Epstein-Affäre beeinflusst Olympische Spiele in Los Angeles – Sport

Recht gut gelaunt betritt Kirsty Coventry am Sonntagnachmittag den Raum „Milo“ im Kongresszentrum von Mailand. Es hat dieser Tage überhaupt den Eindruck, als wolle die 42-Jährige aus Simbabwe sehr locker wirken vor ihren ersten Spielen als Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Dabei schleppt die Organisation einige große Baustellen mit sich herum, vom Umgang mit Russlands Athleten bis zu den Diskussionen über die Frage, wie künftig die Olympischen Spiele vergeben werden. Doch nun hat sie obendrein noch einen akuten Krisenherd zu managen: Denn pünktlich zum Beginn der Winterspiele von Mailand und Cortina hat die Affäre um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auch die olympische Welt erreicht.

In der neuen Dokumentensammlung, die das amerikanische Justizministerium am Wochenende veröffentlicht hat, tauchen auch Nachrichten des Unternehmers Casey Wasserman, 51, auf. Dieser ist nicht nur über die von ihm aufgebaute Marketingagentur traditionell eng vernetzt mit dem Sport, sondern vor allem seit der Vergabe der Sommerspiele 2028 nach Los Angeles vor elf Jahren auch der Chef des Organisationskomitees, das diese Veranstaltung vorbereitet. Und nun stellt sich heraus, dass er vor etwas mehr als 20 Jahren anzügliche und intime Mails mit Ghislaine Maxwell austauschte, der langjährigen Lebensgefährtin und Komplizin des 2019 gestorbenen Epstein. Sie wurde 2022 zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt.

Wasserman und das IOC versuchten am Wochenende, das Thema kleinzureden und schnell zu beenden. „Ich bedauere zutiefst meine Korrespondenz mit Ghislaine Maxwell, die vor über zwei Jahrzehnten stattfand, lange bevor ihre schrecklichen Verbrechen ans Licht kamen“, teilte Wasserman in einer Erklärung mit, aus der die Nachrichtenagentur AFP zitierte. Er habe 2002 als Teil einer Delegation der Clinton Foundation eine humanitäre Reise mit dem Flugzeug von Epstein unternommen, aber er habe „niemals eine persönliche oder geschäftliche Beziehung“ zu Epstein gehabt. Es tue ihm schrecklich leid, dass er mit den beiden in Verbindung gebracht werde. IOC-Präsidentin Coventry wiederum sagte am Sonntag dazu nur, man habe zu dem Thema nichts zu sagen. Man habe es bei der vorangegangenen Sitzung des IOC-Exekutivkomitees nicht diskutiert, und sie sei auch nicht in Kontakt mit Wasserman gewesen.

Es ist aber nicht davon auszugehen, dass das IOC das Thema so schnell zur Seite schieben kann wie von ihm erhofft. In Epsteins riesigem Netzwerk in der Welt der Reichen und Mächtigen gibt es diverse Anknüpfungspunkte zu Protagonisten aus dem Sport und dessen Funktionärskaste. Doch auf die Frage, ob man Schritte unternommen habe, um zu überprüfen, welchen Kontakt IOC-Mitglieder mit Epstein/Maxwell hatten, sagte sie nur: Man verfolge die Medienberichterstattung und prüfe das. Nach proaktivem Handeln klingt das nicht gerade.

Dass nun konkret Casey Wasserman als einer der ersten Vertreter der Sportwelt in den Strudel der Epstein-Affäre geraten ist, dürfte die Vorbereitungen auf die Los-Angeles-Spiele in zweieinhalb Jahren noch erheblich beeinflussen. Zugleich hat es fast schon eine gewisse Tradition, dass die Vorsitzenden der jeweiligen lokalen Organisationskomitees (OK) in Negativschlagzeilen geraten.

Zika? Covid? Wasserman? Irgendwas ist halt immer vor den Spielen, findet IOC-Präsidentin Coventry

So eröffnete die französische Staatsanwaltschaft vor den Sommerspielen von Paris 2024 ein Verfahren gegen den OK-Chef Tony Estanguet. Es ging um dessen Honorierung durch das Organisationskomitee, wobei der im Vorjahr ins IOC aufgenommene Estanguet stets beteuerte, sich korrekt verhalten zu haben. Yoshiro Mori musste als Chef von Tokio 2020 abdanken, weil er sich sexistisch geäußert hatte, und ein Jahr vor den Spielen in Pyeongchang 2018 gab es aufgrund der schleppenden Vorbereitung einen Wechsel an der Spitze des Gremiums. Der Olympiaboss von Rio de Janeiro 2016, Carlos Nuzman, wiederum flog als eine Schlüsselfigur in der Schmiergeldaffäre im Kampf um den Zuschlag für diese Spiele. Er landete im Gefängnis und wurde wegen Korruption und Geldwäsche zu 30 Jahren Haft verurteilt; inzwischen hob ein Berufungsgericht diese Sanktion auf, weil der erstinstanzlich urteilende Richter nicht zuständig gewesen sei.

Mit den größten Verschleiß beim Führungspersonal hatte das olympische Vorbereitungsgremium aber, als die Spiele das bisher letzte Mal in den USA stattfanden: vor den Winterspielen von Salt Lake City 2002. Da traten gleich drei prägende Figuren im Laufe der Zeit zurück: zwei davon, als 1999 aufflog, wie umfangreich die amerikanischen Werber Mitglieder des IOC bestochen hatten, um eine Mehrheit in der IOC-Session zu erreichen, und einer bereits vorher, weil gegen ihn der Vorwurf eines persönlichen Fehlverhaltens im privaten Bereich erhoben worden war. Je nach weiterem Verlauf der Epstein-Affäre ist nicht ausgeschlossen, dass es auch vor Los Angeles 2028 noch zu einem Wechsel auf dem Chefposten kommt.

Ob es nicht bedauerlich sei, dass vor den Spielen solche Geschichten wie die vom Los-Angeles-2028-Chef oder die über die Anwesenheit von Beamten der amerikanischen ICE-Behörde in Mailand die Agenda bestimmen würden, wird Coventry in der Pressekonferenz dann noch gefragt. Ach, antwortet die IOC-Chefin dann sinngemäß, alles, was von den Spielen ablenke, sei traurig. Aber sie habe gelernt, dass vor den Spielen immer irgendetwas sei, mal Zika, mal Covid – wichtig sei es doch, dass es dann mit den Wettkämpfen losgehe.