Real Madrid trainieren kann jeder. Der Club hat so viele gute Fußballer, die gewinnen die Spiele mehr oder weniger alleine. Falls das jemand denken sollte, der lasse sich sagen: Das ist höchstens die halbe Wahrheit, vielleicht nicht mal.
Real hat tolle Spieler, es ist der Traum von Lennart Karl und sehr vielen anderen. Doch genau das macht den Trainerjob in Madrid zu einem der schwierigsten im Fußball überhaupt. Diesen Raubtierkäfig zu zähmen, ist die ultimative Aufgabe, an der man schnell scheitern kann. Daraus eine Einheit zu formen, die organisiert Fußball spielt, ist ein Kunststück.
Erfahrung mit dieser königlichen Extravaganz hat gerade Xabi Alonso gemacht. Um ihn hatte Real Madrid lange geworben. Der Baske, früher selbst fünf Jahre lang im weißen Trikot, gewann vor zwei Jahren mit Bayer Leverkusen das Double. Er unterbrach die elfjährige Alleinherrschaft der Bayern – mit Spielern, die fast ausnahmslos noch nie einen Titel geholt hatten. Dieses Wunder hat den Weltstar Alonso noch begehrter gemacht.
Doch nach nur sieben Monaten hat Real Alonso gefeuert. Dabei waren die Ergebnisse gar nicht schlecht. Nach einem starken Saisonstart folgte ein schwieriger Herbst, in der heimischen Liga wurden aus fünf Punkten Vorsprung vier Punkte Rückstand. In der Champions League verlor Real chancenlos beim kriselnden FC Liverpool und zu Hause gegen Man City.
Der Kader ist unausgewogen
Zuletzt schien sich Alonsos Mannschaft allerdings wieder zu fangen. Sie siegte in der Liga dreimal hintereinander. Alle Saisonziele sind noch erreichbar. Daher ist die fehlende Geduld von Florentino Pérez, dem Real-Boss, schwer zu verstehen.
Der Anlass der Entlassung scheint geradezu nichtig. Am Sonntag ging Real gegen Barcelona als Verlierer vom Platz. Das Supercup-Finale, das in Saudi-Arabien stattfand, hätte anders ausgehen können. Der Siegtreffer zum 3:2 landete abgefälscht im Tor. In der Nachspielzeit vergab Álvaro Carreras eine riesige Chance zum Ausgleich auf eine kümmerliche Art, die man selbst einem Spieler aus Heidenheim vorgehalten hätte.
Überhaupt scheint Pérez zu übersehen, dass er zwar viele teure Stars gekauft hat. Dass sich jedoch die Mannschaft nach der großen Epoche 2014 bis 2024 mit sechs Champions-League-Titeln in einer Übergangsphase befindet. Der Kader ist unausgewogen. Die meisten Verteidiger sind aus dem besten Alter raus und haben eine lange Verletzungsgeschichte. Das Mittelfeld tut sich schwer, den Ball zu halten, Jude Bellingham besonders. Es fehlen Strategen, wie Alonso früher einer war.
Dass er in Madrid scheitert, sagt nichts über seine Fähigkeiten
Und im Angriff regiert die Egomanie. Kylian Mbappé trifft und trifft, verteidigt aber selten mit. Insbesondere Vinícius Júnior neigt zum Diventum. Als der Brasilianer im Oktober im Clásico gegen Barcelona ausgewechselt wurde, zeigte er Alonso mit einer langen Tirade und ausbleibendem Handschlag, dass er das nicht akzeptieren kann. Als er sich später entschuldigte, tat er das bei allen außer beim Trainer.
Der mindestens genauso eitle Pérez ließ Alonso im Konflikt mit Vinícius alleine, stellte sich auf die Seite des Spielers, obwohl Real das Spitzenspiel gegen Barcelona 2:1 in überzeugender Manier gewann. Typisch Real. Selbst im Moment des Erfolgs gilt der Trainer, wenn’s drauf ankommt, nichts. Wie dumm!
Als nicht klug erweist sich ebenfalls Alonsos Entscheidung. Bislang hatte er seine Karriere gut geplant. Nach vier Jahren Arbeit mit Nachwuchsteams wechselte er zu Bayer Leverkusen, einem Verein, der die Jahre zuvor unter seinen Möglichkeiten geblieben war und bei dem die Erwartungen nicht sehr hoch sind. Im Vergleich mit Real ist Leverkusen die reinste Welpenschule, sicher hätte ihm ein Zwischenschritt gutgetan.
In Leverkusen war er national erfolgreich. In drei wichtigen internationalen Duellen ging er aber dreimal unter: 0:3 gegen Atalanta Bergamo im Europa-League-Finale, 0:4 in Liverpool sowie 0:5 (in zwei Spielen) gegen den FC Bayern jeweils in der Champions League. Die internationale Klasse hat er als Trainer noch nicht nachgewiesen. Die Station Real kam für ihn zu früh. Sorgen muss er sich keine machen, um ihn werden sich Vereine reißen. Dass er in Madrid scheiterte, sagt so gut wie nichts über die Fähigkeiten des Trainers Xabi Alonso aus. Dafür sehr viel über Real.
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