Erdbeben: Die Frauen von Antakya

Antakya liegt im Staub. Er liegt auf den Straßen, klebt an den Blättern der Bäume, selbst den Straßenkatzen setzt er sich ins Fell. Der Staub hängt in der Luft, er brennt in den Augen, der Atem schmeckt danach. Kinder schreiben auf Motorhauben ihren Namen in den Dreck. Antakya ist grau geworden.

Am 6. Februar 2023 erschütterten zwei Erdbeben den Südosten der Türkei und den Norden Syriens. Mindestens 62.000 Menschen starben. Häuser wurden zu Ruinen, ganze Städte lagen in Trümmern. Die Stadt Antakya, zwischen Mittelmeer und syrischer Grenze, traf es besonders schwer. Schätzungen zufolge wurden dort neunzig Prozent aller Häuser zerstört, sind unbewohnbar. Auch drei Jahre später klaffen überall Lücken. Lastwagen und Bagger ziehen durch die Straßen, der Lärm dröhnt, Atmen fällt schwer.

Seit der Katastrophe liegt die Last vor allem auf den Schultern der Frauen. Untersuchungen aus der Erdbebenregion zeigen: Die Frauen verlieren schneller ihre Jobs, Unterstützung erreicht sie später, ihre Care‑Arbeit nimmt zu. Wer schon verletzlich war, ist es jetzt noch stärker.

Überall ist Staub. Foto: Stefanie Diemand
Überall ist Staub. Foto: Stefanie Diemand

Dieser Text begleitet drei Frauen durch den Staub von Antakya. Was fehlt ihnen, drei Jahre nach der Katastrophe?

Das Erdbeben

Um 4.17 Uhr kommt das erste Beben, mitten in der Nacht, Stärke 7,7. Neunzig Sekunden bebt die Erde. Es folgen Nachbeben. Kein Stein bleibt auf dem anderen.

Die Menschen suchen stundenlang nach ihren Angehörigen.

Um 13.24 Uhr: zweites Hauptbeben, Stärke 7,6.

Süheyla Kart: Die Wände fielen auf uns, eine nach der anderen. Wir wurden begraben. Mein Mann lag neben mir, sein Bein verletzt, er konnte nicht gehen. „Geh“, sagte er. „Lass mich hier.“ Ich konnte das nicht. Ich blieb. Wir beteten, während die Wände fielen.

Filiz Dudaklı: Ich sah den ersten Gebäudeblock zusammenstürzen. Die Menschen darin schrien. Sie schrien! Achtzehn Wohnungen, alle bewohnt. Ich fragte mich: Ist das der Tag des Jüngsten Gerichts?

Emel Duman: Es hat sich alles bewegt. Ich dachte: Das war’s. Das ist das Ende der Welt.

Die Container

Ihr Haus war wunderschön. So wunderschön, wiederholt Süheyla Kart. Und groß. Drei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Garten. Im Winter fror sie nie, im Sommer war es ihr nie zu heiß. Wenn sie putzte, wurden die Zimmer sauber.

Jetzt sitzt sie vor ihrem neuen Heim. Um sie herum stehen die Container, alles weiße Boxen mit jeweils zwei Fenstern, dicht aneinandergereiht. Manche Nachbarn haben vor ihre Haustüren Plastikstühle gestellt, andere Pflanzen in Kübeln. Dazwischen Müllsäcke, Kinderwagen, Wäscheleinen. Wenn Kart über ihren Container spricht, dann weint sie. Einmal hebt sie ihr schwarzes Kopftuch und tupft sich die Tränen ab.

Seit bald drei Jahren lebt Kart mit ihrem Mann und der ältesten Tochter im Containerdorf im Bezirk Defne. Zuhause nennt sie es noch immer nicht.

Vergangenes Jahr wohnten mehr als zweihunderttausend Menschen allein in der Provinz Hatay, zu der Antakya gehört, noch immer in Containern. Die Zahl ist umstritten. Viele glauben, es sind mehr. In Karts Containerdorf stehen 330 Container, ihrer trägt die Nummer 137.

Im November 2025: Auch drei Jahren nach dem Erdbeben gibt es immer noch zahlreiche Ruinen.
Im November 2025: Auch drei Jahren nach dem Erdbeben gibt es immer noch zahlreiche Ruinen.BRADLEY SECKER

Das Haus, in dem Kart früher wohnte, war gerade einmal zehn Jahre alt. Dann kam das Erdbeben und nahm es ihr. Die Ruinen wurden längst entfernt. Wo einst das Haus stand, ist jetzt nur noch offenes Feld. „Ich kann es nicht besuchen“, sagt sie. „Wenn ich es sehe, werde ich traurig.“

Aber traurig ist sie sowieso jeden Tag.

Wo sie jetzt lebt, ist es eng. Kein Schlafzimmer, kein Garten. Einundzwanzig Quadratmeter für drei Betten, eine kleine Küchenzeile, ein Bad, kein Esstisch. Drinnen stapeln sich Kartons, auf einem Bett liegen Pfannen, unter einem anderen Tüten, Schuhe, Wasserflaschen. „Schaut, wie wir hier leben“, sagt sie beinahe entschuldigend. Drei- bis viermal am Tag putzt sie, aber sauber wird es nicht. Wenn es regnet, können die Töchter sie nicht besuchen.

Gut schlafen kann sie schon lange nicht mehr. Es ist nie ruhig, die Nachbarn lärmen, selbst wenn sie versuchen, leise zu sein. Gerade bellt ein Hund.

Kart ist 66 Jahre alt. Würde sie es nicht so entschieden sagen, man hielte sie für älter – wie so viele hier, denen das Trauma des Erdbebens ins Gesicht geschrieben ist. Für die Zeitung will sie sich nicht fotografieren lassen.

Sie holt vier Plastiktüten voller Medikamente aus dem Container. Seit dem Erdbeben fühlt sich Kart unwohl, oft ist ihr schwindelig. Sie hat Bluthochdruck, die Cholesterinwerte sind zu hoch. Vorher war das nicht so. Psychologische Hilfe hat sie nicht, auch weil sie als arabischsprachige Alawitin kaum Türkisch spricht. Die Psychologen in den Camps können hingegen häufig kein Arabisch sprechen.

Kart muss sich um alle kümmern. Eine ihrer vier Töchter, sie ist 41 Jahre alt, ist taub. Sie verständigen sich mit Gebärden. Ihr Mann, 67, ist gehbehindert, arbeiten kann er schon lange nicht mehr.

Mit der Rente des Mannes hat die Familie 16.000 Lira im Monat, das sind rund 300 Euro. „Wir können uns nicht ernähren. Manchmal fehlt uns das Geld, um uns einen Laib Brot zu kaufen.“ Dann sagt Kart leise: „Alhamdulillah“, übersetzt „Dank sei Gott“. Keine ihrer Töchter ist bei dem Erdbeben gestorben.

Dann fällt sie wieder in sich zusammen. „Nichts hält mich mehr am Leben. Ich bin nur noch traurig“, sagt sie. Und: „Wir haben im Leben keinen Platz mehr.“

Die Lasten

Der Teekocher funktioniert nicht. Eine Mitarbeiterin von einer Nichtregierungsorganisation gießt sich Kaffee nach. An der Wand hängt ein Plakat, auf Türkisch: „Wie fühlst du dich?“

Nach dem Erdbeben stellte sie sich eine andere Frage: „Was brauchen wir, wenn alle Räume weg sind?“

Ihre Antwort ist dieses Gemeinschaftszentrum am Rand von Antakya. In einer Umgebung aus breiten Straßen, Containerdörfern und staubigen Flächen wirkt die neue Holzfassade wie ein Fremdkörper. Der Erdbebenverein, für den die Mitarbeiterin arbeitet, ließ es in wenigen Monaten bauen.

Hier treffen sich Nachbarschaft und Hilfsinitiativen – und die Werkstatt der Frauenkooperative. Sie kochen, weben, mischen Seife: Arbeit, die die Frauen oft zum ersten Mal tun. Und Geld, das sie zum ersten Mal verdienen. Viele von ihnen waren vor dem Erdbeben zu Hause, ohne eigenes Einkommen. Wer etwas Geld verdiente, tat es oft in unsicheren, kleinen Jobs. Nach dem Erdbeben waren selbst diese weg, sagt sie.

„Seit dem Erdbeben sind die Lasten der Frauen gestiegen. Sie kümmern sich um Kinder, um das Zuhause, sie kochen – oft in einem engen Container oder Zelt.“ Und: „Ungleichheit gab es in der Türkei schon immer. Das Beben hat sie noch verstärkt.“

Vor dem Erdbeben arbeitete sie für eine Nichtregierungsorganisation in der Stadt Adana. Nach dem Beben kehrte sie zurück. Sie wollte unbedingt, sagt sie. Das wollten viele. „Diese Stadt mag zerstört sein“, sagt sie. „Aber wir werden alles tun, um sie wieder aufzubauen.“

Das Zittern

Die Erde ist auch jetzt, zwei Jahre nach dem Beben, nicht still. Ein kurzes Zittern, Stärke 3,9, geht durch den Boden.

Ein Quartier mit vielen kleinen Läden und Restaurants wird plötzlich still. Arbeiter auf einem Grünstreifen legen die Werkzeuge hin. Die meisten Ladenbesitzer fahren nach Hause, manch einer lässt die Ladentür offen. Andere telefonieren, rufen Familie und Freunde an.

Eine Frau in einem Laden für Seidentücher bedient schnell die wenigen Kunden. Sie weint. „Ich habe niemanden mehr, der mich anruft“, sagt sie. „Alle sind im Erdbeben gestorben.“

Die Männer auf dem Grünstreifen nehmen ihre Arbeit wieder auf.

Die Familie

Kurz nach 9 Uhr. Ein Mann fragt: Gibt es schon Brot?

Dauert noch, sagt Filiz Dudaklı. Sie hätten gerade erst angefangen.

Dabei steht sie seit 5 Uhr in ihrer Bäckerei. Der steinerne Ofen raucht, ihre Augen tränen schon.

Dudaklıs Bäckerei ist ein Provisorium. Vorne ein Wellblechdach, ein Tisch, der Ofen unter freiem Himmel. Mehl überall. In einer Ecke liegt Holz unter einer Plane, daneben Müllsäcke, Bretter, Kanister. Neben dem Tisch steht ein Getränkekühlschrank, halb im Weg wie alles hier.

Im hinteren Teil, einem Container, lagert das Mehl, dort wird der Teig vorbereitet. Früher war die Bäckerei ein sauberer Laden – gefliest, alles ordentlich, sagt sie. Die Bodenplatten hier musste sie nun selbst verlegen.

Am Tisch stehen Frauen in Schürzen und Kopftüchern. Eine knetet den Teig, eine andere rollt ihn aus. Eine dritte nimmt ihn auf ein rundes Kissen und setzt ihn an die heiße Innenwand des Ofens. Brot, wie es hier seit Generationen gebacken wird. 50 Kilo Mehl verbrauchen die Frauen am Tag, sie backen 300 Brote.

„So etwas wie hier bekommst du nirgendwo sonst“, sagt die 51‑Jährige. Manchmal kommen sogar Leute aus Istanbul, um ihr „biberli ekmek“, ein typisches Brot mit Paprikapaste, zu kaufen. Die Schlange am Tresen wird länger.

Sie stehen wie immer zu viert im Laden, alles Frauen. Manche kennt Dudaklı seit der Grundschule. Zehn Jahre, zwanzig Jahre – wie Schwestern, sagt sie.

Arbeiten Frauen besser als Männer?

„Ein Mann könnte bei der Hitze nicht am Ofen stehen“, sagt sie.

Eine andere ruft von hinten: „Stellt euch einen Mann mit Bart am Ofen vor – der hat danach keinen mehr.“

Nur wenn Dudaklı über das Erdbeben spricht, schauen alle weg.

Als das Beben kam, war ihre Mutter vor einer Woche verstorben. Sie lasen ein Trauergebet. Dann kam das Beben. Der Vater starb kurz danach. Er habe all das nicht mehr ausgehalten, sagt Dudaklı.

Eine Mitarbeiterin sagt: „Die Aufgabe der Frauen ist größer als die der Männer. Schau mich an – ich habe vorher nie gearbeitet. Nun bin ich hier.“

An der Innenseite der Containertür hängt ein religiöser Wandkalender mit einem Zitat: „Meine Familie ist wie die Arche Noahs (Friede sei mit ihm). Wer an Bord geht, wird gerettet. Wer davonläuft, ertrinkt.“

Nach dem Beben ging ihre Familie nach Antalya, um dort in einem Hotel zu arbeiten. Dudaklı ging mit. Lange hielt sie es dort nicht aus. „Meine Psyche war so angegriffen, dass ich nicht einmal mehr mein Gözleme machen konnte.“ Das gefüllte Fladenbrot, gelingen ihr sonst mühelos.

Filiz Dudaklı (rechts) in ihrer Bäckerei
Filiz Dudaklı (rechts) in ihrer BäckereiStefanie Diemand

Also kam sie zurück. Ihr Sohn ist noch dort. Ihr Mann auch. Er ist schwer krebskrank, aber er muss arbeiten. Genau wie Dudaklı. Sonst reicht das Geld nicht. Manchmal habe sie das Gefühl, sie arbeite den ganzen Tag.

Sie muss, denn Dudaklı will wie so viele ihr zerstörtes Haus wieder aufbauen. Wirkliche Hilfe vom Staat gibt es aber erst, wenn das Haus schon steht. Wie soll das gehen, fragt sie kopfschüttelnd.

Ende März muss sie die Bäckerei schließen, der Vermieter will das Grundstück verkaufen. Was dann passiert, weiß sie nicht. Die Frauen werden ihren Job verlieren. Und sie?

Dudaklı erwidert nur: „Mütter stehen doch immer wieder auf. Oder etwa nicht?“

Der Präsident

Am zweiten Jahrestag des Bebens hält der türkische Staatspräsident eine Rede über die Erfolge und Pläne im Erdbebengebiet.

Recep Tayyip Erdoğan: In diesen schwierigen Tagen haben wir denen, die aus politischem Interesse fragten: Wo ist der Staat?, eine sehr deutliche Antwort gegeben: Der Staat ist hier, an der Seite seines Volkes. Wir haben gezeigt, dass der Staat da ist, indem wir unseren obdachlosen Müttern, Vätern und Kindern die Hand gereicht und den Bedürftigen geholfen haben.

Das Unternehmen

Von Erdoğan erhielt Emel Duman für ihr Unternehmen kürzlich die höchste kulturelle Auszeichnung, im prunkvollen Präsidentenpalast in Ankara schüttelte sie ihm die Hand. Ausgezeichnet wurde sie für die Rettung der Hatay Sarısı, einer goldgelben Seidenraupe aus der Region, die als ausgestorben galt. Duman, 59 Jahre, ist Seidenproduzentin.

Wir treffen sie einige Wochen vor dem Termin in Ankara. Sie sitzt in ihrer Werkstatt in Bozlu, fünfzehn Kilometer von Antakya entfernt. Hier liegt kaum Staub in der Luft. Überall Maulbeerbäume, Katzen, ein paar Hunde. Es ist ruhig. Ihr Mann, 70 Jahre, sitzt neben ihr. Er spricht. Sie korrigiert ihn. So geht das die ganze Zeit.

Emel Duman in ihrem Atelier
Emel Duman in ihrem AtelierStefanie Diemand

Bei einem sind sie sich einig. Duman sagt: „Sechs Monate. Vielleicht sieben. Dann könnte es mit dem Unternehmen vorbei sein.“

Schon immer arbeitet Duman in ihrem Betrieb mit Frauen, die nicht ihr Haus verlassen konnten. Weil der Mann es nicht erlaubte. Wegen der Kinder. Weil sie sich nicht trauten. Die Frauen webten Schals, Shirts oder Blusen für sie, das geht auch von zu Hause. Damit war sie erfolgreich. Ihr Mann zählt Preise auf, Patente, Kunden von überall. Während Duman sich um zwei Kundinnen kümmert, zeigt er das riesige Gelände, präsentiert Schals und Roben.

Nach dem Erdbeben war ihr Haus, zweistöckig und neu, eines der wenigen, die nicht einstürzten. Deshalb suchten viele Unterschlupf bei ihr. Hundert Menschen kamen, monatelang. Ihr Unternehmen wurde zur Notunterkunft. Den eigenen Schaden bemerkte sie erst später. Über zwei Millionen Lira, schätzt sie. Manche Webstühle liegen noch immer unter eingestürzten Häusern.

Viele Menschen sind inzwischen wieder in der Stadt. Duman besucht sie nur selten. „Wir wollen die Trümmer nicht sehen.“

Hier draußen, sagt sie, sei es wie Therapie. Die Bäume. Die Tiere. Sie sagt: „Ich fühle mich hier besser.“ Aber sie sagt auch: „Ich habe Angst.“

2025 war ein schlechtes Jahr. Die Abnehmer aus Deutschland kauften nicht mehr. Die aus Amerika auch nicht. Ihrem Unternehmen Appollon Defne Silk geht es schlecht. „Was, wenn ich die Löhne nicht zahlen kann?“

Nach dem Beben, sagt sie, sei die Last der Frauen gestiegen. „In der Türkei sieht es modern aus. Aber in Wirklichkeit führt die Frau den Haushalt. In Hatay ist dieser Anteil noch höher.“

„Die Frauen sind psychisch stärker geblieben. Vielleicht, weil sie keine Wahl hatten.“ Sie sagt: „Wir konnten uns nicht gehen lassen.“