollen verkauft und Jobs gestrichen werden. Lutz, der von 2002 bis 2008 Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags war, der die Süddeutsche Zeitung herausgibt, wies aber immer jede Schuld an dem Desaster bei der Baywa von sich. Am Freitag ließ er mitteilen, dass er mit den Behörden kooperiere und für ihn die Unschuldsvermutung gelte.
Der geborene Münchner ist eng in der CSU und der Politik vernetzt und galt bei manchen wegen seines Führungsstils auch als „Sonnenkönig“. „Ich habe einen emotionalen Führungsstil, und darauf bin ich stolz“, sagte er einmal über sich selbst, er habe sich in seiner Laufbahn eben nicht nur Freunde gemacht. Lutz ist in der bayerischen Wirtschaft immer noch eine große Nummer, fungierte er doch seit 2021 als Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) München und Oberbayern. Dort will er sich wegen der Ermittlungen nun vom Münchner Unternehmer Peter Inselkammer vertreten lassen. Dass er das Amt ruhen lässt, ist in den IHK-Statuten nicht vorgesehen. In diesem Jahr stehen Neuwahlen für die IHK-Präsidentschaft an. Lutz lege sein Amt nieder und wolle nicht wieder antreten, teilte die IHK mit.
Marcus Pöllinger, der Nachfolger von Lutz an der Konzernspitze, musste Anfang vergangenen Jahres gehen. Auch Frank Hiller, der Pöllinger ablöste, ist schon wieder weg. Er hatte seine Vorgänger öffentlich hart kritisiert und auf eine Aufklärung des Desasters gedrängt. Das passte offenbar nicht allen. Gleichzeitig ist die Justiz aktiv. Bei vielen ist die Geduld mit dem Krisenmanagement der Baywa jedenfalls am Ende. „Ich verlange Ruhe bei der Baywa und eine Konzentration auf die Lösung der Probleme“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Sicher ist: Auf der gerade laufenden Grünen Woche ist die Baywa erneut ein wichtiges Gesprächsthema.
