Kaum ein Tag vergeht im Vereinigten Königreich, ohne dass ein Mitglied des Königshauses einen offiziellen Termin für die Krone wahrnimmt. Und sei es nur ein Abstecher zur traditionsreichen Gilde der Korbmacher Londons. Bei ihnen schaute Anfang März die Herzogin von Gloucester vorbei, weitgehend unbemerkt. Birgitte, die Frau von einem Onkel zweiten Grades von König Charles III., springt immer wieder gerne ein, wenn sie gebraucht wird. Und die Neunundsiebzigjährige wird noch gebraucht, wie überhaupt die verbliebene Generation der Cousinen und Cousins von Königin Elisabeth II.
Selten aber tritt die erste Garde des Königshauses nahezu geschlossen auf. In der vergangenen Woche gab es einen solchen Pflichttermin, den ersten nach den neuesten Enthüllungen im Januar zur Causa Epstein und den veröffentlichten Verstrickungen des amerikanischen Sexualstraftäters mit vor allem dem Bruder des Königs, Andrew Mountbatten-Windsor.
Am Dienstag wurde der Tag des Commonwealth begangen, unter anderem mit einem Gottesdienst in der Westminster-Abtei. Es sollte Geschlossenheit demonstriert werden, und so kamen König und Königin, Thronfolger William mit seiner Frau Catherine, Prinzessin Anne mit Ehemann Sir Timothy Laurence sowie der Herzog und die Herzogin von Gloucester.
Edward und Sophie waren zu den Paralympischen Spielen entschuldigt
Entschuldigt waren der jüngste Bruder des Königs, Edward, und seine Frau Sophie. Das Herzogspaar von Edinburgh war auf offizieller Mission in Italien, beim paralympischen Team des Königreichs. Der Herzog von Kent, inzwischen 90 Jahre alt und gerade verwitwet, sowie seine ein Jahr jüngere Schwester, Prinzessin Alexandra, treten aus Altersgründen hingegen kaum noch in Erscheinung.

Der Kreis der Personen, auf die sich Charles und sein Sohn William noch verlassen können und wollen, ist weiter geschrumpft. Noch vor ein paar Wochen wäre es durchaus denkbar gewesen, dass auch die beiden Nichten von Charles, die Prinzessinnen Beatrice und Eugenie, zu einem so besonderen Tag gekommen wären. Die Töchter von Andrew galten lange als unbescholten. Der Skandal, in den erst der einstige Prinz und dann auch seine Frau Sarah hineingezogen wurden, betraf ihre Töchter zunächst nicht.
Schon zu Lebzeiten von Andrews Mutter Elisabeth galt der Sohn vielen hingegen als nicht mehr tragbar. Die Königin aber hielt lange die schützende Hand über ihn: Um ihrem Sohn einen Zivilprozess zu ersparen, zahlte sie offenbar einen erheblichen Betrag an die inzwischen verstorbene Virginia Giuffre, die Andrew Missbrauch vorgeworfen hat. Wenig später, im März 2022, ließ sich Elisabeth II. sogar von ihm noch zum Gedenkgottesdienst an ihren verstorbenen Mann Prinz Philip begleiten. Das sorgte für große Empörung. Der Versuch der Königin, Andrew wieder hoffähig zu machen, scheiterte.
Sarah soll bei Priscilla Presley „auf der Couch“ schlafen
Sarahs Schicksal wiederum ist eng mit dem ihres einstigen Ehemanns verknüpft. Sie fiel mit ihm und verlor über ihn auch ihre Bleibe auf dem Gelände von Schloss Windsor, wo sie an der Seite von Andrew und als Mutter von Beatrice und Eugenie geduldet wurde. Angeblich sucht die derzeit Obdachlose weiterhin nach einer Bleibe, zuletzt, so hieß es, habe sie bei ihrer langjährigen Freundin Priscilla Presley „auf der Couch“ in deren Villa in Los Angeles übernachtet.
Erst seit Januar ist bekannt, wie eng auch die frühere Herzogin von York sich an Epstein band, obwohl er schon für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen 2008 verurteilt worden war und dafür auch eine Haftstrafe absitzen musste. In E-Mails stellte sie sich nicht nur auf seine Seite, sie bat den Investmentbanker auch immer wieder um Rat und finanzielle Hilfe, und sie besuchte ihn Ende Juli 2009, nur eine Woche nach seiner Haftentlassung, in seinem Haus in Palm Beach. Die Flugtickets zahlte Epstein. Sarah kam allerdings nicht allein. Wie erst im Februar bekannt wurde, begleiteten sie ihre Töchter, die damals 21 Jahre alte Beatrice und die zwei Jahre jüngere Eugenie.

Sarahs selbst verschuldeter Abstieg wegen Epstein begann schon im vergangenen Jahr, nachdem unter anderem eine E-Mail von ihr an ihn aufgetaucht war, in der sie ihn noch im Jahr 2011 als ihren „besten Freund“ („supreme friend“) bezeichnete. Gleich sieben Organisationen kündigten daraufhin im September an, ihr die Schirmherrschaften zu entziehen. Das reichte von einem Kinderhospiz bis hin zur Britischen Herzstiftung, deren Botschafterin sie als einstiges Mitglied des Königshauses noch immer war.
Die Töchter mieden nach dem Vater Andrew auch die Mutter
Ihre Töchter zogen daraufhin die Reißleine und mieden nach dem Vater auch die Mutter, um nicht vom Epstein-Skandal eingeholt zu werden. Nun trifft es aber auch Eugenie. Die Fünfunddreißigjährige hat vor wenigen Tagen ihre erste Schirmherrschaft verloren, bei der Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International, die sich für Opfer von Kinderprostitution und Menschenhandel einsetzt.
„Nach sieben Jahren endet unsere Schirmherrschaft durch Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Eugenie von York“, heißt es in einer Stellungnahme der Organisation. „Wir danken der Prinzessin herzlich für ihre Unterstützung.“ Zugleich wurde der Lebenslauf von Eugenie von der Website der Hilfsorganisation entfernt. Unklar ist, inwieweit die Epstein-Enthüllungen damit zu tun haben, der zeitliche Zusammenhang legt dies jedoch nahe.
Eugenie war 2019 Schirmherrin der Organisation geworden, zwei Jahre nachdem sie selbst mit ihrer Freundin Julia de Boinville eine andere Organisation namens The Anti-Slavery Collective gegründet hatte. Dort laufen nach Medienberichten derzeit Untersuchungen der britischen Wohltätigkeitskommission, weil Eugenies Organisation im vergangenen Geschäftsjahr doppelt so viel für Gehälter wie für gemeinnützige Projekte ausgegeben haben soll.
Eugenie steht nach Vater und Schwester auf Platz zwölf der Thronfolge
Die Prinzessin, die nach ihrem Vater, ihrer Schwester Beatrice und deren beiden Töchtern auf Platz zwölf in der britischen Thronfolge steht, ist seit 2018 mit dem Unternehmer Jack Brooksbank verheiratet. Die beiden haben zwei Söhne im Alter von fünf und zwei Jahren. Eugenie arbeitet als Direktorin für die Londoner Kunstgalerie Hauser & Wirth. Eugenie und ihre Familie leben teilweise in Portugal.

Beatrice ist seit 2020 mit dem britisch-italienischen Immobilienunternehmer Edoardo Mapelli Mozzi verheiratet und hat im vergangenen Jahr zusammen mit Luis Alvarado Martinez das Beratungs- und Software-Unternehmen Purpose Economy Intelligence gegründet. Die Familie lebt in Cotswolds im Südwesten Englands. Auch sie ist weiterhin Schirmherrin einer Reihe von Organisationen.
Die Schwestern zählen nicht zum „arbeitenden“ Kreis der Königsfamilie. Allerdings wurde nach dem Rückzug von Prinz Harry und seiner Frau Meghan immer wieder spekuliert, dass sie in den inneren Zirkel aufsteigen könnten, auch weil der verbliebene Teil in Krisenzeiten, etwa als sich Charles und Catherine wegen ihrer Krebsdiagnosen zurückziehen mussten, die Flut an Terminen kaum bewältigen konnte.
Doch das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein: Eugenie und Beatrice sollen auch von den wenigen Terminen, die sie alljährlich an der Seite des Königs oder zuvor der Königin wahrgenommen haben, ausgeschlossen werden – etwa von den Pferderennen in Ascot. Dort dürfen sie in diesem Jahr weder an der Kutschenprozession der königlichen Familie teilnehmen noch in der königlichen Loge sitzen, heißt es. Offiziell bestätigt wurde das bisher vom Palast allerdings nicht.
Noch sind die beiden Prinzessinnen und Königliche Hoheiten
Glaubt man den Hofberichterstattern, dann mieden William und Catherine schon beim Weihnachtsgottesdienst auf dem königlichen Landgut Sandringham die Nähe zu den beiden, damit sie ja nicht auf Bildern mit Andrews Töchtern zu sehen waren. Noch sind die beiden Prinzessinnen und Königliche Hoheiten, anders als ihr Vater.
Und noch stehen sie in der Thronfolge, Beatrice könnte sogar Charles im Staatsrat vertreten, da sie zu den ersten vier Personen in der Thronfolgeliste gehört, die den Vorgaben (unter anderem ist sie älter als 21 Jahre) genügt, genauso wie Prinz Harry und Andrew Mountbatten-Windsor. Das wiederum treibt nicht wenige Königstreue im Königreich um, sie fordern ein Gesetz, das zumindest Harry und Andrew und eben neuerdings auch seine Töchter aus der Thronfolge streicht.
Die britische Regierung erwägt in Harrys und Andrews Fall den Schritt, heißt es. Das Parlament müsste dem aber zustimmen, genauso wie die 14 Commonwealth-Staaten, deren Staatsoberhaupt Charles ist, darunter Australien, Kanada und Neuseeland. Australien soll schon Zustimmung signalisiert haben.
