Fünf Siege in Serie? Ja, das kam schon mal vor in der Karriere von Markus Kauczinski, aber „ich habe aufgehört, das zu zählen“. Das sagt einer der erfahrensten Fußballtrainer der dritten Liga nicht aus Arroganz, sondern weil ihm solche Serien egal sind: „Ich hänge das einfach nicht so hoch.“
Beim TSV 1860 München ist es normalerweise so, dass aus jeder Mücke ein Löwe gemacht wird, der dann, je nach Gefühlslage, gar nicht oder sehr laut brüllt – ein konstantes Schnurren gibt es nie. Nun aber hat Kauczinski eben fünf Siege in Serie eingefahren, und es bleibt verhältnismäßig ruhig – obwohl der Verein es selbst in der Hand hat, in den kommenden Wochen wieder auf einen Aufstiegsrang zu klettern. Es stehen mehrere Duelle mit Spitzenmannschaften an, am späten Samstagnachmittag etwa mit SV Wehen Wiesbaden.

:1860 München kommt den Aufstiegsplätzen immer näher
Fünfter Sieg in Serie und nicht mal besonders gut gespielt: Der TSV 1860 München setzt seine Erfolgsserie in der 3. Liga durch das 1:0 bei Viktoria Köln fort.
Um zu sehen, was der 56-jährige Gelsenkirchener da gerade bewerkstelligt, ist es interessant zu betrachten, was die Sechzig-Trainer der vergangenen Jahre heute so machen: Michael Köllner steht seit einigen Wochen regelmäßig auf dem Dach eines Möbel-Lagerhauses in Linz, dort hat nämlich Blau-Weiß Linz sein neues Stadion und spielt gegen den Abstieg in der ersten österreichischen Liga. Maurizio Jacobacci spielt gegen den Abstieg aus der vierten Schweizer Liga (BSC Young Boys), und Argirios Giannikis übernahm kürzlich den 1860-Ligakonkurrenten 1. FC Saarbrücken – wo man den eigenen hohen Erwartungen hinterherhinkt und aktuell versucht, sich von den Abstiegsrängen fernzuhalten. Nicht bekannt ist, wo Patrick Glöckner, Kauczinskis unmittelbarer Vorgänger, in naher Zukunft unterkommen wird.
Es ist vier Jahre her, dass Sechzig vor einem 29. Spieltag so gut dastand wie jetzt. Auch weil seit Köllner kein Trainer mit den Ansprüchen klarkam, die bei 1860 München herrschen. In den vergangenen Jahren wurde die Mannschaft immer wieder verwaltet und den Erwartungen angepasst. Markus Kauczinski pfeift darauf. Im Oktober wurde er geholt, und er hat beschlossen: Wir müssen hässlicher spielen.
Man müsse nicht immer in Schönheit sterben, stellt Stürmer Kevin Volland fest
Vergangener Freitagabend, Schlussphase bei Viktoria Köln, Sechzig führt 1:0. Ein Zuschauer auf der Haupttribüne wendet sich lautstark an die schreibende Presse und weist mit starkem bayerischem Idiom darauf hin, man solle doch bitte schreiben, dass das ein „sch … Spiel ist“. Es ist tatsächlich über weite Strecken schwer mit anzusehen, was Sechzig da aufführt. Direkt auf das Tor des Gegners geht an diesem Abend ein einziger Schuss, von Kevin Volland nach einem Torwartfehler, doch das reicht für drei Punkte. Die Mannschaft ist vor allem damit beschäftigt, Unterzahlsituationen in der eigenen Hälfte zu vermeiden, und weil sie im Mittelfeld viele Ballverluste hat, erfordert das taktische Fouls und vor allem enorme Laufarbeit.
Der Siegtorschütze Volland ist nach ein, zwei schlechteren Spielen nach der Winterpause endgültig wieder zum Dreh- und Angelpunkt geworden, Kauczinski will ihn trotz Ermüdung am Ende einer englischen Woche bei einer 1:0-Führung einfach nicht vom Feld nehmen. Der 33-Jährige spricht später von „Nadelstichen“, die man gut gesetzt habe, davon, dass jeder die Fehler des anderen ausgebügelt habe. Und dass „man nicht in Schönheit sterben muss. Ein langer Ball auf Sigi“, den Angreifer Sigurd Haugen, erzeuge auch fast immer Gefahr. So sind die knappen Siege, auch wenn immer wieder mal ein wenig Glück dabei ist, tatsächlich kein Zufall mehr: 1860 arbeitet Fußball – der Trainer hat die Taktik an die Stärken der Spieler angepasst.

Es ist für Traditionsmannschaften oft eine Bürde, die kleine, graue Zweit- oder Drittligamäuse in dieser Form nicht haben: Es reicht nicht einfach ein Sieg. Die Mannschaft soll souverän spielen, soll an Heldentaten früherer Tage anknüpfen, derlei Ansprüche stecken in vielen Hinterköpfen auf der Tribüne. Oft schimpfen die Zuschauer bei Heimspielen. Doch Kauczinski ist in vielerlei Hinsicht altersweise, wenn es darum geht, einen Traditionsverein zu führen, er arbeitete lange beim Karlsruher SC und später unter anderem bei Dynamo Dresden. Er ist der erste Sechzig-Trainer seit langer Zeit, der den Ballast des Souverän-spielen-Müssens einfach aus dem Spielplan gestrichen hat.
Und er hat dabei sogar noch den Mut, die wirtschaftlichen Anforderungen des chronisch klammen Klubs zu erfüllen: Gegen Viktoria Köln spielte in Lasse Faßmann ein 19-jähriger Innenverteidiger erstmals von Beginn an. Solche Maßnahmen sind wichtig, um den Marktwert der Eigengewächse zu erhöhen und zugleich Geld aus dem DFB-Fördertopf einzustreichen, dessen Ausschüttung sich nach der Einsatzzeit deutscher U-23-Spieler bemisst – die zudem gerade erhöht wurde. Denn sollte es auch diesmal nicht klappen mit dem Aufstieg, muss man sich die dritte Liga auch weiter leisten können.
