

Im Erzbistum Paderborn gab es zwischen 1941 und 2022 sehr viel mehr Missbrauchsfälle als bisher bekannt. Die am Donnerstag vorgestellte Studie „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn“ nennt mindestens 210 mutmaßlich pädokriminelle Kleriker, die sich an mindestens 489 Opfern vergangen haben, die Zahlen sind etwa doppelt so hoch wie zuvor bekannt.
„Das Dunkelfeld liegt gleichwohl deutlich höher“, sagte Studienleiterin Nicole Priesching mit Blick auf die betrachteten Amtszeiten der beiden Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Die Zahlen seien vorsichtig zu betrachten, da durch die Studie eine Entwicklung in Gang gekommen sei. Immer mehr Betroffene meldeten sich. „Die Zahlen sind eine Momentaufnahme“, sagte Priesching, die an der Universität Paderborn einen Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Religionsgeschichte innehat.
In der Studie heißt es: „Über viele Taten haben Betroffene aufgrund von Schweigegeboten lange auch in ihrem Umfeld nicht gesprochen oder sich nicht an offizielle Stellen gewandt.“ Doch auch dann, wenn sie bei kirchlichen oder weltlichen Institutionen Unterstützung suchten, sei ihnen diese nicht gewährt worden. Weder bei Laien noch bei Priestern habe es Ansprechpersonen gegeben, sagte Priesching. „In vielen Fällen wurden die Vorwürfe totgeschwiegen.“ Es habe eine „Vertuschungsspirale“ existiert. Die beiden Erzbischöfe hätten die Täter mit größter Nachsicht behandelt und die Taten zu „Einzelfällen“ heruntergespielt.
Eine „Wagenburgmentalität“, die auch Laien umfasste
Weder unter Jaeger noch unter Degenhardt hätten Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen existiert. Therapeutische Angebote habe es nur für die beschuldigten Priester gegeben – und dies auch nur mit dem Ziel, sie selbst nach einer Verurteilung wieder im Kirchendienst einzusetzen.
Die „Wagenburgmentalität“ habe in jenen Jahrzehnten allerdings auch die Laien umfasst. „Es gab eine große Bereitschaft, die heile Welt der katholischen Kirche zu schützen.“ Dieses „fatale Bündnis“ habe seine Wirkung sowohl in progressiven als auch in konservativen Gemeinden entfalten können. Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz teilte mit, Jaeger und Degenhardt seien ihrer Leitungsverantwortung im Umgang mit sexuellem Missbrauch in keiner Weise gerecht geworden. Ähnliche Befunde aus Studien anderer Bistümer zeigten, dass es sich nicht nur um individuelles Fehlverhalten, sondern um strukturelle Probleme handle.
In Auftrag gegeben wurde die Studie vom bis 2022 amtierenden Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker. Das Erzbistum betont, dass es sich um eine unabhängige Untersuchung handelt. Das betonte auch Priesching am Donnerstag. Sie und ihre Ko-Autorin Christine Hartig hätten „uneingeschränkten Zugang zu den Akten“ gehabt. Voraussichtlich im kommenden Jahr wollen die beiden Forscherinnen auch eine Untersuchung der Amtszeit Beckers vorlegen.
Im Vorfeld der Präsentation waren schwere Vorwürfe gegen Erzbischof Degenhardt laut geworden: Er soll nicht nur Missbrauch vertuscht haben, sondern selbst Täter gewesen sein. In der neuen Studie gibt es dazu aber keine konkreten Hinweise. Priesching sagte, man habe keine neuen Erkenntnisse in dieser Sache. Laut dem Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, Reinhold Harnisch, liegt seinem Gremium seit Ende 2025 ein Vorwurf gegen Degenhardt vor.
