Energiekrieg in Nahost„Der Wiederaufbau am Golf ist keine Frage von Monaten – wir reden über Jahre“
10.04.2026, 16:29 Uhr
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Die aktuelle Bilanz der Eskalation am Persischen Golf: 85 Prozent der iranischen Petrochemieproduktion sind vor allem durch US-israelische Angriffe zerstört, der wichtigste Ölterminal des Landes ist außer Betrieb. Auch in den Golfstaaten kommt es zu massiven Schäden an der Energieinfrastruktur, die wiederum auf iranische Angriffe zurückgehen. Am LNG-Komplex Ras Laffan in Katar ist Berichten zufolge rund ein Fünftel der Kapazität ausgefallen. Der Konflikt im Persischen Golf trifft damit zentrale Knotenpunkte der globalen Energieversorgung und hat sich zu einer Eskalationsspirale entwickelt, in der der Iran und regionale Gegner mit Angriffen auf Energieinfrastruktur reagieren und die Lage weiter destabilisieren. Warum sich die Lage nicht so schnell entspannen wird und welche Folgen das hat, erklärt der Experte für die arabischen Golfstaaten Sebastian Sons vom Forschungsinstitut CARPO -Center for Applied Research in Partnership with the Orient in Bonn.
ntv.de: Ist der Persische Golf nach diesem Krieg noch das Energiezentrum der Welt – oder nur noch ein Trümmerfeld?
Sebastian Sons: Die vorliegenden Informationen zeichnen ein sehr unterschiedliches Bild der Lage im Iran und am Golf. Den Berichten zufolge wurde die zentrale Energieinfrastruktur des Iran vor allem durch US-israelische Angriffe schwer getroffen. Dies dürfte die Produktion nachhaltig beeinträchtigen und ist vor allem für asiatische Abnehmer wie China von Bedeutung. Gleichzeitig berichten die arabischen Golfstaaten über massive Schäden an ihrer Energieinfrastruktur durch iranische Gegenangriffe. Besonders stark betroffen sind Kuwait und Katar. In Katar wurden zentrale Gasproduktionsanlagen beschädigt, sodass die LNG-Produktion de facto zum Erliegen gekommen ist. Kuwait hat signifikante Schäden an Ölraffinerien gemeldet. Durch die Blockade der Straße von Hormus sind die Ölexporte vollständig zum Erliegen gekommen. Kuwait trifft es besonders stark, da es eines der am wenigsten diversifizierten Länder der Region ist. Mit 60 Prozent der Wirtschaftsleistung ist das Land extrem abhängig von Öl. Diese Ausfälle können nur schlecht abgefedert werden.
Warum trifft es Katar und Kuwait so hart?
Weil sie strukturell verwundbar sind. Katar, Kuwait und Bahrain haben keine Alternativrouten. Sie sind vollständig auf die Straße von Hormus angewiesen. Fällt sie aus, sind sie abgeschnitten. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien sind besser aufgestellt: Die VAE können einen Teil ihres Öls über eine Pipeline nach Fujairah außerhalb des Golfs exportieren und Saudi-Arabien nutzt die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer nach Yanbu. Das verschafft ihnen zumindest kurzfristig Vorteile.
Wie viel Öl und Gas werden derzeit überhaupt noch in der Region produziert?
Die Datenlage ist sehr dünn. Saudi-Arabien produziert weiterhin, wenn auch begrenzt durch Transportkapazitäten. Andere Länder am Golf sind deutlich stärker eingeschränkt. Bei Katar ist unklar, ob überhaupt noch produziert wird oder ob Produktion mangels Transportmöglichkeiten gestoppt wurde. Aber selbst wenn produziert wird: Ohne sichere Exportwege ist das ökonomisch weitgehend irrelevant.
Die Unpassierbarkeit der Straße von Hormus steht sehr stark im Fokus. Greift das nicht zu kurz angesichts der Zerstörungen der Energieinfrastruktur und der Herausforderungen, die ein Wiederaufbau mit sich bringen?
Die Blockade ist nur ein Teil des Problems. Das ist richtig. Man muss Produktion und Transport zusammen betrachten. Die Blockade hat massive Auswirkungen auf Lieferketten, die Inflation und auf die Stromversorgung einzelner Länder. Ägypten musste wegen der angespannten Energielage die Stromversorgung reduzieren. Es geht schließlich auch nicht nur um Öl und Gas, sondern auch um Folgeprodukte wie Düngemittel oder petrochemische Erzeugnisse. Richtig ist aber auch, dass selbst eine schnelle Wiedereröffnung der Straße von Hormus – was prinzipiell innerhalb weniger Stunden möglich ist – nur wenig hilft, wenn die Infrastruktur über Jahre zerstört ist und die Produktion nicht funktioniert. Langfristig sind die Zerstörungen sicherlich die größere Herausforderung für die Staaten, da sie schwieriger zu beheben sind. Beides zusammen summiert sich zu der echten Energiekrise, die wir jetzt erleben.
Ausschlaggebend wird dabei die Dauer des Wiederaufbaus sein. Gibt es dazu Prognosen?
Das ist schwer zu sagen, auch weil viele Staaten kaum Informationen preisgeben. Wir wissen jedoch beispielsweise aus Katar, dass die Reparaturen an großen Gasanlagen bis zu fünf Jahre dauern könnten. Das zeigt die Dimension. Selbst ein wohlhabendes Land wie Katar kann solche Schäden also nicht einfach in ein paar Monaten beheben, da es sich um hochspezialisierte Infrastruktur handelt.
Wo liegt der Flaschenhals?
Es liegt weder am Geld noch am Know-how – beides ist am Golf grundsätzlich vorhanden. Die Engpässe sind die Lieferketten und Materialien. Man braucht spezialisierte Komponenten, Maschinen und chemische Produkte sowie internationale Zulieferer. Der Iran unterliegt jedoch immer noch Sanktionen. Dann braucht man funktionierende Handelswege und Vertrauen. Genau daran fehlt es derzeit. Und das ist ein großes Problem. Denn davon ist nicht nur die Energiebranche betroffen, sondern das gesamte Geschäftsmodell der Region.
Inwiefern das Geschäftsmodell insgesamt?
Die Energiewirtschaft ist das Aushängeschild der Region. Die Golfstaaten haben jedoch in den vergangenen Jahren ihre Einnahmequellen stark diversifiziert – jetzt gibt es dort Tourismus, Finanzen und Technologie. All das basiert auf Stabilität und Vertrauen. Wenn Investoren fürchten müssen, dass jederzeit wieder ein Krieg ausbrechen könnte, hat das enorme Auswirkungen. Es geht also nicht mehr nur um Öl und Gas, sondern darum, ob der Golf weiterhin als verlässlicher Wirtschaftsstandort wahrgenommen wird. Konkret geht es um Geld und darum, welche Prioritäten die Golfstaaten künftig in Bezug auf ihre künftige wirtschaftliche Entwicklung setzen wollen. Sicher ist: Je mehr Geld zur Verfügung steht, je freier die Lieferketten sind und je mehr Material zur Verfügung steht, desto schneller wird sich der Golf erholen.
Kann der Krieg noch weiter eskalieren? Gibt es strategische Infrastruktur, die noch angegriffen werden kann?
Ein weiteres Eskalationspotenzial besteht etwa in Angriffen auf zivile Infrastruktur wie Kraftwerke oder Entsalzungsanlagen. Hinzu kommt, dass der Iran bereits im Verlauf der Eskalation mit Angriffen auf Energieinfrastruktur in den Golfstaaten reagiert hat, wodurch sich der Konflikt zunehmend gegenseitig hochschaukelt. Entscheidend ist jedoch: Sollten weitere Ziele im Iran angegriffen werden, könnte das Regime dies nutzen, um sich als David gegen Goliath zu präsentieren. Es befindet sich in einer Art Überlebensmodus und gewinnt durch die Kontrolle über die Straße von Hormus sogar an strategischem Gewicht. Das macht eine schnelle politische Lösung unwahrscheinlich. Ein weiteres Eskalationsszenario wäre eine Ausweitung des Konflikts auf das Rote Meer. Wenn wichtige Seewege wie Bab al-Mandab betroffen wären, könnten Saudi-Arabien und andere Staaten ihr Öl nicht mehr wie gewohnt exportieren. Auch der Suezkanal wäre dann massiv beeinträchtigt. Es käme zu einer doppelten Blockade zentraler Handelsrouten. Dass ein solches Szenario möglich ist, haben die Angriffe der Huthi in der Vergangenheit bereits gezeigt. In einer solchen Konstellation würde sich die Krise deutlich über die Region hinaus ausweiten und könnte zu einem regelrechten Supergau für die Weltwirtschaft werden.
Stehen wir vor einem neuen „Ölpreisschock-Moment“ wie 1973?
Ein Vergleich ist zwar schwierig, aber die Abhängigkeiten sind wieder einmal offensichtlich. Europa ist Teil einer globalisierten Wirtschaft, und diese Vernetzung lässt sich nicht einfach zurückdrehen. Die Lehre daraus ist, dass wir noch stärker diversifizieren müssen – bei Energiequellen, bei Lieferanten und auch geografisch.
Was wäre die richtige strategische Antwort?
Ich sehe hier eine Chance. Sowohl Europa als auch die Golfstaaten sind Mittelmächte, die stark unter geopolitischen Spannungen leiden. Es wäre sinnvoll, wenn sie enger zusammenarbeiten würden – sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Europa könnte sich dabei als verlässlicher Partner positionieren, der auf multilaterale Regeln setzt. Das würde zwar nicht kurzfristig die Preise senken, aber langfristig die Resilienz erhöhen. Zudem könnte Europa gemeinsam mit den Golfstaaten der Unberechenbarkeit der USA besser begegnen. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich größtmögliche Einheitlichkeit – innerhalb Europas und innerhalb der Golfstaaten.
Mit Sebastian Sons sprach Diana Dittmer
