Éric Besnard verfilmt nur die Vorgeschichte von „Les Misérables“

Victor Hugos Monumentalwerk „Les Misérables“ beschäftigt das Kino seit Beginn der Filmgeschichte, es gab allein ein Dutzend Verfilmungen aus den Stummfilmtagen. Dennoch gelingt Regisseur Éric Besnard noch ein origineller Zugang. Er beschränkt sich auf den Anfang des berühmtesten Stoffes der französischen Literatur, kaum ein Zehntel des Textes. So unvorstellbar es klingen mag: „Les Misérables“ ohne Fantine und Cosette.

Jean Valjean (Grégory Gadebois) saß 19 Jahre ein, weil er ein Laib Brot für die hungrigen Kinder seiner Schwester geklaut – und ein paar Ausbruchsversuche unternommen hat. Er ist durch Gewalt und Zwangsarbeit gezeichnet, innerlich verroht und hat keinerlei Vertrauen mehr in die Menschen. Als Außenseiter kommt er in ein kleines Dorf, aber niemand will ihm Unterschlupf geben, nicht einmal gegen Geld.

Eine alte Frau schickt ihn im strömenden Regen zu Bischof Bienvenu Myriel (Bernard Campan), der mit seiner Schwester (Alexandra Lamy) und einer Haushälterin (Isabelle Carré) in einem bescheidenen Haus wohnt, nachdem er seinen Palast zum Krankenhaus umgewidmet hat. Myriel ist der Ausbund an Menschlichkeit und schlägt alle Warnungen seiner Haushälterin vor der Gefährlichkeit des ungebetenen Gastes in den Wind.

Der gütige Bischof Bienvenu Myriel (Bernard Campan). Foto: Happy Entertainment
Der gütige Bischof Bienvenu Myriel (Bernard Campan). Foto: Happy Entertainment
Der gütige Bischof Bienvenu Myriel (Bernard Campan). Foto: Happy Entertainment
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Bei aller Verknappung vertraut Éric Besnard nicht allein auf die Kraft von Hugos Sprache und seine großartigen Schauspieler. Immer wieder bricht er die kammerspielartige Atmosphäre auf, wenn er in opulent inszenierten Rückblenden die Schrecken des Straflagers ausstellt. Auch die sexuelle Bedrohung, die Valjean für die Frauen im Haus des Bischofs bedeutet, wird im Film leidlich ausgeschlachtet, auch wenn sie keine Entsprechung in der Romanvorlage hat.

Der Bischof verzeiht den Diebstahl 

Wie alle wissen, missbraucht Valjean die Güte des Gastgebers, stiehlt das Silberbesteck des Bischofs und wird von der Polizei aufgegriffen. Doch Myriels Glaube daran, dass Menschen sich zum Guten ändern können, bleibt unerschütterlich. Er verzeiht Valjean nicht nur, sondern beschenkt ihn zusätzlich unter der Prämisse, von nun an ein guter Mensch zu werden. Das gelingt Valjean zwar nicht auf Anhieb, doch meldet sich bald sein Gewissen zurück.

Es lohnt, den Film mit Untertiteln zu verfolgen, denn die volle Wirkkraft erzielt das Werk durch den mit viel Pathos auftrumpfenden Off-Erzähler.

Volker Isfort

R: Éric Besnard (F 99 Min.);